Veranstaltung zu Czernowitz im Wortkino: Auf den Spuren von Rose Ausländer und Paul Celan

In der Olha Kobylyanska Straße im alten Czernowitz wartet man auf Besucher.
IMAGO/Pond5 ImagesGut 20 Jahre lang, von 1998 an, hat Helmut Braun quasi jährlich die Stadt Czernowitz besucht in der heutigen Ukraine. Dann kamen Corona und der Krieg. Braun kennt beide Gesichter dieser Stadt im Grenzgebiet zu Rumänien und Moldau. Als Herausgeber und Nachlassverwalter des Werks der Lyrikerin Rose Ausländer kennt er auch das frühere Leben im Schtetl, dem kulturellen Schmelztiegel, der auch das künstlerische Schaffen hier maßgeblich geprägt hat. An diesem Samstag, 16. November, um 20 Uhr sowie am Sonntag um 18 Uhr ist Braun zu Gast im Wortkino in der Werastraße.
Noch ist die Stadt vom Krieg verschont
So beschreibt Braun das aktuelle Leben in Czernowitz: „Die Stadt selbst wurde noch nicht angegriffen.“ Aber sehr wohl gebe es immer wieder Stromausfälle und Engpässe bei der Versorgung der Bevölkerung. Dass die Stadt bisher weitgehend verschont blieb, führt Braun darauf zurück, dass es dort keine Rüstungsbetriebe, Kasernen oder militärische Einrichtungen gebe. Und die nahe Grenze in 20 Kilometer Entfernung zum Nato-Land Rumänien sieht er ebenso als Hinderungsgrund für militärische Aktionen.

Czernowitz aus der Luftansicht
Foto: www.imago-images.de/Copyright: xingus.kruklitis.gmaiEs gibt noch ein kulturelles Leben
Allerdings gebe es schätzungsweise 30 000 Binnenflüchtige, also Ukrainer aus Gebieten, in denen gekämpft wird. Dies in einer Stadt, in der vor dem Krieg etwa 260 000 Einwohner lebten, jetzt noch etwa 200 000. Und es kämpfen etwa 40 000 junge Männer aus Czernowitz im Krieg. Braun: „Auch ohne direkte Kriegsschäden ist die Situation für die Bevölkerung der Stadt belastend. Sie haben sehr viele Ukrainer erlebt, die geflohen sind nach Rumänien, vor allem Frauen, Kinder und Alte. Und sie erleben jetzt, dass immer mehr junge Leute aus der Stadt vom Krieg tot in Särgen zurückkehren.“
Unterstützung aus Deutschland
Dennoch: „Nach wie vor gibt es ein kulturelles Leben in dieser Stadt, es gibt Theater- und Musikaufführungen. Vor allem die jungen Menschen, die noch in der Stadt leben, unternehmen viel. Auch die Universität hat geöffnet“, berichtet Braun. Das liege auch an der Unterstützung aus Deutschland, sehr aktiv sei da Düsseldorf als Städtepartner. „Da gibt es einen sehr regen Austausch“, sagt Braun. Der Tourismus spielte in den vergangenen Jahren ebenfalls eine große Rolle.
Braun: „Aus der sowjetischen Zeit sieht man eigentlich nichts mehr. Czernowitz gehörte damals zu den gesperrten Städten. Da konnte man weder einfach raus noch rein. Und Großbetriebe wie eine Strumpffabrik, die einst die ganze Sowjetunion versorgte, gibt es längst nicht mehr“, sagt Braun. Von 2004 und 2005 an hätten europäische Firmen die Region entdeckt, heute seien dort alle Handelsfirmen präsent, „die es auch hier gibt“. Entsprechend sei das Stadtbild gepflegt mit Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und Parks, wie im 19. Jahrhundert angedacht als ein Vorposten von Wien. Zwar gebe es ein Museum, dessen Schätze aus Sicherheitsgründen allerdings ausgelagert seien, sowie zwei Synagogen, aber ein jüdisches Leben gebe es nicht mehr in der Öffentlichkeit.
Czernowitz im Wortkino
Braun wird im Wortkino unter dem Motto „Czernowitz: Ein mondäner Vorposten der Habsburger Monarchie“ das Glück und Elend der Stadt und ihrer Menschen anhand von Gedichten und Prosa von Rose Ausländer, Paul Celan, Selma Meerbaum, Itzik Manger, Elieser Steinbarg, Kubi Wohl, Immanuel Weißglas und anderen beschreiben. Und am 17. November um 18 Uhr beleuchtet Braun unter der Überschrift „Du hast mit deinen Sternen nicht gespart“ das Verhältnis von Paul Celan und Rose Ausländer. Beide wurden in Czernowitz geboren und sind dort aufgewachsen. Beide haben die Shoa überlebt, ihr Leben und Werk sind davon geprägt. Ob sie nun eine gute Bekanntschaft, eine tiefe Freundschaft, oder gar Liebe verband, darauf hat Braun mit Hilfe von Gedichten, Briefen und anderen Texten eine überraschende Antwort.