Vor dem Parteitag in Erfurt: Krawalle und Gewalt bei Demos Demos nützen nur der AfD

Das Sandmännchen aus DDR-Tagen sitzt mit einem Schild "Jetzt nicht müde werden. Es ist kurz vor 1933" auf einer Parkbank im sonnigen Erfurt. Vor dem Bundesparteitag der AfD haben Unbekannte die Kika-Figuren in der Innenstadt mit Demo-Schildern ausgestattet. Sie rufen zum Protest gegen die Veranstaltung auf.
Imago/Paul-Philipp Braun- AfD hält am Samstag und Sonntag in Erfurt einen Bundesparteitag mit Neuwahlen der Führung ab.
- Weidel und Chrupalla gelten als gesetzt, der gesamte Vorstand wird neu gewählt.
- Es sind rund 30 Gegenproteste geplant, Polizei erwartet zehntausende Demonstrierende.
- Behörden rechnen mit 2000 bis 2500 gewaltbereiten Linksextremisten – Blockaden sind angekündigt.
- Maier warnt vor Gewalt, da sie der AfD nützen würde, AfD kündigt Null-Toleranz gegenüber Gewalt an.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die AfD polarisiert - wie sehr, wird sich an diesem Wochenende in Erfurt zeigen. Die in Umfragen erstarkte AfD kommt dort am Samstag (4. Juni) und Sonntag (5. Juni) zu einem Bundesparteitag zusammen, bei dem sie sich als Kraft präsentieren will, die zur Übernahme von Regierungsverantwortung bereit ist.
Es werden aber auch zehntausende Gegendemonstranten erwartet - und viele davon wollen versuchen, den Parteitag durch Blockaden komplett zu verhindern. Die wichtigsten Fragen und Antworten rund um das AfD-Treffen:
Worum geht es beim Parteitag?
Es geht in erster Linie ums Personal. Wichtigster Programmpunkt in den Erfurter Messehallen ist die turnusgemäße Neuwahl der Führung für die in Teilen rechtsextreme Partei. Die Ko-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla sitzen fest im Sattel und dürften mühelos im Amt bestätigt werden. Auch der gesamte Vorstand wird neu gewählt, hier wird es zu Kampfkandidaturen kommen. An den Personalentscheidungen dürfte sich ablesen lassen, ob sich die AfD weiter radikalisiert.

AfD-Chefin Alice Weidel AfD, bei einem Statement am 23. Juni 2026 i Berlin.
Imago/Andreas GoraWichtige programmatische Weichenstellungen stehen nicht an. Für Debatten dürfte der Antrag von Thüringens Landeschef Björn Höcke sorgen, die „Unvereinbarkeitsliste“ der AfD aufzuweichen und damit auch die Abgrenzung zu anderen extremen Kräften wie der „Identitären Bewegung“.

Dwr AfD-Landeschef Björn Höcke im thüringischen Landtag in Erfurt (Archivbild).
Imago/Bild13In welcher politischen Lage befindet sich die AfD?
Parteienforscher sehen die AfD in einer relativ komfortablen Position. „Die AfD hat eine treue Anhängerschaft, die Leute fühlen sich dort politisch beheimatet“, sagt Politikprofessor Benjamin Höhne von der Universität Chemnitz. Die AfD kann sich inzwischen auf eine stabilere Anhängerschaft stützen als die etablierten Parteien - obwohl sie „einen Radikalisierungskurs durchlaufen“ habe und „mehr und mehr mit einem rechtsextremen Weltbild“ auffalle.
Die Partei wird immer radikaler und findet doch immer mehr Zuspruch in der Gesellschaft. AfD-Kenner Höhne spricht von einer „Gleichzeitigkeit von Normalisierung und Radikalisierung, die der AfD bei den jüngsten Wahlen Erfolge beschert hat“.

Antifa-Schmierereien in Eisenach: Die Polizei erwartet 2500 und sogar noch mehr militante Linksradikale in Erfurt.
Imago/Müller-StauffenbergWelches Signal will die AfD setzen?
Die Partei fühlt sich beflügelt von guten Umfrageergebnissen. Vorbei sein dürfte die Zeit, in der sich die streitbare AfD auf offener Bühne fetzte. Nun geht es um Geschlossenheit. „Der Bundesparteitag in Erfurt wird zeigen: Die AfD ist politisch voll angekommen“, erklärt der AfD-Außenpolitiker Markus Frohnmaier AFP. „Wir haben in den vergangenen Jahren konsequent Strukturen aufgebaut, Personal entwickelt und uns auf Regierungsverantwortung vorbereitet.“
Brandenburgs AfD-Landeschef René Springer betont: „Ich erwarte einen geschlossenen Parteitag.“ Die Partei sei geeint „durch das gemeinsame Ziel: Regierungsverantwortung zu übernehmen“. Eine inhaltliche Mäßigung - etwa um für andere Parteien als Koalitionspartner attraktiv zu werden - zeichnet sich aber nicht ab. Das Ziel der AfD beschreibt Springer unumwunden so: „Deutschland als Land der Deutschen zu erhalten.“

