In der ukrainischen Frontstadt Pokrovsk: Kaffee, Tee und Wut auf Trump

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Stuttgarter ZeitungDer Krieg tobt hinter einem blau-gelben Fahnenmeer. An der Kreuzung nach Kamjanka, einem 700-Seelen-Nest aus dem 17. Jahrhundert in der Ukraine. Russische Leibeigene lebten hier einst; damals wie heute verdienten die Menschen Kamjankas ihren Lebensunterhalt im Kohlebergbau: Hohe Halden, der träge fließende Fluss Byk durchschneidet das Dorf – und unentwegt dringt der Geruch nach verbrennender Kohle in die Nase.
Kamjanka ist wie eine Blaupause für die Region um die Bergbaustadt Pokrovsk. 60 127 Menschen lebten hier im Jahr 2020. Beim Bahnhof mit der braun-beigen Fassade und dem blauen Dach kommen aus allen vier Himmelsrichtungen 15 Eisenbahnstränge zusammen. Von hier aus versorgte die ukrainische Armee bis zum vergangenen Sommer die gesamte Front im Süden. Heute weckt der Knotenpunkt die Begehrlichkeiten der russischen Soldaten, die am 24. Februar 2014 auf Befehl ihres Machthabers Wladimir Putin den Süden der Ukraine überfielen, als gäbe es kein Völkerrecht. Auf den Tag genau acht Jahre später dehnte er den Krieg auf das ganze Land aus. Stieß bis vor die Tore der Hauptstadt Kiew vor, nur um zwei Monate später mit seinen hochgerüsteten Soldaten vor den Verteidigern bis in den Süden der Ukraine zu fliehen.
Seitdem tobt hier ein Stellungskrieg, der nur noch mit dem ersten Weltkrieg zu vergleichen ist: mannshohe Gräben und fußballfeldlange Stacheldrahtverhaue, so weit das Auge reicht. Gekämpft wird um Meter. Nur bei Pokrovsk nicht. Seit 230 Tagen wird am heutigen Mittwoch um die Stadt geblutet und gestorben. 2780 Meter südlich der Stadt haben die ukrainischen Verteidiger die russischen Aggressoren gestoppt – für den Moment.
Zwei Wege führen noch von Kamjanka nach Pokrovsk: Geradeaus geht’s über die Autobahn E 50 an die Front. „Der unsichere Weg“, sagt ein Polizist am Kontrollpunkt. Und dann noch links über die Dörfer. Alle Wege führen zunächst in die Straße „Vulytsya Zaliznychna“: ein Geschäft nach dem nächsten, ein Basar, Cafés, Autowerkstätten – vor sechs Monaten alle geöffnet. Heute brummen hier mit Diesel gefüllte Notstromaggregate rund um die Uhr. Zwei Kaffeebuden und zwei Geschäfte haben noch geöffnet.
Kein fließendes Wasser, kein Strom, Mörser im Garten
Der Tante-Emma-Laden „Vegec“ ist eines: tiefgefrorener Fisch, deutsches Waschpulver, Paketchen Fertigsuppen mit aufgedruckten asiatischen Schriftzeichen. Warmen Kaffee und Tee gibt es dazu, Schwätzchen inklusive. Wie mit Tetiana, einer 79-Jährigen aus dem Dorf Rodynske, die ein- bis zweimal in der Woche zehneinhalb Kilometer zum Laden „Vegec“ läuft, um einzukaufen. Dann wieder zurück. „Was bleibt mir anderes übrig?“, fragt sie schulterzuckend und nippt an ihrem Tee. Wut bricht sich Bahn: „Wir haben doch nichts Unrechtes getan. Unsere Soldaten standen und stehen doch nicht in Russland. Die Russen sind bei uns. Die ermorden uns. Jetzt stehen die Amerikaner auch noch auf Putins Seite. Womit haben wir das verdient?“
Seit Monaten sammeln die Menschen in Pokrovsk Trink- und Waschwasser in ihren Badewannen, schmelzen Schnee, weil es kaum fließend Wasser und Strom gibt. Dafür surren nahezu unentwegt russische Drohnen über der Südstadt. Tetiana zieht den Kopf zwischen die Schultern, als nahebei mit hohem Knall eine Granate einen Mörser verlässt. Die Feuerzüge sind in Gärten versteckt. Dumpf wummern 155-Millimeter-Geschosse französischer Caesar-Kanonen aus weiteren Gärten und Gassen: Die ukrainischen Kanoniere schießen drei, vier Mal, dann kurven sie die Geschützlastwagen in eine neue Stellung, um russischem Beschuss zu entgehen. Der Wind trägt das Rattern von Maschinengewehren in die Stadt. Eine Kolonne olivgrüner Geländewagen rast vorbei, ein Leopard-1A5-Kampfpanzer aus deutscher Produktion folgt. Niemand weiß, wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer noch in der Stadt leben.
