CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel im Interview. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
CDU-Mann Manuel Hagel will Ministerpräsident werden. Im Interview erzählt er, wie er trotz Fasnet im Wahlkampf durchhält und was er anders macht als Friedrich Merz.
Manuel Hagel ist etwas angeschlagen. Nur gesundheitlich natürlich – im Landtagswahlkampf eilt der CDU-Hoffnungsträger unbeirrt von Termin zu Termin durchs ganze Land. Zwischendurch nimmt sich der 37-Jährige Zeit für ein ausführliches Gespräch über seinen Antrieb, seine Ziele und Ideen für erste Schritte als – nach einem möglichen Wahlsieg – neuer Ministerpräsident.
Herr Hagel, Sie sind leidenschaftlicher Fastnachter. Diesmal fallen die närrischen Tage mitten in den Wahlkampf. Feiern Sie trotzdem?
Hagel Natürlich! Auch wenn die nächsten Wochen eng getaktet sind. Die Fasnet steht für Tradition, Brauchtum, Zusammenhalt, und als Politiker wird man ordentlich auf die Schippe genommen. Es ist gut, wenn man auch über sich selbst lachen kann. Beim Alkohol halte ich mich aber zurück – der Trick ist Schorle.
Manuel Hagel mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei einer Fastnachtsveranstaltung. Foto: VSAN/Nicole Frick
Am 8. März wird der neue Landtag gewählt. In drei Sätzen: Warum sollten Sie Ministerpräsident werden?
Weil es Zeit für einen Ministerpräsidenten ist, der eine Brücke zwischen den Generationen bildet. Als ganz normaler Vater von drei kleinen Kindern erlebe ich jeden Tag, was Familien im Land umtreibt. Diese persönlichen Erfahrungen sind wichtiger als jedes Gutachten.
Angenommen, Sie werden gewählt: Welche drei Themen gehen Sie als erstes an?
Die Wirtschaft im Land steckt tief in der Krise. Das kann ein Ministerpräsident doch gar nicht ändern.
Ich widerspreche: Wir haben viele Möglichkeiten und wer Verantwortung will, muss auch handeln wollen. Schluss mit dem Satz „Das Land ist nicht zuständig“! Fast alles lässt sich ändern, wenn man will.
Mal konkret: Was wollen Sie wirtschaftspolitisch tun?
Wir wollen sieben Cluster aufbauen, in denen Baden-Württemberg schon exzellent ist und realistisch Weltspitze werden kann: etwa Automotive in der Region Stuttgart, Photonik auf der Ostalb oder Verteidigung am Bodensee. Für diese Cluster richten wir Sonderwirtschaftszonen ein, also Reallabore: Stellen Sie sich Gewerbegebiete vor, in denen Unternehmen befreit von viel Regulierung forschen und produzieren können. Das schafft neue Produktivität und Arbeitsplätze.
Aber was sagen Sie den Zigtausenden, die gerade um ihre Stelle in der Autoindustrie bangen?
Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz, aber zur Wahrheit gehört auch, dass die Politik nicht jeden Job retten kann. Sie kann Rahmenbedingungen setzen, damit neue Arbeitsplätze entstehen. Neben den Sonderwirtschaftszonen wollen wir auch einen Zukunftsfonds schaffen, über den wir vor allem das Eigenkapital kleiner und mittlerer Unternehmen der Zulieferungsindustrie stärken.
Unternehmen und Bürger beklagen Bürokratie und Überregulierung. Sie haben angekündigt, zwei Verwaltungsebenen im Land zu streichen. Welche?
Wir arbeiten daran noch mit einer Expertenkommission. Man muss genau hinschauen, wo welche Prozesse ineinandergreifen.
Im CDU-Wahlprogramm steht, Sie wollen in fünf Jahren mit zehn Prozent weniger Personal im öffentlichen Dienst bessere Leistung erzielen. Wie soll das gehen?
Bis 2030 gehen rund 20 Prozent unserer Mitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung in den Ruhestand. Hier können wir Stellen einsparen, wenn dem Personalabbau ein Aufgabenabbau folgt. Wenn wir Prozesse vereinfachen und digitalisieren, kommen wir mit weniger Leuten aus. Mehr Personal brauchen wir hingegen bei Polizei, Justiz, Wissenschaft und Bildung.
Im Bildungsbereich müssen die Reformen der vergangenen Jahre umgesetzt werden. Wie wollen Sie da noch gestalten?
Experten sagen, die meisten Probleme beginnen im frühkindlichen Bereich und in der Grundschule. Hier haben wir in dieser Legislaturperiode schon vieles auf den Weg gebracht, besonders bei der Sprachförderung. Für die nächste Legislatur wollen wir zusätzlich ein verbindliches kostenfreies letztes Kindergartenjahr. Außerdem wollen wir, dass akademische und berufliche Bildung gleichwertig nebeneinanderstehen. Wir werden die Meisterprämien verdoppeln, mittelfristig soll die Meisterausbildung ganz kostenfrei werden.
Wie passt die Forderung nach mehr Qualität in der frühkindlichen Bildung zu niedrigeren Standards in Kitas und der Idee, Betreuungsschlüssel zu senken?
