Angela Merkels Autobiografie „Freiheit“ Schwäbische Hausfrau wider Willen

, aktualisiert am 26.11.2024 - 09:36 Uhr
Auf der Suche nach dem richtigen Zeitpunkt: Angela Merkel. Foto: AFP/Stephanie Lecocq

Angela Merkels Memoiren erzählen eine in der deutschen Politik einmalige Karriere. Ihr Ton in „Freiheit“ ist selbstgewiss, manchmal auch selbstkritisch.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Oskar Kokoschkas Adenauer-Porträt wurde zu einer Ikone unserer Republik. Es hing einst hinter Angela Merkels Schreibtisch im Kanzleramt. Links daneben stand zuletzt eine unscheinbare Skulptur. Sie war mit Plastikfolie verhüllt. Merkel hat sie erst ausgepackt, als sie schon nicht mehr Kanzlerin war. Dabei verrät sie viel über ihr Amtsverständnis und ihren Blick auf das eigene Leben.

 

Die kleine Bronzestatue, geschaffen von dem ostdeutschen Bildhauer Thomas Jastram, zeigt eine Symbolfigur aus der griechischen Mythologie: Sie trägt Flügel, hat einen kahlen Hinterkopf, doch einen Haarschopf über der Stirn. Das ist Kairos, der jüngste Sohn des Göttervaters Zeus. Er verkörpert den günstigen Augenblick – für Merkel eine Art Schutzpatron. Deshalb hat sie ihn im Januar 2019 bei einer Ausstellung gekauft. „Weil ich in meinem Leben unendlich viele Stunden über richtige Zeitpunkte nachgedacht habe“, so erklärt die Altkanzlerin. „Das ist in der Politik unglaublich wichtig.“

Merkel hat für sich den richtigen Zeitpunkt gefunden, um überhaupt erst in der Politik aktiv zu werden und nicht Physikerin zu bleiben. Nach den Enthüllungen über Helmut Kohls dubiose Spendenmillionen fand sie den richtigen Zeitpunkt, ihren Ziehvater von der Spitze der CDU zu verdrängen. Sie wurde nicht bei erstbester Gelegenheit Kanzlerin und blieb es doch 16 Jahre lang. „Bei mir hatte manchmal die Gefahr bestanden, einen günstigen Moment für eine Entscheidung verstreichen zu lassen“, schreibt sie. „Im Rückblick denke ich jedoch, dass ich auch deshalb so viele Jahre Bundeskanzlerin war, weil ich in entscheidenden Situationen intuitiv spürte, wann der richtige Augenblick gekommen war.“

Merkel-Memoiren erscheinen an diesem Dienstag

Diese kleine Anekdote und Merkels Gedanken dazu vermitteln einen Eindruck von ihren Memoiren, die an diesem Dienstag erscheinen. Sie sind geprägt von präzisen Rückblicken auf entscheidende Details ihrer Laufbahn – und von einem Urteil über das eigene Tun, das von Selbstgewissheit geprägt ist, die gelegentlich an Rechthaberei grenzt.

Wahl zur Parteichefin: Angela Merkel und Friedrich Merz im Jahr 2000. Foto: dpa/Michael Jung

Der Titel des Werkes ist so schlicht wie Merkels Rhetorik: „Freiheit“ steht auf dem Deckblatt des Buches, „über das die Welt spricht“, wie der Verlag vorab schon wusste. Von den drei Grundwerten, denen unsere Nationalhymne huldigt, war Freiheit für Merkel die wichtigste. Sie wurde zum Motto ihrer Kanzlerschaft: „Die größte Überraschung meines Lebens ist die Freiheit“, sagte sie in ihrer ersten Regierungserklärung. „Lassen Sie uns mehr Freiheit wagen!“

Im Nachwort ihrer Autobiografie kommt sie noch einmal darauf zurück – und widerspricht damit einem der geläufigsten Missverständnisse unserer Zeit. „Wahre Freiheit ist nicht allein auf den eigenen Vorteil ausgerichtet“, schreibt Merkel, „die kennt Hemmungen und Skrupel.“ Wahre Freiheit sei „nicht allein die Freiheit von etwas, sondern zeigt sich in der Verantwortung für etwas: für den Nächsten, (...) für das Gemeinwesen.“

