Vom Lost Place zum Vorzeigehaus: Ein Ort, an dem Stuttgart so richtig schön alt aussieht
Gerade weil es so klein und unscheinbar ist, sticht es heraus: das Haus mit der Nummer 49 in der Hauptstätter Straße gleich beim Wilhelmsplatz. Heute würde man von einem Tiny House sprechen, früher war es eher Standardmaß. Am Freitag wurde dort Richtfest gefeiert. Der Zimmerermeister überbrachte zum Abschluss der achtmonatigen Zimmermannsarbeiten seine guten Wünsche in Reimform und der Bauherr Erhard Bruckmann, Vorsitzender des Stuttgarter Verschönerungsvereins, sprach vom Baugerüst aus die Worte: „Möge dieses Haus stets ein Ort sein, an dem Menschen, denen diese wunderbare Stadt am Herzen liegt und diese nicht nur unter dem Aspekt der Grundfläche zum Geldverdienen sehen, mit klugen Gedanken zusammenwirken zur Schönheit unserer geliebten Heimatstadt.“
Beklatscht und gefeiert wurde allerdings kein Neubau, sondern die schrittweise Wiederherstellung des ältesten profanen Gebäudes der Stuttgarter Innenstadt. Sein Alter beträgt mindestes 434 Jahre. In einer Stadtansicht von 1592 ist es bereits dargestellt. Der Verschönerungsverein zählt es neben dem Geburtshaus Hegels, das auf das 17. Jahrhundert datiert wird, und dem Gasthaus Tauberquelle aus dem 18. Jahrhundert zu den stadtbildprägenden Gebäuden in dem im Krieg stark zerstörten Stadtzentrum. „Mit diesem Alter hat das Gebäude eine herausragende Wirkung für das kollektive Erinnerungsgedächtnis Stuttgart“, betont der Verein. Angesichts des Mangels an alten Bauwerken in der Stuttgarter City sei der Erhalt und die Sanierung des Hauses dringend geboten. Das Gebäude veranschauliche auch „die Maßstäblichkeit der historischen Leonhardsvorstadt“ und sei daher von großem stadtgeschichtlichem Interesse.
Die Einweihung des Häusles in der Hauptstädter Straße 49 im 16. Jahrhundert dürfte allerdings weniger feierlich vonstatten gegangen sein als das jetzige Richtfest. Es hatte ursprünglich die Funktion eines Armenhauses. Im Laufe der Jahrhunderte, abhängig auch von architektonischen Moden, veränderte sich die Fassade – und die Nutzung.
Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, den das Gebäude unzerstört überstand, hat der Verschönerungsverein seine Geschichte dokumentiert. Demnach war in dem einstigen Armenhaus bis in die 1960er Jahre hinein ein Lebensmittelladen der bekannten Karl-Gaissmaier-Handelskette aus Ulm untergebracht. In den 1970er Jahren folgt der „Übergang zu Rotlicht-affinen Nutzungen“. Im Erdgeschoss befand sich ein Imbiss, später die sogenannte „Sissybar“. Im Obergeschoss gab es „Zimmerprostitution“.

Erhard Bruckmann, Vorsitzender des Verschönerungsvereins, spricht beim Richtfest.
Foto: Lichtgut/Max KovalenkoVor 15 Jahren dann beschloss die Stadt nach einigem Zögern von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen und das Gebäude für rund 300.000 Euro zu erwerben. Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, die daran ihren Verdienst hatte, formuliert es rückblickend so: „Wir haben das Gebäude dem Milieu entrissen.“ Bis die Stadt jedoch tatsächlich Zugriff darauf hatte, verging noch viel Zeit; der Alteigentümer hatte vor dem Verkauf die Miet- und Pachtverträge auf viele Jahre hinaus verlängert. Ende 2022 beschloss der Gemeinderat dann, das Haus dem Verschönerungsverein für die nächsten 150 Jahre im Wege des Erbbaurechts zu übertragen.
2027 soll das Gebäude fertig sein
Es folgten eine gründliche denkmalkundliche Voruntersuchung des denkmalgeschützten Gebäude und schließlich der Start der auf rund 1,5 Millionen Euro veranschlagten Sanierung. Der Verschönerungsverein bringt dafür Eigenmittel auf; Unterstützung kommt vom Landesamt für Denkmalpflege und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Gleichwohl hofft der Verein auf weitere Spenden aus der Bürgerschaft.
Ihr soll das Gebäude auch zugute kommen. Im Erdgeschoss entsteht ein Ausstellungs- und Veranstaltungsraum, den Vereine und interessierte Gruppen bei Bedarf nutzen können. Ins Ober- und ins Dachgeschoss zieht der bisher in unmittelbarer Nachbarschaft in der Weberstraße untergebrachte Verschönerungsverein selbst ein, samt Archiv und Bibliothek. „Wer einen Raum braucht für schmales Geld, kann sich gerne an uns wenden“, sagt Bruckmann.
Bis dahin dauert es allerdings noch etwas. Beim Betreten des nun mit einem erneuerten Dach versehenen Gebäudes wird deutlich: Hier ist noch eine Menge zu tun. Mehr als ein Gerippe ist nicht vorhanden. Im Erdgeschoss türmen sich die alten Steine. Bruckmann, der die Zusammenarbeit mit den Denkmalbehörden ausdrücklich lobt, ist dennoch zuversichtlich, dass das modernisierte uralte Häusle im nächsten Jahr bezogen werden kann.











