CSD-Kulturwochen in Stuttgart Sorge der queeren Community vor einem Rechtsruck

Fordern eine Aufarbeitung der Kirchen: Julia Noah Munier, Karl-Heinz Steinle, Ralf Bogen, Reinhard Brandhorst, Olcay Miyanyedi (von links). Foto: Werner Biggel

Bei einer Fachtagung im Hotel Silber zur Haltung der Kirchen zur Homosexualität blickt man auf düstere Zeiten zurück, die längst Geschichte zu sein scheinen. Doch man ist nicht allzu optimistisch angesichts Stimmen und Strömungen in jüngerer Vergangenheit. Sind Freiheit und Menschenwürde wieder in Gefahr?

Droht ein europaweiter Rollback und eine Stärkung der religiös begründeten Abwertung? Diese Angst geht um in der LSBTTIQ-Community, und sie ist angesichts des Rechtsrucks auch in der bundesdeutschen Gesellschaft nicht unbegründet. „Ich spüre den kalten Wind von rechts in den Narben auf meiner Seele“, bekennt Axel Schwaigert, Pfarrer der MCC Gemeinde Stuttgart, im Hotel Silber, wo am Samstag die Haltung der Kirche zur Homosexualität kritisch hinterfragt wurde.

 

Eingeladen hatten zur Fachtagung „Religiös begründete Abwertung als Nährboden von Hetze und Gewalt gegen queere Menschen in der NS- und Nachkriegszeit“ das Projekt „Der-Liebe-wegen.org“, das Weissenburg LSBTIQA-Zentrum Stuttgart, die MCC-Gemeinde Stuttgart in Kooperation mit der Abteilung für Chancengleichheit der Stadt und dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg. „Denn die Kirche„hat ihre Rolle nie wissenschaftlich aufgearbeitet“, so die Vorsitzende der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber, Brigitte Lösch, „und alles, was nicht aufgearbeitet ist, wirkt weiter.“ Zum Beispiel in den bibelstarken Argumenten einer Beatrix von Storch, der AfD-Bundestagsabgeordneten.

Verfolgung von Homosexuellen

Waren es 5000 oder 15 000 homosexuelle KZ-Opfer? „Aus Baden-Württemberg kamen nachweislich 73, acht davon aus Stuttgart“, weiß Ralf Bogen vom Projekt „Der Liebe wegen“. „Die Nationalsozialisten konnten sich bei der Verfolgung von Homosexuellen auf Gesetze stützen, die es schon lange vor 1933 gegeben hatte“, so Bogen weiter. Denn der Paragraf 175 bestand seit 1872. Fest verankert auf der Jahrtausende alten Verdammung der Kirche der gleichgeschlechtlichen Liebe. Als „widernatürliche Unzucht“. Wie es geschrieben steht im dritten Buch Mose, Leviticus 20,13: „Wenn ein Mann bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben.“ Im 20. Jahrhundert kam die Einweisung ins Konzentrationslager der Todesstrafe gleich.

Und nach 1945? Da wurde das Recht der freien Entfaltung für alle im Grundgesetz festgeschrieben, soweit sie nicht gegen das Sittengesetz verstoße. Aber, erinnerte Bogen an die finsteren Zeiten, der Paragraf 175 wurde beibehalten, weil „homosexuelle Betätigung“ gegen das Sittengesetz verstoße. Von größerem Gewicht sei, habe das Bundesverfassungsgericht 1957 befunden, „dass die beiden christlichen Konfessionen die gleichgeschlechtliche Unzucht als unsittlich verurteilen.“ Baden-Württemberg war laut Bogen in der Verfolgung homosexueller Männer Spitzenreiter. Der gebürtige Stuttgarter und Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, selbst NS-Verfolgter und bekannt als Initiator der Auschwitz-Prozesse, hatte laut Julia Noah Munier von der Universität Stuttgart bei einer Tagung der Diözese Rottenburg zu diesem Thema unverhohlen die Einmischung des Staates in das sexuelle Verhalten der Bürger abgelehnt. Erfolglos. Erst 1969 wurde der Paragraf 175 abgeschafft, 2017 beschloss der Bundestag die Rehabilitierung der einschlägig Vorbestraften.

Dass sich die Kirchen trotz fehlender Aufarbeitung bis heute an diesem Thema zumindest abarbeiten, belegen positive Beispiele: Noah Munier und Karl-Heinz Steinle berichteten von fast zeitgleich stattfindenden Fachtagungen 1960 in der Katholischen Akademie in Hohenheim und in der Evangelischen Akademie in Bad Boll, wo 1970 eine erste Tagung für lesbische Frauen „einen Paradigmen-Wechsel signalisierte“. Und dann trat Reinhard Brandhorst auf, 20 Jahre Pfarrer der Gemeinde St. Leonhard, der nie zu träumen wagte, dass er in seiner eigenen Kirche seine kirchliche Hochzeit mit Jürgen Klotz feiern könne. Für ihn ist die Bitte um Vergebung 2019 von Landesbischof July eine „wichtige Station auf dem Weg zur Erkenntnis, dass „Gottes Schöpfung diverser ist, als man das früher wahrzunehmen vermochte“.

Todesgefahr in islamischen Ländern

Todesgefahr besteht für homosexuelle Menschen in den islamischen Ländern. Der Ablehnung, die muslimische und migrantische Jugendliche aus ihrer Tradition nach Deutschland mitbringen, müsse man mit Dialog, Akzeptanz und Bildungsarbeit begegnen, legte Olcay Miyanyedi dem Auditorium ans Herz. Miyanyedi ist als Muslim neben Juden Schirmperson von Stuttgart Pride 2024 zum CSD.

„Jetzt erst recht!“ hat Stuttgart Pride ein Pamphlet zur „Trans-Pop-Kultur“ von Alice Weidel von der AfD übermalt. Wie aber lässt sich der Nährboden für Hass und Gewalt nachhaltig abtragen? „Mit Begegnungen zwischen christlichen, muslimischen und atheistischen Menschen, um Vorurteile abzubauen“, so die einhellige Antwort der Diskussionsrunde. Und die ist auch als Auftrag an die Kirchen gemeint.

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