Gasspeicher-Füllstand bei 58 %: Bekommen wir bis zum Winter genug Gas?

Reicht das Gas für den Winter?
Peter Kneffel/dpaDeutschlands Gasspeicher sind Ende September nur zu rund 58 Prozent gefüllt. Das ist deutlich weniger als in den vergangenen Jahren. Die Bundesregierung reagiert inzwischen und lässt über das Staatsunternehmen SEFE zusätzlich Gas einlagern. Eine Gasmangellage im kommenden Winter erwarten die Behörden derzeit trotzdem nicht. Entscheidend ist allerdings, wie viel Gas in den nächsten Wochen noch in die Speicher gelangt – und wie kalt der Winter wird.
Die Speicherstände sind relativ niedrig
Stand Ende September befinden sich 142,6 Terawattstunden Erdgas in den deutschen Speichern. Das entspricht einem Füllstand von 57,6 Prozent. Das zeigen die jüngsten verfügbaren Daten der Bundesnetzagentur. Die Speicher sind damit für diese Jahreszeit ungewöhnlich leer. Die Behörde bezeichnet die Entwicklung ausdrücklich als ernst, hält sie gegenwärtig aber nicht für kritisch für die Versorgungssicherheit.
Der Unterschied zu den vergangenen Jahren ist erheblich. 2023 hatten die Speicher bereits am 25. September die Marke von 95 Prozent erreicht. 2024 waren sie Anfang November sogar zu rund 98 Prozent gefüllt.
Auch gegenüber dem vergangenen Jahr ist der Abstand groß. Ende August 2026 befanden sich nach Angaben der Bundesregierung rund 126,8 TWh beziehungsweise 51,2 Prozent in den Speichern – 45,2 TWh weniger als ein Jahr zuvor.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Reicht die verbleibende Zeit noch aus, um Deutschland sicher durch den Winter 2026/27 zu bringen?
Bundesregierung sieht keine Krise
Ein Füllstand von 58 Prozent klingt zunächst alarmierend. Doch die Zahl lässt sich nicht mehr unmittelbar mit der Situation während der Energiekrise 2022 vergleichen.
Deutschland verfügt heute über wesentlich mehr Möglichkeiten, während des Winters laufend neues Gas zu importieren. Neben den Pipelineverbindungen insbesondere nach Norwegen, Belgien und in die Niederlande stehen LNG-Terminals in Deutschland und anderen europäischen Ländern zur Verfügung.
Allein in der Woche vom 21. bis 27. September wurden laut Bundesnetzagentur 15,1 TWh Gas über Pipelines und weitere 1,9 TWh über deutsche LNG-Terminals importiert. Die deutschen LNG-Anlagen waren dabei durchschnittlich lediglich zu 41,2 Prozent ausgelastet.
Deshalb betrachtet die Bundesnetzagentur den Speicherfüllstand inzwischen nur noch als einen Teil der Rechnung. Entscheidend sei das Zusammenspiel aus Pipelineimporten, LNG, Speichern, Infrastruktur und Gasverbrauch. Die zusätzlichen LNG-Importmöglichkeiten hätten die Rolle der Speicher gegenüber den Jahren unmittelbar nach dem Ausfall russischer Lieferungen verändert.
Die Behörde kommt deshalb derzeit zu einer vergleichsweise beruhigenden Einschätzung: Die Gasversorgung ist stabil.
Das bedeutet allerdings nicht, dass der niedrige Speicherstand bedeutungslos wäre. Speicher erfüllen vor allem dann eine wichtige Funktion, wenn der Verbrauch an besonders kalten Tagen stark steigt. Nach Angaben des Speicherverbands INES können an kalten Wintertagen bis zu 60 Prozent der deutschen Gasversorgung aus den Speichern kommen.
Je weniger dort zu Beginn des Winters liegt, desto kleiner ist entsprechend der Sicherheitspuffer.
Historisch niedriger Stand
Der Speicherverband Initiative Energien Speichern (INES) beurteilt die Entwicklung deshalb kritischer.
Anfang September waren die deutschen Speicher lediglich zu rund 53 Prozent gefüllt. Nach Angaben des Verbands war das der niedrigste Stand für diesen Zeitpunkt seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen vor 15 Jahren. Ein Jahr zuvor lag der Füllstand Anfang September noch bei rund 71 Prozent.
INES hat verschiedene Szenarien für den Winter berechnet. Anfang September kam der Verband zu dem Ergebnis, dass technisch noch ein Füllstand von ungefähr 77 Prozent bis zum 1. November erreichbar wäre.
Dafür müsste allerdings deutlich schneller eingespeichert werden als zuvor.
Der Verband unterscheidet zudem deutlich zwischen einem normalen und einem extrem kalten Winter. Bei durchschnittlichen Temperaturen wäre ein Speicherstand von ungefähr 77 Prozent zum 1. November nach seinen Modellrechnungen ausreichend, um die Versorgung vollständig sicherzustellen. Bei einem extrem kalten Winter wäre der Puffer dagegen erheblich knapper.
Das Problem ist damit weniger, ob Deutschland grundsätzlich genügend Gas beschaffen kann. Die entscheidende Frage lautet, wann dieses Gas verfügbar ist und zu welchem Preis es in den Speichern landet.
Warum wird nicht einfach mehr Gas eingespeichert?
Genau hier liegt eine Besonderheit des Jahres 2026.
Die Speicher sind nicht deshalb so leer, weil physisch kein Gas verfügbar wäre. Vielmehr fehlten über weite Teile des Sommers ausreichende wirtschaftliche Anreize für Händler, Gas einzulagern.