Logo der Alternative für Deutschland: Die AfdD will „Deutschland als Land der Deutschen erhalten.“
Imago/HMB-MediaWas planen die Gegner der AfD?
Insgesamt sind nach Angaben der Stadt Erfurt bisher etwa 30 Demonstrationen und Kundgebungen gegen den Parteitag angemeldet. Die größte Kundgebung wird vom DGB und anderen Organisationen auf dem Erfurter Messegelände veranstaltet und damit in Parteitagsnähe.
Die Behörden erwarten eine massive „zivilgesellschaftliche“ Mobilisierung gegen den Parteitag. Die Deutsche Polizeigewerkschaft spricht von über 50.000 angemeldeten Gegendemonstranten, unter ihnen schätzungsweise 2000 bis 2500 gewaltbereite Linksextremisten, möglicherweise aber noch mehr.
Es wird zahlreiche Kundgebungen geben. Besondere Sorge bereitet der Polizei die Ankündigung des Bündnisses „Widersetzen“, den AfD-Parteitag komplett zu verhindern - durch Straßen- und Sitzblockaden sowie zivilen Ungehorsam.
Ein Dilemma für die Polizei: Zum einen muss sie das Demonstrationsrecht der Protestierenden schützen, zum anderen aber auch das Versammlungsrecht der AfD. Bei einer anhaltenden Blockade muss und wird die Polizei laut Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) gegen Demonstrierende eingreifen. Dabei werden gewaltsame Zusammenstöße befürchtet.

Bald auch in Erfurt? Hundertschaften der Bereitschaftspolizei im Einsatz bei einer Demo zum 1. Mai in der Innenstadt von Essen.
Imago/Jochen TackWer würde von Gewalt in Erfurt politisch profitieren?
Die AfD will sich mögliche Ausschreitungen ihrer Gegner politisch zunutze machen und sich als Kraft der Ordnung gegen „linke Chaoten“ abgrenzen. In einem solchen Fall laute die Botschaft der Partei: „Wir stehen für eine klare Null-Toleranz-Linie gegenüber politischer Gewalt und Extremismus“, konstatiert der AfD-Abgeordnete Frohnmaier.
Thüringens Innenminister Maier warnt eindringlich davor, der AfD zu der von ihr gewünschten Opferrolle zu verhelfen. „Wenn es tatsächlich zu Gewalt kommt, dann wäre das quasi Wahlkampfhilfe für die AfD.“
Wie rechtfertigen die AfD-Gegner ihre Aktionen?
Die Initiatoren des Bündnisses „Widersetzen“ rechtfertigen ihre Blockadepläne damit, dass die AfD keine demokratische Partei sei und deshalb auch kein Recht auf Abhalten des Parteitags habe.
Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Linke) will mit in Erfurt demonstrieren, er ruft aber zu Friedfertigkeit auf. „Kundgebungen, Gottesdienst und gewaltfreie Proteste für Demokratie sind nötig“, sagt Ramelow. Erfurt dürfe „nicht ohne Widerspruch zum Schauplatz rechter und völkischer Reden werden“.

Die Antifa ist bereit - wie hier im März 2026 in Paris.
Imago/Le PictoriumWarum hat das Datum symbolische Bedeutung?
Der AfD-Parteitag findet auf den Tag genau 100 Jahre nach dem ersten Reichsparteitag der NSDAP nach ihrer Wiederzulassung in Weimar statt. Auch die Hitler-Jugend wurde damals gegründet. Gegner werfen der AfD vor, dass das Datum kein Zufall sei.
Rechtsextreme Szene in Deutschland
- Rechtsextremismus: Dies ist ein Oberbegriff für politische Orientierungen und Aktivitäten, die den demokratischen Staat in Deutschland ablehnen und dafür eine autoritär geführte „Volksgemeinschaft“ errichten wollen. Dabei wird von einem vermeintlich naturgemäßen „Volkstum“ und einem „gewachsenen Volkskörper“ ausgegangen. Andere Menschen werden durch rassistische Parolen ausgegrenzt und abgewertet. Rechtsextremisten glauben an eine naturgegebene ethnische („rassische“) Ungleichwertigkeit der Menschen. Ethnische, kulturelle, geistige und körperliche Unterschiede begründen für sie einen minderen Wert und Rechtsstatus bestimmter Individuen und Gruppen.
- Dem Bundesamt für Verfassungsschutz zufolge stellt der Rechtsextremismus in Deutschland kein einheitliches Phänomen dar. Rassistische, antisemitische und nationalistische Ideologie-Elemente treten in verschiedenen Ausprägungen auf. Eine Überbewertung ethnischer Zugehörigkeit und damit einhergehend die Ablehnung des Gleichheitsprinzips der Menschen sind jedoch bei allen Rechtsextremisten festzustellen.
- Ideologie Nach Angaben des Landesamtes für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg verbindet die rechtsextreme Szene in Deutschland folgende ideologische Merkmale:
- „Ideologie der Ungleichheit“ (darunter: Nationalismus, Sozialdarwinismus, Rassismus und (Rassen-)Antisemitismus)
- „Ideologie der ‚Volksgemeinschaft’“, auch „Völkischer Kollektivismus“ genannt (darunter: Fremden- und Ausländerfeindlichkeit)
- Autoritarismus (darunter: Militarismus, Antiliberalismus)
- Revisionismus (darunter: Geschichts- und Gebietsrevisionismus)
- Antimodernismus
- Neonazis
Der Neonazismus ist eine von mehreren Erscheinungsformen des Rechtsextremismus. Als neonazistisch werden Personenzusammenschlüsse und Aktivitäten bezeichnet, die ein Bekenntnis zu Ideologie, Organisationen und/oder Protagonisten des historischen Nationalsozialismus erkennen lassen und in letzter Konsequenz auf die Abschaffung der fre - Neue Rechte
Im Verfassungsschutzbericht heißt es: „Unter die Bezeichnung Neue Rechte wird ein informelles Netzwerk von Gruppierungen, Einzelpersonen und Organisationen gefasst, in dem nationalkonservative bis rechtsextremistische Kräfte zusammenwirken, um anhand unterschiedlicher Strategien teilweise antiliberale und antidemokratische Positionen in Gesellschaft und Politik durchzusetzen.“ (mit AFP-/dpa-Agenturmaterial)
