Für Kanzler Merz sind die Deutschen zu oft krank. Doch wie sieht die Realität in Stuttgart, der Region und Baden-Württemberg aus? Drei Hausärzte berichten.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Bettina Hartmann (ina)

Seit Tagen tobt die Diskussion darüber: Nach Ansicht von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sind Beschäftigte in Deutschland zu oft krank. Er stellt daher unter anderem die telefonische Krankschreibung infrage. Gegenwind kommt nun auch von Hausärzten aus Baden-Württemberg. „Die Aussagen von Herrn Merz gehen aus unserer Sicht an der Realität in den hausärztlichen Praxen vorbei“, sagt Nicola Buhlinger-Göpfarth, Hausärztin in Pforzheim, Vorsitzende des Hausärzteverbands Baden-Württemberg (HÄVBW) und zudem Co-Vorsitzende des bundesweiten Hausärzteverbands, auf Anfrage unserer Zeitung.

 

Die telefonische Krankschreibung, für die inzwischen auch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eine Überprüfung angekündigt hat, ist nach Angaben vieler Experten ohnehin nicht das Problem. Im Gegenteil: „Sie ist ein wichtiges Instrument, das ich in meiner Praxis selbstverständlich nutze“, berichtet Buhlinger-Göpfarth. Jeden leichten Atemwegsinfekt zur Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung einzubestellen, sei realitätsfremd. „Es wäre wünschenswert, dass die Politik zumindest den Dialog mit uns sucht, bevor Pseudo-Debatten losgetreten werden.“

Telefonische Krankschreibung nur für bekannte Patienten

Der Anteil telefonischer Krankschreibungen liegt bundesweit bei etwa einem Prozent. Merz und Warken warnen trotzdem vor möglichem Missbrauch. Doch die Regeln seien bisher schon streng, betont Jürgen de Laporte, Hausarzt in Esslingen und Bezirksvorsitzender von Nordwürttemberg im HÄVBW: „Selbstverständlich schreibe ich nur Patienten telefonisch krank, die mir persönlich bekannt sind. Zudem ist dies maximal für fünf Tage und nur bei leichten Symptomen möglich. Eine Folgekrankschreibung per Telefon ist ausgeschlossen.“ Patienten spare das unnötige Wege: „Wer Fieber hat, sollte sowieso nicht aus dem Haus“, so de Laporte. Zudem seien Patienten im Wartezimmer sowie Praxismitarbeiter besser vor Ansteckung geschützt.

Jürgen de Laporte, seit Jahrzehnten Hausarzt in Esslingen, schwört auf das Vertrauen zwischen Arzt und Patient Foto: Privat

Susanne Bublitz, Hausärztin in Pfedelbach im Hohenlohekreis und Co-Vorsitzende des HÄVBW, fügt hinzu, sie kenne ihre Patienten in der Regel über viele Jahre: „Ich kann als Ärztin die gesundheitliche Situation einschätzen, ob im persönlichen Gespräch oder per Telefon.“ Die Möglichkeit sei nicht nur medizinisch, sondern auch versorgungspolitisch richtig: „Hausarztpraxen sind chronisch überfüllt. Da bringt die telefonische Krankschreibung dringend notwendige Entlastung – und auch Entbürokratisierung.“

Esslinger Hausarzt: Patienten kurieren sich oft nicht aus

Dem Vorwurf des Kanzlers, Beschäftigte ließen sich zu oft und teils wegen Lappalien krankschreiben, widersprechen die Hausärzte Buhlinger-Göpfarth, Bublitz und de Laporte. Patienten seien aus ihrer Sicht nicht wehleidiger geworden: „Ich bemerke eher ein übermäßiges Pflichtbewusstsein“, so de Laporte. „Viele Patienten muss ich regelrecht auffordern, daheim zu bleiben.“ Weil so manche im Krankheitsfall keine oder zu kurze Ruhepausen einlegten, komme es zu Infektionsketten: „Wer Infekte nicht auskuriert, sondern verschleppt, wird die Symptome über lange Zeit nicht los und steckt sich auch leichter erneut an.“

