AfD-Hochburg im Südwesten Bubsheim: Wo Weltmarktführer auf Zukunftsangst treffen
Trotz florierender Wirtschaft und geringer Arbeitslosigkeit ist die kleine schwäbische Gemeinde Bubsheim zur AfD-Bastion geworden.
Trotz florierender Wirtschaft und geringer Arbeitslosigkeit ist die kleine schwäbische Gemeinde Bubsheim zur AfD-Bastion geworden.
Der Mann steht vor seinem schmucken Neubau – große Garage, großer Garten, die Einfahrt auf ganzer Front geplättelt. Was er von der Landtagswahl am Sonntag erwarte? „Ich hoffe auf die AfD“, sagt der 38-Jährige. „Die CDU war schon dran, die SPD war schon dran, die Grünen sind sowieso eine Katastrophe“, erklärt er mit hörbar russlanddeutschem Einschlag. Alles werde teurer: Gas, Strom, Lebensmittel. „Früher war die Situation besser.“ Bald müsse man auch noch am Wochenende arbeiten, fürchtet er – „wenn es dann noch Arbeit gibt.“
In Bubsheim gibt es nach wie vor viel Arbeit: 1400 Einwohner, mehr als 800 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Nur wenigen Häusern sieht man an, dass die Gemeinde einmal ein Dorf war. Der große Traktor, der mehrmals stündlich durch den Ort poltert, transportiert Baumaterial. Gepflegte Einfamilienhäuser aus verschiedenen Jahrzehnten bestimmen das Bild, umrahmt von Industriehallen. Die größte gehört der Anton Häring KG, einem weltweit führenden Hersteller von Präzisionsdrehteilen und Baugruppen für die Automobilindustrie. Es ist einer dieser Hidden Champions, die typisch sind für die Region am Heuberg.
„Wir haben eigentlich keine großen Probleme“, sagt der Bürgermeister Thomas Leibinger (parteilos). Er sitzt in einem weiß getünchten modernen Rathaus im Punkthausstil mit Arkaden davor. Der Platz um die Pfarrkirche St. Jakobus Major ist großzügig ausgebaut, die Grundschule ist gut in Schuss. „Unser Ort ist sehr ruhig.“ Um so mehr hat auch ihn das Ergebnis bei der vergangenen Bundestagswahl überrascht. Mit 38,6 Prozent landete die AfD im Ort auf Platz eins. Neben der CDU kamen nur noch FDP und Linke über fünf Prozent, Grüne und SPD atomisierten sich. Dabei ist die Gemeinde – die höchstgelegene im Land außerhalb des Schwarzwalds – keineswegs abgehängt, wie manche AfD-Hochburg im Osten. Selbst der Bus kommt mehrfach die Stunde.
Gerade hat sich ein Reporter vom „Spiegel“ in der Region umgesehen. Der Heuberg sei „The Länd“ wie aus dem Bilderbuch, heißt es in dem Nachrichtenmagazin. Wie könne es sein, dass in einem der prosperierendsten Landstriche die AfD einen solchen Zuspruch erfahre? Auch auf Wahlkreisebene war das Wahlergebnis außergewöhnlich: 27,5 Prozent der Erststimmen hat die AfD im Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen geholt. Es war der höchste Wert in Westdeutschland. Bei den Zweitstimmen waren es 27,1 Prozent.
Bei der Landtagswahl am Sonntag ist der Wahlkreis etwas anders zugeschnitten. Statt Rottweil gehört nun das badische Donaueschingen dazu. Die Struktur sei aber ähnlich, räumt der örtliche CDU-Landtagsabgeordnete Guido Wolf ein. Die Region sei wirtschaftlich stark, viele Unternehmen hätten sich aus kleinsten Anfängen in Garagen zu Weltmarktführern entwickelt. Diese Aufstiegserfahrung aus Not und Armut habe geprägt. Womöglich sei deshalb die Abstiegsangst hier besonders groß, überlegt Wolf.
Lange war er Landrat in Tuttlingen. Auch Ministerpräsident wollte er schon werden. Vor fünf Jahren konnte er den Wahlkreis nur knapp gegen Winfried Kretschmanns Grüne behaupten. Jetzt sieht Wolf in der AfD die Hauptkonkurrenz. Wobei: Schon der amtierende AfD-Abgeordnete sei ein Phantom gewesen, sagt Wolf. Diesmal geht die AfD mit Kay Rittweg ins Rennen, einem Getreuen von Landeschef Emil Sänze. Auch Rittweg wohnt nicht im Wahlkreis. Auf Anfragen dieser Redaktion antwortet er nicht.
In Bubsheim ist vom Wahlkampf wenig zu spüren. Am Kirchplatz hängt ein Plakat des Grünen Cem Özdemir, am Ortseingang eines von Guido Wolf. Die AfD hat einen Slogan an einer Bushaltestelle drapiert: „Freie Fahrt für Verbrenner“, steht darauf – wegen der Automobilzulieferer. Viel häufiger sind die Plakate, auf denen die Firma Häring für ihren aktuellen Ausbildungstag wirbt.
Auf dem großen Firmengelände ist gerade Mittagspause. Er sei in Bubsheim aufgewachsen, seit 41 Jahren bei Häring, sagt ein Mann. „In meiner Jugend haben hier 90 Prozent CDU gewählt.“ Der Ort ist gutkatholisch. Dann seien die Spätaussiedler aus der Sowjetunion gekommen – wegen der Arbeitsplätze. Davon erzählt auch eine Frau, die schnellen Schrittes zum Kochen ins nahe gelegene Eigenheim strebt. „Die Kollegen sagen ganz deutlich, dass sie AfD wählen“, meint die 54-Jährige. Sie verstehe das nicht. Als Rumäniendeutsche habe sie doch eine ganz ähnliche Migrationsgeschichte.
Bei Häring kennt man die Diskussionen in der Belegschaft. „Viele Menschen machen sich Gedanken über wirtschaftliche Entwicklungen, Energiepreise, Bürokratie oder die Zukunft des Industriestandorts Deutschland“, sagt die Inhaberin Miriam Häring. Gleichzeitig gebe es ein konstruktives Miteinander. Die Kollegen seien stark auf ihre Arbeit konzentriert. „Als Familienunternehmen versuchen wir, gerade in solchen Zeiten Stabilität zu geben und Perspektiven für die nächste Generation zu schaffen.“ Bei der Ausbildung habe man viele Erfolge, gerade was die Integration betreffe.
Klar ist: die Chance auf einen Austausch gibt es oft nur noch am Arbeitsplatz. Natürlich wählten nicht nur Russlanddeutsche AfD. Aber „diese Leute nutzen Informationsquellen wie Russia Today“, sagt Bürgermeister Leibinger. „Da kommt man nicht mehr dran.“ Selbst die Vereine täten sich schwer.