Verkehr in Stuttgart-Ost: Aus Existenzangst: Händler gegen Drosselung des Autoverkehrs

Bäckerei, Apotheke und Metzger in Laufweite – in Gablenberg ist die Infrastruktur intakt.
Sebastian SteegmüllerDer Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kämpft für weniger Durchgangsverkehr in Gablenberg und Gaisburg. Thomas Baur, verkehrspolitischer Sprecher des Kreisverbands Stuttgart wirft der Stadtverwaltung vor, nichts gegen die „Autoflut in Stuttgart-Ost“ zu unternehmen. Er fordert, dass die geplante Aufwertung der Gablenberger Ortsmitte mit verkehrsberuhigenden Maßnahmen einhergehen müsse. Ein erster Schritt für mehr Aufenthaltsqualität sei ein Einfahrtsverbot für Autos und Lastwagen am Schmalzmarkt in Richtung Wagenburgstraße.
Händler setzen auf Durchgangsverkehr
Dieser Vorschlag stößt beim 1979 gegründeten Handels- und Gewerbeverein Gablenberg (HGV) auf wenig Begeisterung. „Hoffentlich kommt das so nicht,“ sagt der Vorsitzende Peter Metzler. „Die Händler können auf den Durchgangsverkehr nicht verzichten.“ Noch deutlicher wird HGV-Mitglied Francesco Ingrassia. An Wochenenden würden sich zwar teils lange Schlangen vor seinem Laden bilden. „Das ändert jedoch nichts daran, dass wir unter der Woche von den Pendlern leben, die auf dem Weg zur Arbeit sind. Ohne sie wird die Gablenberger Hauptstraße sterben“, sagt der Betreiber der Bäckerei Königsbäck.

Lastwagen am Schmalzmarkt. Der BUND will den Verkehr durch Gablenberg in Richtung Gaskessel reduzieren.
Foto: Sebastian SteegmüllerIngrassia begrüßt grundsätzlich jede Initiative, die Gablenberg lebenswerter macht. „Weniger Lärm und bessere Luftqualität sind ein Gewinn für alle Anwohner, Kunden und Mitarbeiter. Gleichzeitig darf man aber nicht vergessen werden, dass viele Menschen uns mit dem Auto erreichen“, so der 35-Jährige. „Von der romantischen Vorstellung, dass jeder Stuttgarter auf seinem Rädle unterwegs ist, muss man sich lösen.“
Sobald Autofahrer aufgrund von Baustellen einen Bogen um Gablenberg machen, würde man das spüren. „Das zeigte sich zuletzt, als die Rechtssabbiegerspur zur Talstraße wegen des Baugerüsts monatelang gesperrt war. Es reicht nicht, auf Verkehrsreduzierung zu setzen und hoffen, dass alles gut wird. Ich glaube, das Gegenteil ist dann der Fall“, so Ingrassia.
Königsbäck will Gemeinwohl fördern
„Als handwerklicher Betrieb mitten in Gablenberg sehen wir uns, gemeinsam mit den anderen Institutionen und Geschäften, als prägender Teil des gesamten Erscheinungsbildes unseres Stadtteils.“ Er sei stolz darauf, was man geschaffen habe. „Mit dem Umzug in größere Räume haben wir, der Königsbäck, auch versucht, diesen Ort aufzuwerten, die Lebensqualität zu erhöhen und das Gemeinwohl zu fördern.“
Was habe man von leeren Straßen, wenn die Grundversorgung nicht mehr gewährleistet sei? „Wir wünschen uns daher eine Lösung, die Umweltschutz und lebendiges Gewerbe verbindet: zum Beispiel Kurzzeitparkplätze für Kunden, klar ausgewiesene Lieferzonen und eine enge Abstimmung mit den ansässigen Betrieben“, sagt der Italiener. Nur so bleibe Gablenberg attraktiv – als Wohnort, Einkaufsstraße und Treffpunkt.
Und dennoch besteht offenbar Verbesserungspotenzial. Anfang Juli haben Eltern und ihre Kinder vor der evangelischen Kindertagesstätte in Gablenberg demonstriert und sich aufgrund der „gefährlichen Verkehrssituation“ für Tempo 30 samt Blitzer eingesetzt. Forderungen, die schon von Anwohnern mehrfach gestellt wurden und die auch der HGV-Vorsitzende unterstützt.
„Seit vielen Jahren setzen wir uns dafür ein“, sagt Metzger, Seniorchef des gleichnamigen, traditionsreichen Raumausstatterbetriebs in Gablenberg. Er versteht, nicht, dass die Stadt Tempo 30 auf Vorbehaltsstraßen kategorisch ablehnt. Nachbarkommunen seien beim Thema zulässige Höchstgeschwindigkeit flexibler, selbst wenn Linienbusse dort unterwegs seien.
Auch Francesco Ingrassia würde es begrüßen, wenn in Gablenberg langsamer gefahren würde. „Den Schwerlastverkehr brauche ich hier ebenfalls nicht“, sagt der Bäckermeister. „Die meisten Lastwagen haben nichts in Stuttgart-Ost zu suchen, sind aufgrund des geltenden Durchfahrtsverbots verbotswidrig unterwegs.“ Mit moderner Technik müsse es doch möglich sein, auch ohne Kontrollen Anlieger vom Durchgangsverkehr unterscheiden zu können. „Wir leben im Jahr 2025.“
Peter Metzler pflichtet dem 35-Jährigen bei, stellt sich die Trennung indes schwierig vor. Zugleich befürchtet er, dass sich bei einem lokalen Lkw-Verbot die Probleme im Stadtbezirk nur verschieben könnten. Sinnvoller sei möglicherweise ein Mobilitätskonzept für Stuttgart-Ost zu entwickeln. Für solch eine Lösung setzt sich auch die FDP-Stadtgruppe im Bezirksbeirat Ost ein. Sie fordert eine stadtweite, intelligente Verkehrssteuerung und keine Insellösung für Gablenberg.“ Den Antrag des BUND lehnen die Liberalen ab.