Merkel und das „Primat der Freiheit“

Das Primat der Freiheit verweist auf Merkels Herkunft. Die erste Hälfte ihres Lebens verbrachte sie hinter der Mauer. Die ostdeutsche Identität durchzieht Merkels Buch wie ein Gespinst von roten Fäden. Mit ihren Hinweisen auf „schwere Verwerfungen“ im Gefolge der Wiedervereinigung und unbewältigte Kapitel der DDR-Vergangenheit könnten die Memoiren der Altkanzlerin zu einer Versöhnungsfibel für unverstandene Ossis werden – würde Merkels Politik nicht just unter ihnen so viele Aversionen erfahren.

Was der Soziologe Steffen Mau „das Gefühl der gesellschaftlichen Zweitklassigkeit“ nennt, prägt auch Merkels Selbstwahrnehmung im wiedervereinigten Deutschland – obwohl sie die Hälfte der Zeit dort regiert hat. „Ich machte die Erfahrung, dass es schwieriger war, als ich es 1990 erwartet hatte, gegenüber der westdeutschen Öffentlichkeit freimütig über das eigene Leben in der DDR zu sprechen“, schreibt sie. Viele Jahre habe sie über ihre DDR-Geschichte „nur mit der Schere im Kopf“ gesprochen, „ob das, was ich sagen wollte, zu irgendwelchen Verdächtigungen führen konnte“. Zudem, so Merkel, „erlebte ich immer wieder, dass meine DDR-Biografie gegen mich in Stellung gebracht wurde“.

Sie spart nicht mit Exempeln, welche diese Klage zu rechtfertigen scheinen. Die Tonart, in der sie davon erzählt, schwingt zwischen Trotz und Larmoyanz. Das prominenteste Beispiel verweist auf ihre schwierigste Zeit als Kanzlerin: die Flüchtlingskrise. „Wenn wir jetzt noch anfangen müssen, uns dafür zu entschuldigen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land“, hatte Merkel damals erklärt. Sie fühlte sich mit diesem Bekenntnis „häufig falsch zitiert“ und bewusst missverstanden. Die „Welt am Sonntag“ urteilte seinerzeit mit einer Schärfe, die sie heute noch wie ein Pfeil zu durchbohren scheint: „Sie tat etwas, was keiner ihrer Amtsvorgänger je getan hatte“, war in dem Blatt zu lesen. „Sie distanziert sich einen Atemzug lang von der Republik, deren Dienerin sie doch war. Da blitzte einen Moment lang durch, dass sie keine geborene, sondern eine angelernte Bundesdeutsche ist.“

Dabei war das Gerede von ihrem freundlichen Gesicht und unfreundlichen Reaktionen, mit denen sie sich nicht identifizieren wollte, noch nicht einmal Merkels heikelster Satz in jener Zeit. Der lautete: „Wir schaffen das!“ Dessen Echo verstört die Altkanzlerin bis heute. Ihr sei durchaus bewusst gewesen, „dass die drei Worte allein das Problem nicht lösen können“. Ein Zustrom wie im Spätsommer 2015 „sollte sich nicht wiederholen“. Merkel fügt aber hinzu: „Nicht weil ich meine Entscheidung im Nachhinein als falsch bewertete, im Gegenteil.“

Merkels Memoiren sind keine Lebensbeichte. Sie zeugen nicht von großer Lust, eigene Fehler, Versäumnisse oder Unterlassungssünden einzugestehen. Ein einziges Mal hatte sie das während ihrer Amtszeit getan. Das war kurz vor dem Ruhestand. Es ging da um eine geplante „Osterruhe“ im zweiten Jahr der Pandemie, die Merkel kurzfristig wieder absagte. „Dieser Fehler war einzig und allein mein Fehler“, erklärte sie damals. „Das bedauere ich zutiefst und bitte dafür um Verzeihung.“ In der Rückschau merkt sie dazu an: „Zu oft sollte ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin nicht um Verzeihung bitten müssen, er oder sie sollte aber auch nicht aus Angst, das könnte als Schwäche ausgelegt werden, davor zurückschrecken, wenn es unvermeidlich ist.“