Was den Menschen aber durchaus fehle, sei Gesundheitskompetenz – „also die Fähigkeit, Symptome einzuschätzen – und zu bewerten, was einer ärztlichen Abklärung bedarf“, ergänzt Buhlinger-Göpfarth. Ein weiteres Problem, das ihr begegnet: „Wir leben leider immer noch in einer Gesellschaft, in der vor allem körperlich sichtbare Beschwerden als Krankheit akzeptiert werden.“ Menschen mit psychischen Erkrankungen hätten daher häufig Hemmungen, damit auf ihren Arzt zuzugehen. „Werden psychische Erkrankungen nicht rechtzeitig behandelt, führt das oft zu langen Fehlzeiten.“

Langzeitkranke verursachen die höchsten Kosten

Solche Langzeitkrankschreibungen, also Ausfälle von mehr als sechs Wochen, sind nach Einschätzung des Hausarzttrios das eigentliche Problem: „Sie machen zwar nur 3,5 Prozent aller Fälle aus, verursachen aber fast 45 Prozent der Fehlzeiten – und somit Kosten in Milliardenhöhe“, fasst de Laporte zusammen. Wer diese Fehlzeiten in Deutschland wirklich reduzieren wolle, müsse bei einer „therapeutisch sinnvollen Wiedereingliederung ansetzen“, fügt seine Kollegin Bublitz hinzu.

Doch wie hoch ist der Krankenstand in Deutschland überhaupt? Im Schnitt waren Arbeitnehmer im Jahr 2025 – je nach Quelle und Berechnungsart – zwischen 14,5 (Statistisches Bundesamt) und 19,5 Tagen (Krankenkasse DAK) krank gemeldet. Das Statistische Bundesamt bezieht sich auf Werktage, die DAK auf Kalendertage. Baden-Württemberg liegt in den vergangenen Jahren stets unter dem Bundesschnitt. Deutschland hat somit viele Fehltage im internationalen Vergleich. Allerdings hinkt dieser.

Nach Angaben des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sind die hohen Zahlen und zuletzt auch deren Anstieg unter anderem auf eine bessere statistische Erfassung zurückzuführen, etwa durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Krankschreibungen müssen nun nicht mehr extra bei den Krankenkassen eingereicht werden, sondern werden zu 100 Prozent automatisch übermittelt. Zudem hat laut de Laporte in der Bevölkerung die Anfälligkeit für Atemwegserkrankungen zugenommen: „Grippe, RSV und seit der Pandemie eben auch weiterhin Covid.“

Nur wenige täuschen Krankheit vor

Kommen dennoch schwarze Schafe in die Praxen, also Menschen, die Krankheit vortäuschen? Blau machten die wenigsten, ist sich de Laporte sicher. „Ab und zu sitzt mal ein Auszubildender vor mir, der sich vor einer Prüfung drücken will“, räumt er ein. „Dass Menschen wegen Lappalien krankgeschrieben werden möchten, ist meiner Erfahrung nach aber eher die Ausnahme“, bestätigt Buhlinger-Göpfarth. Hausarztmedizin sei Beziehungsmedizin. „Dazu gehört eine große Portion Empathie und die Fähigkeit, auch darüber zu sprechen, ob und wie lange eine Krankschreibung notwendig ist.“ Hausärzten, die einen über Jahre begleitet, mache man nicht so einfach etwas vor. „Es gibt ein Vertrauensverhältnis“, so Bublitz. „Das mag im Falle von Ärzte-Hopping aber anders sein.“

Angesichts der aktuellen Debatte untermauere der Hausärzteverband daher seine Empfehlung an die Politik: „Wer Patienten besser steuern und das Gesundheitssystem entlasten will, sollte auf die Hausarztzentrierte Versorgung setzten, also auf den Hausarzt als erste Anlaufstelle für alle Gesundheitsfragen.“