Wir müssen Standards, die bisher das Landesrecht vorgibt, in die Kommunen überführen. Es sollte vor Ort entschieden werden, welche Vorgaben etwa für Kita-Gebäude gelten. Bei Gruppengrößen und Personalschlüsseln sehen wir in anderen Bundesländern, dass wir eine viel höhere personelle Abdeckung bekommen, wenn wir mehr angelernte Zusatzkräfte haben. Gute frühkindliche Bildung entsteht nicht durch immer höhere formale Vorgaben, sondern durch genügend Erwachsene, die sich wirklich um Kinder kümmern.
Nach dem Anschlag in Berlin wächst die Sorge vor Angriffen auf kritische Infrastruktur. Wie gehen Sie vor?
Sicherheit ist nie nur Statistik, sondern immer auch Gefühl. Viele Menschen fühlen sich abends an Bahnhöfen oder in dunklen Gassen unsicher. Wir wollen mehr KI-gestützte Videoüberwachung ermöglichen. Künftig sollen alleine unsere Kommunen entscheiden, wo Kameras hängen. Das wird eine meiner ersten Maßnahmen.
Sie werden nach der Wahl einen Koalitionspartner brauchen. Würden Sie nochmal mit den Grünen regieren?
Für uns wird die Koalition die Beste sein, mit der wir am meisten davon umsetzen können, was uns wichtig ist – mit Personen, denen wir vertrauen. Wir haben in den letzten zehn Jahren mit Winfried Kretschmann sehr stabil und verlässlich regiert. Wir wissen aber nicht, wer die Grünen nach Kretschmann sein werden. Schon heute erleben wir auf Podiumsdiskussionen Ankündigungen, bei denen die grüne Fraktion oder zuständige grüne Minister nicht mitgehen. Auch hat es viele Grüne überrascht, dass sie neuerdings eine Autopartei sein sollen. Das provoziert Abwehr, viele Grüne wenden sich nun nach links und so schwanken die Grünen zwischen Trotz und Tränen.
Was ist besser: Mit einer knappen Mehrheit zu dritt oder mit einer satten Mehrheit zu zweit regieren?
Manchmal disziplinieren knappe Mehrheiten. Es macht vor allem einen Unterschied, ob die CDU mit 28 oder 34 Prozent durchs Ziel geht. Je stärker die CDU, desto höher die Chance auf eine stabile Regierung.
In Ihrem Wahlprogramm stehen teure Versprechen: Das kostenlose Kita-Jahr, die Absenkung der Grunderwerbssteuer, ein Eigenheim-Zuschuss für Familien. Wie wollen Sie das finanzieren?
Stimmt: Allein das kostenlose Kita-Jahr kostet rund 200 Millionen Euro pro Jahr. Wir werden priorisieren müssen. Die Absenkung der Grunderwerbssteuer und der „Heimvorteil Baden-Württemberg“, der Wohneigentum ermöglicht, werden aber an anderer Stelle wieder Steuereinnahmen auslösen.
Aber erstmal muss der Staat Geld in die Hand nehmen.
Wenn wir es richtig machen, sehen wir dieses Jahr wieder ein kleines Wirtschaftswachstum, das zu Steuermehreinnahmen führt. Aber wir müssen uns auch von teils zu hohen Standards verabschieden. Das Bundesteilhabegesetz kostet Land und Kommunen Milliarden. Bekämen wir hier mit dem Bund eine Reform hin, würden wir massiv sparen.
Sie sind harter Verfechter der Schuldenbremse. Bleiben Sie dabei oder legen Sie wie Bundeskanzler Merz nach der Wahl eine Kehrtwende hin?
Natürlich bleibe ich dabei! Ganz ehrlich: Ich hätte mir auch manches anders gewünscht. Friedrich Merz hat mir von den Drohungen der USA berichtet, die Nato zu verlassen, wenn die übrigen Länder nicht sofort das 5-Prozent-Ziel erfüllen. Merz musste in dieser Lage priorisieren. Daher kann ich die Aufnahme der Sonderschulden nachvollziehen, obwohl ich mir gewünscht hätte, dass wir uns erst auf Einsparungen festlegen.
Stattdessen gibt es teure Subventionen wie Mütterrente, Absenkung der Gastro-Mehrwertsteuer oder Erhöhung der Pendlerpauschale.
Das sind wirtschaftspolitische Maßnahmen, aber auch Gerechtigkeitsentscheidungen. Die Senkung der Gastro-Mehrwertsteuer hilft, ein Massensterben der Gasthäuser zu verhindern. Und die Pendlerpauschale ist eine Gerechtigkeitsfrage für Menschen im ländlichen Raum.
Sie haben eingangs ihr Alter thematisiert. In Bayern dürften Sie mit 37 gar nicht Ministerpräsident werden. Warum sollten die Leute Ihnen dieses Amt zutrauen?
Von Otto Rehhagel stammt der Satz: Ich kenne keine jungen oder alten Spieler, nur gute und schlechte. Mit diesem Zitat habe ich vor fünf Jahren auf die Frage geantwortet, ob Winfried Kretschmann mit über 70 zu alt wäre für sein Amt. Das gilt immer noch.
Zur Person
Politik Manuel Hagel hat in den vergangenen Jahren eine steile Karriere hingelegt. 2016 zog er in den Landtag ein und wurde Generalsekretär im CDU-Landesverband. 2021 löste er Wolfgang Reinhart an der Fraktionsspitze im Landtag ab, 2023 wurde Hagel Landesvorsitzender der CDU.
Privat Der 37-Jährige ist verheiratet und hat drei Söhne. Der gelernte Bankkaufmann Hagel ist Jäger und leidenschaftlicher Fasnachtsanhänger.