Das klassische Geschäftsmodell funktioniert vereinfacht so: Ein Händler kauft im Sommer vergleichsweise günstiges Gas, zahlt Transport-, Finanzierungs- und Speicherkosten und verkauft das Gas im Winter zu einem höheren Preis.
Doch dieser sogenannte Sommer-Winter-Spread war 2026 zeitweise zu klein oder sogar negativ. Wintergas war am Terminmarkt teilweise günstiger als kurzfristig verfügbares Gas. In einer solchen Situation kann das Einspeichern für einen Händler wirtschaftlich unattraktiv werden. INES warnt bereits seit dem Frühjahr vor diesem Problem.
Anfang September legte der Verband deshalb einen Aktionsplan vor. Zu den Vorschlägen gehören niedrigere Kosten an Speicheranschlusspunkten, die Abschaffung der Konvertierungsumlage, vergünstigte Finanzierungsmöglichkeiten und zusätzliche staatlich organisierte Langfristoptionen. Nach Berechnungen des Verbands könnten einige dieser Maßnahmen die Speichernutzung um rund 1,16 Euro je Megawattstunde verbilligen.
Die Regierung verschärft ihren Kurs
Die Bundesregierung hatte über weite Teile des Jahres betont, dass die normale Wintervorsorge Aufgabe der Gasunternehmen sei.
Noch Ende Mai erklärte das Wirtschaftsministerium, die Befüllung funktioniere grundsätzlich über den Markt. Eine staatliche Übernahme der Beschaffung würde hohe Kosten verursachen.
Mit den niedrigen Speicherständen hat sich die Politik jedoch schrittweise verändert.
Mitte September kündigte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche stärkere wirtschaftliche Anreize für die Einlagerung von Gas an. Unter anderem sollen sogenannte Long Term Options (LTO) ausgeweitet werden. Dabei erhalten Anbieter einen finanziellen Anreiz dafür, bestimmte Gasmengen über einen längeren Zeitraum verfügbar zu halten. Außerdem sollten die bundeseigenen Unternehmen SEFE und Uniper ihre Möglichkeiten zur Einspeicherung stärker nutzen.
Am 30. September folgte nun ein weiterer Schritt.
Nach Informationen des Handelsblatts und der Deutschen Presse-Agentur hat Reiche in Abstimmung mit Bundeskanzler Friedrich Merz das staatseigene Energieunternehmen SEFE angewiesen, bis zum 15. Dezember zusätzlich acht Terawattstunden Erdgas einzuspeichern. Als Grund werden neben dem niedrigen Füllstand insbesondere geopolitische Risiken genannt.
Damit greift die Bundesregierung nun gezielter ein als noch vor wenigen Wochen.
Acht Terawattstunden sind eine relevante Menge, lösen das Problem aber nicht allein. Bezogen auf die gesamte deutsche Speicherkapazität entsprechen sie grob gut drei Prozentpunkten. Zudem beginnt während dieses Zeitraums bereits die Heizperiode, sodass gleichzeitig Gas eingespeichert und an anderer Stelle möglicherweise schon wieder entnommen wird.
Der Großteil der Wintervorsorge bleibt daher weiterhin Aufgabe der Energieunternehmen.
Das gesetzliche Ziel liegt nicht mehr bei 95 Prozent
Bei der Diskussion über den niedrigen Speicherstand ist außerdem ein wichtiger Unterschied zu früheren Jahren zu beachten.
Deutschland muss seine Speicher zum 1. November nicht mehr pauschal auf 95 Prozent füllen.
Nach der geltenden Gasspeicherfüllstandsverordnung müssen die meisten Speicher am 1. November einen Füllstand von 80 Prozent erreichen. Für die Speicher Bad Lauchstädt, Frankenthal, Hähnlein, Rehden, Stockstadt und Uelsen gilt aufgrund ihrer technischen Eigenschaften lediglich eine Vorgabe von 45 Prozent.
Über alle deutschen Speicher hinweg ergibt sich daraus rechnerisch ein Niveau von ungefähr 70 Prozent.
Zum 1. Februar gelten grundsätzlich 30 Prozent; für vier süddeutsche Speicher sind 40 Prozent vorgeschrieben.
Bereits Ende August hatte die Bundesregierung eingeräumt, dass einzelne langsam befüllbare Porenspeicher ihre jeweiligen Vorgaben technisch voraussichtlich nicht mehr erreichen können. Die Regierung betonte gleichzeitig, für die Versorgungssicherheit komme es nicht auf jeden einzelnen Speicher, sondern auf die Gesamtversorgung an.
Auch die Bundesnetzagentur hält das Erreichen jedes einzelnen Novemberziels nicht für zwingend erforderlich, solange genügend Gas über andere Quellen zur Verfügung steht.
Reicht das Gas nun für den Winter?
Nach dem derzeitigen Stand spricht mehr dafür, dass Deutschland ausreichend versorgt werden kann, als für eine unmittelbar drohende Gasmangellage.
Die Bundesnetzagentur bewertet die laufenden Importe als stabil. Es stehen zusätzliche LNG-Kapazitäten zur Verfügung, die deutschen LNG-Terminals sind derzeit bei weitem nicht vollständig ausgelastet, und in den kommenden Wochen kann weiterhin Gas eingespeichert werden.
Auch der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, verwies Mitte September darauf, dass bereits mehr Gas in den Speichern liege, als während des gesamten vergangenen Winterhalbjahrs aus ihnen entnommen worden sei. Gleichzeitig bleibe noch Zeit für weitere Einspeicherungen.
Eine Garantie ist das allerdings nicht.
Der niedrige Ausgangsstand macht Deutschland stärker davon abhängig, dass während des Winters kontinuierlich genügend Gas über Pipelines und LNG-Terminals nach Europa gelangt. Gleichzeitig entscheidet die Temperatur maßgeblich über den Verbrauch.
