Auswanderung
: Deutsche unerwünscht

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Im 19. Jahrhundert war es umgekehrt. Millionen Deutsche flohen vor Unfreiheit und Hunger nach Nordamerika. Dort waren sie nicht bei allen willkommen, kommentiert Siri Warrlich.
Kommentar von
Siri Warrlich
Stuttgart
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Das Auswandererdenkmal des US-amerikanischen Bildhauers Frank Varga (Detroit) auf dem Willy-Brandt-Platz an der Bremerhavener Seebäderkaje.

imago //Eckhard Stengel

Deutschlands künftiger Kanzler hält arabischstämmige Schüler für „kleine Paschas“. Von abgelehnten Asylbewerbern glaubt Friedrich Merz: „Die sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne neu machen, und die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine.“ Doppelstaatlern, die schwere Straftaten begehen, sollte die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen werden können, forderte Merz im Wahlkampf. Menschen aus der Ukraine hatte er einige Zeit davor „Sozialtourismus“ nach Deutschland vorgeworfen.

Friedrich Merz sollte sich darauf besinnen, dass das Glück nicht immer auf der Seite der Deutschen war. Ja, heute kommen Migranten in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland. Denn Deutschland bietet Freiheit und Demokratie. Man kann hier seine Meinung sagen ohne Sorge, morgen dafür in einem dunklen Verlies zu landen. Man kann seinen Beruf frei wählen und jeden Gott anbeten, der einem in den Sinn kommt. Das zieht Menschen an.

Millionen Deutsche verließen das Land

Einst war es umgekehrt. Das ist noch gar nicht so lange her. Im 19. Jahrhundert verließen Millionen Deutsche diesen Flecken Erde. Sie flohen vor dem Obrigkeitsstaat, der mit grober Gewalt Aufstände verarmter Arbeiter niederschlug. Die Leute waren fertig mit der Standesgesellschaft, der staatlichen Zensur, der Unfreiheit. Hinzu kamen Wirtschaftskrise und Hungersnöte, nach 1848 auch Enttäuschung über die gescheiterten Revolution. Viele Verzweifelte trieb es nach Amerika. „Zwischen 1815 und 1950 wanderten über acht Millionen Deutsche, darunter mehr als zehn Prozent aus dem heutigen Baden-Württemberg, nach Nordamerika aus“, schreibt die Landeszentrale für politische Bildung. Einer von ihnen war der Stuttgarter Schriftsetzer Carl Herzog, dessen Leben der Autor Udo Zindel in seinem faszinierenden Buch „Heiß ersehntes Amerika“ anhand von erhaltenen Briefen nachzeichnet. Einige Zeit nach Carls Ankunft in Amerika schrieb er an die Familie in Stuttgart: „Ich glaube hier gefunden, was ich so sehnlich gewünscht, Freiheit. Hier darf man doch noch seine Herzensmeinung sagen, denn es sitzt nicht in jedem Winkel ein Polizeispion. Von diesen Hallunken bin ich, Gott sei Dank, erlöst (…).“

Argwohn und Fremdenhass schlugen dem Deutschen entgegen

Doch Carl wurde in Amerika nicht von allen freundlich aufgenommen. Argwohn, Fremdenhass, Vorurteile schlugen dem Deutschen entgegen – genau wie vielen Migranten heute in Deutschland. Angesichts der hohen Zahl deutscher Einwanderer sorgten sich alteingesessene Amerikaner darum, wie die Neuen das Land verändern würden. „Nur wenige ihrer Kinder hierzulande lernen Englisch“, schrieb zum Beispiel Benjamin Franklin schon um 1750 über deutsche Einwanderer. Er kritisierte, dass Straßenschilder an einigen Orten nur noch auf Deutsch seien und dass die Deutschen sogar juristische Dokumente in ihrer Sprache anstatt auf Englisch abfassten. Tatsächlich blieben viele deutsche Einwanderer unter sich, schildert Udo Zindel. Sie gründeten deutsche Zeitungen, Gesangsvereine, ganze Kleinstädte. Ist das so anders als mancher Straßenzug etwa in Mannheim, wo heute vorwiegend türkische Schilder an Geschäften hängen? Gegen Katholiken wurde in Amerika um 1850 gehetzt wie heute teils gegen Muslime in Deutschland. Mit der „Know Nothing“ Partei entstand eine politische Bewegung, die sich gegen Einwanderung richtete. „Radikalere Köpfe forderten damals Zwangsehen mit Amerikanern, ein Verbot deutscher Zeitungen und der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit – oder gleich einen immigration ban, der keine Deutschen mehr ins Land lässt“, schreibt Zindel.

Heute will Friedrich Merz an Deutschlands Grenzen Asylbewerber zurückweisen. Ich habe keine Ahnenforschung für Friedrich Merz betrieben. Doch es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch unter seinen Vorfahren einige einst in Amerika nach Freiheit und Wohlstand suchten, dafür beschimpft und angefeindet wurden und andere, die schon länger da waren, sie am liebsten aus dem Land geschmissen hätten. Man kann diese Leute nicht mehr fragen, was sie von der Migrationspolitik ihres Nachfahren halten.

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