Die Deutsche Bahn ist nicht zu Unrecht zum Symbol der grundlegenden Probleme unseres Landes geworden. Einst waren Züge das Paradebeispiel für deutsche Verlässlichkeit. Heute können deutsche Bahnkunden nur neidisch auf die europäischen Nachbarn blicken. Wenn das Staatsunternehmen in seiner jüngsten Bilanz einräumt, dass der Fernverkehr einen neuen Tiefpunkt bei der Pünktlichkeit erreicht hat, wundert das niemanden mehr. Und wie es seit Jahren schlechte Tradition ist, hat man selbst die eigenen, bescheidenen Ziele unterboten. Eigentlich müsste eine Bahnspitze, die permanent ihre eigenen Messlatten verfehlt, vom Eigentümer Bund entlassen werden.
Kultur der Verantwortungslosigkeit
Doch das Bahnmanagement steht ebenfalls für eine hierzulande in Wirtschaftskreisen leider zu oft gepflegte Kultur der Verantwortungslosigkeit. Schuld sind immer die anderen. Es sind die Lokführer, die gestreikt haben. Es ist die Politik, welche die Infrastruktur zu lange unterfinanzierte.
Wer ein Gespür für das Binnenklima in den Führungsetagen der Bahn bekommen will, sollte nicht nur auf die dürftigen Bilanzzahlen blicken, sondern auf die Selbstdarstellung der DB-Führung. Inzwischen ist man in Empathie-Floskeln gut geübt. Er leide „jeden Tag mit den Fahrgästen“, sagte Bahnchef Richard Lutz auf die Frage, ob er seinen Job gern mache. Aber es braucht keine Empathie von den Chefs, sondern Lösungen.
Abgehobene Führungsetage
Auf der Business-Plattform LinkedIn kann man in aller Öffentlichkeit beobachten, wie sich die Führungsriege auf peinliche Weise gegenseitig auf die Schulter klopft. Etwa für den angeblich so hervorragend organisierten Busersatzverkehr bei der Großsanierung der Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim – während überall sonst in der Republik das Wort „Ersatzverkehr“ angesichts des chaotischen Baustellenmanagements zum Schreckensbegriff wurde. Auch wer an regelmäßigen Selfies interessiert ist, wird von einigen Protagonistinnen und Protagonisten gut bedient. Nichts gegen moderne Kommunikation. Aber man erhält den Eindruck einer selbstbezogenen und abgehobenen Führungskultur.
Die Politik drückt sich
Dies ist nur deshalb möglich, weil die Politik sich ihrerseits oft gedrückt hat. Im Aufsichtsrat der Bahn sitzen immer auch Vertreterinnen und Vertreter der jeweiligen Regierung. Immerhin wurde unter der Ampel-Koalition endlich damit begonnen, mehr Geld in die Sanierung des Netzes zu stecken. Doch an den Strukturen hat man nur kosmetisch herumgeschraubt. So blieb die Netzsparte der Bahn ein Teil des Konzerns – und damit ein schizophrenes Konstrukt zwischen Gemeinwohlauftrag und Unternehmensinteressen.
Koalitionsgespräche stimmen pessimistisch
Genau an solchen Strukturen will laut Koalitionsverhandlungen die mögliche schwarz-rote Koalition nichts ändern. Auch andere bekannt gewordene Punkte stimmen pessimistisch mit Blick auf die Bahn. So wird die LKW-Maut eher sinken, wird die bisher mögliche Querfinanzierung der Schiene gestoppt. Gleichzeitig stehen wegen des Bahn-Sanierungsstaus massive Erhöhungen der von Bahnbetreibern bezahlten Schienenmaut im Raum. Auch die geplante Absenkung der Luftverkehrsabgaben wird innerdeutsche Flüge im Vergleich zum (unpünktlichen) ICE attraktiver machen. Und während man Entlastungen bei der Pendlerpauschale verspricht, von der meist Autofahrer profitieren, kündigt man beim Deutschlandticket deutliche Preiserhöhungen an.
Es reicht nicht, mehr Geld in die Bahninfrastruktur zu stecken, wenn man nicht bessere verkehrspolitische Rahmenbedingungen schafft. Sonst geht ein sattsam bekanntes Spiel weiter: Lippenbekenntnisse für die Schiene - aber wenig Bereitschaft, für deren Zukunft die Verantwortung zu übernehmen.