Viele Fehlerbeichten finden sich in den Memoiren nicht

Für unvermeidlich hielt sie ein solches Schuldeingeständnis nur in diesem einen Fall. Auf entsprechende Fragen antwortet sie meist ziemlich starrköpfig. Als Politpensionärin hat sie allerdings zugegeben: „Wir hätten schneller auf die Aggressivität Russlands reagieren müssen.“

In ihrem Buch räumt sie immerhin ein, „dass es mir nicht immer gelungen ist, Politik auch im Sinne des Vorsorgeprinzips durchzusetzen, also der vorausschauenden Verhinderung von gefährlichen Entwicklungen in der Zukunft“. Weitere Fehlerbeichten finden sich in Merkels Memoiren nicht – zumindest da nicht, wo es um weltbewegende Fragen geht.

Reumütig ist sie eher bei Randnotizen ihrer Agenda. Oft hat das auch mit ihrer Sprechweise zu tun. Merkel konnte sich als Kanzlerin offenbar nicht immer so verständlich machen, wie sie es im Nachhinein für richtig gehalten hätte. Diese Erkenntnis verleitet sie zu einer Kritik des Kauderwelschs, der von Politikern häufig zu hören ist: „Wir neigen dazu, Fragen auszuweichen, zu oft Phrasen zu verwenden, statt verständliche Sätze zu formulieren.“ Sie erwische sich selbst „zuweilen dabei, dass es mir schwerfällt, manchen Politikern zuzuhören, weil sie viel sprechen, aber wenig sagen“. Sie ergänzt: „Ich habe es früher sehr oft nicht anders gemacht.“

Angela Merkels einmalige Karriere

In einem Fall distanziert sich die Altkanzlerin auch von einem landläufigen Etikett, das ihr zeitweise wie ein Qualitätssiegel anhaftete: die „schwäbische Hausfrau“. Sie reklamierte deren Rechtschaffenheit, um ihre Finanzpolitik in Zeiten der Schuldenkrise als solide zu adeln. Das war auf einem CDU-Parteitag 2008 in Stuttgart. „Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben“, sagte sie. „Das ist der Kern der Krise.“ Jetzt räumt sie ein: „Im Rückblick waren diese Sätze ebenso provinziell wie wohlfeil.“ Die Schuldenbremse hält sie nach wie vor für eine gute Erfindung. Sie bedürfe aber einer Reform. Ganz so hausbacken wie eine schwäbische Hausfrau lässt sich ein Staat nicht führen.

Das auf 736 Seiten erzählte Leben und Schaffen der Angela M. ist „eine Geschichte, die es so nicht noch einmal geben wird“, schreibt Merkel selbst. Als Bundeskanzlerin war sie in der Tat einmalig: die erste Frau auf dem wichtigsten Posten der Republik, zugleich die erste Ostdeutsche, die es bis an die Spitze des wiedervereinigten Landes geschafft hat. Und ganz nebenbei war diese einmalige Kanzlerin auch der erste und bisher einige Regierungschef Deutschlands seit dem Zweiten Weltkrieg, der sein Amt freiwillig räumte. Anders als sämtliche ihrer Vorgänger hat sie keine Wahl verloren und wurde nicht zum Rücktritt gedrängt.

Das Buch verrät auch kleine Geheimnisse ihres Durchhaltevermögens. „Es hatte jeden Tag mehr als genug Gelegenheiten gegeben, meine Kraft dem Volke zu widmen“, schreibt Merkel in einer leicht spöttischen Anspielung auf ihren Amtseid. „Aber Gott sei Dank hatte es jeden Tag auch mehr als genug Momente und Orte zum Kraftschöpfen.“

Stoff dazu lieferte bisweilen die Kantine des Kanzleramtes. Nach stressigen Reisen oder endlosen Nachtsitzungen, so verrät Merkel, „war es wunderbar, eine Hühner-, Kartoffel- oder Linsensuppe zu essen“. Ein Nachsatz bezeugt, dass sie sich ihrer Privilegien als Kanzlerin durchaus bewusst war: „Wie lange hätte ich dafür zu Hause Gemüse schnippeln müssen.“

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