Nach Macklemore-Aus: Ed Sheeran verliert sämtliche Support-Acts seiner Tour

Ed Sheeran, britischer Popstar, steht auf der Bühne und nimmt den Preis für den Songwriter des Jahres bei den Brit Awards 2022 entgegen. (Archivbild)
Joel C Ryan/AP/dpaDer Streit um Macklemores „Free Palestine“-Äußerungen zieht immer größere Kreise. Nachdem der Rapper aus Ed Sheerans „Loop Tour“ genommen wurde, haben sich nun auch Finneas, Aaron Rowe, Lukas Graham und Beoga zurückgezogen. Mehrere von ihnen begründen ihre Entscheidung ausdrücklich mit Solidarität mit Macklemore und den Palästinensern. Sheeran weist unterdessen zurück, selbst für Macklemores Rauswurf verantwortlich zu sein.
Für Ed Sheeran entwickelt sich die Kontroverse um Macklemore zu einem handfesten Problem für seine „Loop Tour“: Innerhalb weniger Stunden haben sich sämtliche noch vorgesehenen Support-Acts sowie Musiker aus seiner Begleitband von kommenden Terminen zurückgezogen.
Finneas, Aaron Rowe, Lukas Graham und die irische Band Beoga erklärten am Dienstag unabhängig voneinander, nicht mehr wie geplant mit Sheeran auftreten zu wollen. Ihre Entscheidungen folgen auf den Ausschluss Macklemores, der bei zwei Konzerten im MetLife Stadium in New Jersey unter anderem „Free Palestine“ gerufen und seine Unterstützung für die Menschen in Gaza und im Westjordanland bekräftigt hatte.
Finneas: „Künstler dürfen nicht zum Schweigen gebracht werden“
Zu den prominentesten Absagen gehört Finneas. Der Bruder und langjährige musikalische Partner von Billie Eilish sollte Sheeran bei sechs Konzerten in Südamerika im November begleiten. Nun zieht er sich zurück.
„Künstler dürfen nicht zum Schweigen gebracht werden, wenn sie sich für die Unterdrückten einsetzen“, schrieb Finneas auf Instagram. Er habe sich deshalb entschieden, seine kommenden Termine mit Sheeran abzusagen. Zudem erklärte er seine Solidarität mit Palästina und dessen Bevölkerung.
Auch Aaron Rowe, Beoga und Lukas Graham ziehen Konsequenzen
Kurz zuvor hatte bereits der irische Sänger Aaron Rowe seinen Ausstieg verkündet. Rowe hatte Sheeran Anfang des Jahres in Australien begleitet und sollte bei allen zehn noch ausstehenden nordamerikanischen Konzerten auftreten.
Rowe begründete seine Haltung auch mit der irischen Geschichte von Kolonialisierung, Hunger und Besatzung. Besonders scharf kritisierte er den Einfluss wohlhabender Stadionbesitzer auf die Entscheidung über Macklemores weitere Teilnahme an der Tour. Für ihn wäre es nicht mit den eigenen Überzeugungen vereinbar gewesen, nach dem Ausschluss des Rappers wie geplant weiter aufzutreten.
Wenig später folgte Beoga. Die traditionelle irische Band arbeitet seit Jahren mit Sheeran zusammen und war für die US-Termine auch als Teil seiner Liveband vorgesehen. In ihrem Statement machten die Musiker deutlich, sie könnten die Tour nach dem, was sie als „Silencing“ Macklemores bezeichnen, nicht fortsetzen.
Auch die Band Lukas Graham stieg aus. Die Band argumentierte, über Krieg, getötete Zivilisten und Kinder sprechen zu können, dürfe nicht davon abhängen, welche Seite eines Konflikts betroffen sei. Finanzielle Macht dürfe ihrer Ansicht nach nicht bestimmen, wer öffentlich sprechen könne und welches Leid thematisiert werde.
Damit haben alle für die kommenden Tourtermine vorgesehenen Support-Acts ihren Rückzug erklärt und gleichzeitig ihre Solidarität mit Palästina ausgesprochen.
Der Ausgangspunkt: Macklemores Auftritte im MetLife Stadium
Ausgelöst wurde die Auseinandersetzung durch Macklemores Auftritte am 4. und 5. September im MetLife Stadium in New Jersey.
Der Rapper sagte dort, einer der Gründe für seine Teilnahme an der Tour sei die Möglichkeit gewesen, in großen US-Stadien „Free Palestine“ zu sagen. Er spielte außerdem seinen Protestsong „Hind’s Hall“, während Bilder aus Gaza auf den Leinwänden gezeigt wurden. Beim zweiten Konzert wandte er sich ausdrücklich an jüdische Zuschauer und erklärte, Kritik an Israel richte sich nicht gegen jüdische Menschen.