„Das letzte Bollwerk gegen Putin vor Europa“
Einer, der ausharrt, ist Oleksii. Wie viele Ukrainer will er sich erst nicht fotografieren lassen: „Es gibt auch Menschen, die zwar einen ukrainischen Pass haben, aber Putin im Herzen“, sagt er mit Blick auf die russischen Minderheiten in vielen Städten in den Regierungsbezirken Donezk und Luhansk. Ein Siebtel der Menschen in Pokrovsk zählten 2020 zu diesen Minderheiten. Viele von ihnen seien geblieben, um die russischen Soldaten zu begrüßen. „Sie sind mehr als wir“, sagt Tetiana. Oleksii senkt den Blick, während er fotografiert wird: „Seit Wochen nur Katzenwäsche, da ist man wenig tauglich für Fotos“, sagt er leise.
Die nächste Verteidigungslinie beginnt am Friedhof von Pokrovsk
Deutlich wird er zur aktuellen Weltpolitik, nachdem am Freitagabend ein Treffen zwischen dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenkskyj und US-Amtsinhaber Donald Trump in Washington eskalierte: „Selenkskyj hat unserem Land im Weißen Haus Ehre gemacht: Die eigene Welt Trumps und JD Vance‘ sähe vielleicht anders aus, wenn sie einmal zwei Stunden hier wären. Aber diese Erfahrung passt nicht eine Welt, in der bedenkenlos Menschenleben und vor allem Freiheit den Deals geopfert werden. Die Amerikaner scheinen nicht mehr zu verstehen, was Freiheit bedeutet.“
Tetiana klopft Oleksii auf die Schulter. Vadim, Olerksandr und Dmytro nicken. Alle sind über 50 Jahre alt. Alle harren aus und hoffen darauf, dass die ukrainischen Gegenangriffe und Gegenstöße weiter Erfolg haben. Dass die nächste Verteidigungslinie gar nicht erst besetzt werden muss, die Soldaten und Zivilisten seit Wochen bei Temperaturen von minus 15, minus 20 Grad aus dem gefrorenen Boden graben. Sie fängt gleich hinter dem Friedhof von Pokrovsk an.
Fallschirmjäger, die noch nie aus Flugzeugen sprangen
Fallschirmjäger der 25. Luftlandebrigade drängen die Russen am südlichen Stadtrand zurück. Die wenigsten dieser Soldaten sind je aus einem Flugzeug gesprungen. Wenig weiter im Westen von Pokrovsk nimmt das 425. Sturmregiment seit vergangener Woche erfolgreich von der Autobahn E 50 aus mit Leopard-Panzern und Drohnen russische Eliteverbände der 90. Gardepanzerdivision unter Beschuss. Erobert ein Stellungssystem nach dem anderen in blutigen Grabenkämpfen: Feuerstöße mit dem Sturmgewehr um die Ecke des Grabens, Handgranate, ducken, wieder Feuerstöße, ein Fuß vor den anderen setzend schreiten die Soldaten in die nächsten zehn, 15 Meter Schützengraben. Meter für Meter weichen die russischen Angreifer langsam zurück.
Dass die Russen verlieren, das eigene Land in seinen alten Grenzen wieder ganz den Ukrainern gehört, dafür betet 1129 Kilometer entfernt in der Garnisonskirche von Lwiw Elmira: „Wir wurden in unserer eigenen Heimat, zu Hause von Putin überfallen, werden ermordet, verschleppt, gefoltert und vergewaltigt. Das muss ein Ende haben. Wir brauchen Frieden, keine Generationen getöteter Männer und Frauen.“ Umgeben ist sie von hunderten Bildern seit 2014 getöteter ukrainischer Soldatinnen und Soldaten – nur die, die aus dem Großraum Lwiw kommen.
„Dauerhaften Frieden kann es aber nur in einer selbstbestimmten, unabhängigen Ukraine geben“, beschwört sie. „Frieden kann es nicht in einer und für eine Ukraine geben, in der Putin den nächsten Krieg auf den Rest Europas vorbereitet.“