Tag der Deutschen Einheit: Von Noppers Ost-Freibadbesuch zu Haseloffs Geschichtsstunde

Hoffnung auf einen „gesamtdeutschen Neustart“: Reiner Haseloff bei der Feierstunde zum Tag der Einheit im Stuttgarter Rathaus.
Lichtgut/Ferdinando Iannone- Stuttgarter Rathaus feierte den Tag der Einheit, Gastredner war Reiner Haseloff.
- OB Frank Nopper plädierte für aufgeklärten Patriotismus und gemeinsame Werte.
- Haseloff hielt eine geschichtliche Einordnung und warnte vor fahrlässigem Umgang mit Demokratie.
- Er kritisierte Festhalten an alten Programmen und forderte einen gesamtdeutschen Neustart.
- Ziel ist ein neues gemeinsames Empfinden – Unterschiede bleiben laut Haseloff noch lange.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Zum Tag der Deutschen Einheit hat die Stadt Stuttgart allerhand mobilisiert. Vor dem Rathaus hängen, wie der Oberbürgermeister sagt, „alle sechs verfügbaren Deutschlandfahnen“. Frank Nopper selbst verteilt zur Feier des Tages am Eingang zum Sitzungssaal schwarz-rot-gelbe Kokarden an die Besucher der Einheitsfeier – es sind mehrere Hundert.
Der prominenteste unter ihnen ist Reiner Haseloff (CDU), der bis Januar 2026 Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt war, und den Nopper bereits vor längerer Zeit als Festredner angefragt hatte, um zum ersten Mal „einen lupenreinen Ostdeutschen“ zu diesem Anlass zu hören. Haseloff hat am Vormittag bereits in Ludwigsburg gesprochen und einen Gottesdienst besucht. Am Nachmittag hat er „Winfried“ getroffen. Gemeint ist Winfried Kretschmann. Anlass war eine CDU-Veranstaltung im Kreis Sigmaringen. Mit dem grünen Ex-Ministerpräsidenten-Kollegen versteht er sich gut: „Wir Konservativen müssen zusammenhalten“, hatte er ihm scherzhaft erklärt. So erzählt Haseloff es bei der Feierstunde im Stuttgarter Rathaus und hat von Anfang an die Sympathien auf seiner Seite.
OB Nopper berichtet von Aufenthalt in Sachsen-Anhalt
Doch bevor er zum Thema „Sind wir noch auf dem Weg zur inneren Einheit?“ spricht, führt OB Frank Nopper in den Abend ein und erntet gleich den ersten Lacher, als er das von der Sopranistin Christina de Mora vorgetragene und von George M. Bailey am Klavier begleitete Eröffnungslied „Meine Lippen küssen so heiß“ aus einer Operette von Franz Lehár mit der Deutschen Einheit vergleicht. Die anfängliche „heiße Liebe“ sei einer gewissen Ernüchterung gewichen, meint der OB. Dann erzählt er von einer Urlaubsreise mit seiner Frau an die Ostsee, bei der er einen Zwischenstopp „in the middle of Sachsen-Anhalt“ eingelegt habe. „Ich habe mich im Freibad in die Schlange gestellt, eine Portion Pommes frites und ein Flutschfinger-Eis bestellt und mit den Menschen gesprochen.“ Noppers Fazit: „Bei Freibadbesuchen im Osten kann man viel lernen.“