Die Auftritte lösten heftige Reaktionen aus. Der Israeli American Council startete eine Petition gegen Macklemores weitere Teilnahme. Zugleich erklärten mehrere Betreiber kommender Tour-Spielstätten, ein Konzert mit Macklemore im Line-up nicht stattfinden lassen zu wollen.
Der Veranstalter Messina Touring Group teilte daraufhin mit, Macklemore werde bei den verbleibenden geplanten Terminen nicht mehr auftreten. Ohne diese Entscheidung hätten nach Angaben des Veranstalters Absagen gedroht, von denen Hunderttausende Konzertbesucher betroffen gewesen wären.
Sheeran: „Es war nicht meine Entscheidung“
Nachdem Macklemore zunächst geschrieben hatte, „Ed Sheeran und sein Team“ hätten ihn von der Tour genommen, reagierte Sheeran am Dienstag mit einer ausführlichen eigenen Stellungnahme.
Er widersprach dabei vor allem dem Eindruck, selbst Macklemores Ausschluss angeordnet zu haben. Macklemores Vertrag habe mit dem Veranstalter bestanden, nicht mit ihm.
Sheeran bestätigte jedoch, dass Betreiber kommender Stadien damit gedroht hätten, die Konzerte nicht stattfinden zu lassen, solange Macklemore Teil des Programms sei. Er habe anschließend ausführlich mit den Verantwortlichen gesprochen und versucht, eine Lösung zu finden. Zu diesen Gesprächen gehörte nach seinen Angaben auch Robert Kraft, Eigentümer der New England Patriots und der Kraft Group, zu der das Gillette Stadium gehört. Letztlich seien die Entscheidungen der Spielstätten und des Veranstalters jedoch endgültig gewesen.
Kraft wiederum verteidigte die Entscheidung, Macklemore nicht im Gillette Stadium auftreten zu lassen. Seine Organisation begründete dies unter anderem mit Äußerungen und Bildsprache Macklemores, die sie als antisemitisch und verletzend für die jüdische Gemeinschaft bewertet. Macklemore weist eine Gleichsetzung seiner Kritik an Israel mit Antisemitismus zurück.
Dass Ed Sheeran eine Vorgeschichte mit Robert Kraft, der als Trump-Unterstützer gilt, hat, ist bekannt: 2022 spielte der Sänger auf Krafts Hochzeit mit der 33 Jahre jüngeren Dana Blumberg.
Sheeran verteidigt seine unpolitische Haltung
Sheeran äußerte sich in seinem Statement auch grundsätzlicher. Er sei entsetzt über den Konflikt und das Leid von Menschen auf beiden Seiten. Dass er seine persönlichen Ansichten dazu nicht öffentlich äußere, bedeute weder, dass ihm das Geschehen gleichgültig sei, noch dass er keine eigene Haltung habe.
Seine Konzerte wolle er bewusst nicht zu politischen Foren machen. Zu seinem Publikum gehörten Menschen unterschiedlichster Herkunft sowie viele Kinder. Seine Shows sollten nach seiner Vorstellung Orte sein, an denen sich Menschen sicher und willkommen fühlen könnten.
Gleichzeitig betonte Sheeran, Macklemores Entschlossenheit zu respektieren, öffentlich für seine Überzeugungen einzustehen. Es gebe unterschiedliche Wege, sich für Veränderungen einzusetzen, argumentierte er.
Bemerkenswert ist dabei eine Passage seines Statements, die nur wenige Stunden später eine neue Bedeutung bekam: Sheeran erklärte, er werde weder seine Fans im Stich lassen noch jene Support-Acts und Musiker, deren Lebensunterhalt von der Tour abhänge.
Genau diese Musiker haben sich nun selbst entschieden zu gehen.
Aus einem Tourstreit wird eine Grundsatzdebatte
Damit hat die Auseinandersetzung eine neue Dimension erreicht. Zunächst ging es um Macklemores politische Botschaften während zweier Stadionkonzerte und um die Frage, was ein Veranstalter oder Stadionbetreiber auf seiner Bühne akzeptieren muss. Inzwischen geht es innerhalb der Musikbranche zunehmend auch darum, welche Konsequenzen Künstler daraus ziehen, wenn wirtschaftliche Interessen, politische Äußerungen und die Kontrolle über große Konzertbühnen aufeinanderprallen.
Finneas, Aaron Rowe, Lukas Graham und Beoga richten ihre Kritik dabei nicht in erster Linie persönlich gegen Sheeran. Mehrere von ihnen betonen ausdrücklich ihre Freundschaft oder Wertschätzung für ihn. Trotzdem ziehen sie praktisch dieselbe Konsequenz: Nach Macklemores Ausschluss wollen sie nicht mehr Teil der Tour sein.
Für Sheeran bedeutet das, dass die ohnehin aufgeheizte Kontroverse unmittelbar vor der Fortsetzung seiner Stadiontour nicht abebbt, sondern größer wird. Die „Loop Tour“ soll weitergehen – nur das ursprünglich geplante Rahmenprogramm existiert inzwischen nicht mehr.