Am Tag der Deutschen Einheit ist das Stuttgarter Rathaus mit „allen sechs verfügbaren“ Deutschlandfahnen beflaggt.
Jan SellnerViel lernen kann man nach Meinung des OB auch von dem gebürtigen Stuttgarter Jürgen Klopp, der in seiner viel beachteten Antrittsrede als Bundestrainer für einen positiven Patriotismus plädiert hatte. Nopper ist da ganz bei ihm: „Wir brauchen einen aufgeklärten und völkerverbindenden Patriotismus. Die Farben Schwarz-Rot-Gold sind die Farben der Republik, des Rechtsstaats und der Freiheit“, sagt er staatstragend und betont: „Es sind die Farben aller Deutschen, der Alteingesessenen und Neuhinzugekommenen.“ Entscheidend sei nicht die Herkunft, sondern die Haltung zu gemeinsamen Werten! Dafür gibt es Applaus. Ebenso für seine Anregung, landesweit bei wichtigen Anlässen an den Schulen sowohl die Europa-Hymne als auch das Deutschland-Lied und das Württemberger beziehungsweise das Badener-Lied zu spielen.
Als Haseloff ans Rednerpult tritt, verändert sich der Ton. Es wird leiser, und klingt dennoch eindringlich. Man hat das Gefühl, plötzlich in einem Hörsaal zu sitzen. Auf dem Stundenplan steht das Thema deutsche Geschichte, ausgehend von Sachsen-Anhalt, wo Haseloff die „Wiege der deutschen Nation“ verortet und wo sich südlich von Wittenberg einst der geografische Mittelpunkt des Deutschen Kaiserreichs befand. „Wieviel Wiedervereinigungen brauchen wir noch in Deutschland, um endlich dauerhaft geschichtsfähig zu werden?“, fragt er in die Runde und taucht, ganz ohne Manuskript, tief in die Historie der gescheiterten deutschen Wiedervereinigungen ein, beginnend im Jahr 531, „als Franken und Sachsen die Thüringer auslöschten“.
Er spricht vom Einfall der Ungarn im Jahr 1050, denen sich die germanischen Stämme, geeint vom ersten deutschen Kaiser Otto I. dem Großen, entgegenstellten, und vom Untergang des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation 1806. Er erinnert an das gescheiterte deutsche Kaiserreich von 1871 und die „fahrlässig in die Katastrophe“ geführte Weimarer Republik. Diese Fahrlässigkeit, so warnt er, dürfe sich nicht wiederholen, deshalb müsse man genau hinschauen, „mit welchen Themen wir die Stabilität unserer heutigen Demokratie aufs Spiel setzen“.
Warnung vor „fahrlässigem Umgang“ mit der Demokratie
Haseloff belässt es bei Andeutungen, macht aber klar, worin er ein Kernproblem sieht: „Die Art und Weise, wie wir Probleme angehen und an alten Programmen hängen, statt aktuelle Herausforderungen zu bewältigen.“ Mit dem Ergebnis, dass bundesweite Umfragen inzwischen zu einem ähnlichen Ergebnis führten wie der Wahlausgang in Sachsen-Anhalt. Der CDU-Politiker warnt: „So dürfen wir nicht mit unserer Demokratie umgehen. Wenn wir bestimmte Dinge nicht anfassen, dann sind Umfragen irgendwann auch reale Wahlergebnisse.“ Sein Appell richtet sich an die Politik, die handwerklich besser arbeiten müsse und nicht den Eindruck erwecken dürfe, die Dinge nicht mehr im Griff zu haben. Aber auch an die Medien, die dazu neigten, zu „überziehen“.
Scheitert womöglich auch die jüngste deutsche Wiedervereinigung? Haseloff diagnostiziert nüchtern: „Wir haben eine durch glückliche Umstände begünstigte friedliche Revolution erlebt, es aber leider nicht geschafft, daraus einen neuen Gründungsmythos für unsere jetzige Bundesrepublik zu entwickeln.“ Er plädiert für einen „Neustart“: „Wir müssen den Stolz hervorkehren, etwas geschafft zu haben, das es vermutlich nie wieder geben wird – die Wiedervereinigung“, die Margaret Thatcher einmal mit der „Rückverwandlung eines Omletts (Sozialismus) in die Ursprungseier einer Marktwirtschaft“ verglich. Für Haseloff geht es um die Schaffung eines „gesamtdeutschen Empfindens“. Sonst bestehe die Gefahr, „dass dieses Land wieder mental auseinanderdriftet“.

Feierstunde mit Deutschlandlied: der Sitzungssaal im Rathaus war vollbesetzt.
Lichtgut/Ferdinando IannoneDer Gast aus dem Osten, der phasenweise wie ein Bundespräsident klingt, ist optimistisch, dass dies gelingen kann. Unterschiede würden aber noch lange bleiben. Haseloff zitiert eine Stelle aus dem Alten Testament: „Die Sünden der Väter gehen bis ins dritte und vierte Geschlecht.“ Also 100 Jahre. Er sagt: „Wir werden das noch am Ende des Jahrhunderts bei fast allen Parametern – Mittelstandsdichte, Produktivität etc. – feststellen.“ Mit diesen „harten Fakten“ müsse man sensibel umgehen. Ende des aus Erfahrung gespeisten und mit viel Applaus bedachten Geschichts- und Politik-Seminars.
