Ludwigsburg/Berlin - Der 9. März 2016 ist ein sonniger Frühlingstag in Ludwigsburg. Kein Regen, die Luft klar, die Temperaturen bei etwas unter zehn Grad. Etwa 25 Männer stehen vor dem Landratsamt in der Hindenburgstraße. Sie protestieren still. In einem Brief haben die Syrer ihre Besorgnis darüber zu Papier gebracht, dass sie noch immer keinen Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stellen konnten. Sie hoffen auf die Hilfe der Behörde.
Der Syrer Kevork Almassian ist einer von ihnen, und er ist einer der 40 Unterzeichner des Schreibens an den Landrat. Wie alle leidet er unter den Lebensbedingungen in der Massenunterkunft. Keiner weiß dort so genau, wer Freund und wer Feind ist. Die Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad leben mit seinen Anhängern Seite an Seite, ebenso Muslime und die wenigen Christen. Die Halle spiegelt die syrische Gesellschaft en miniature wieder. Almassian ist armenischer Christ. Auch er fühlt sich in der Halle offensichtlich unwohl. Er verlässt die Unterkunft oft für mehrere Tage und ist viel unterwegs.
Der lange Bart ist sein Markenzeichen
Sein Englisch ist perfekt. Almassian kann sich ausdrücken. Studiert hat er im Libanon, wie er erzählt und wie Fotos auf seinem Instagram-Account dokumentieren. Er tritt distinguiert auf, trägt einen langen Bart – offenbar sein Markenzeichen: Auf Instagram kokettiert er mit dem selbst gewählten Nickname „Beardman“, der Mann mit dem Bart. Seine Posts bestehen fast ausschließlich aus Selfies aus wechselnden Städten. Eine seltsame Mischung aus Eitelkeit und Selbstbehauptung in Zeiten des Umbruchs sind diese öffentlich für jedermann einsehbaren Bilder.
Auffällig dabei: Es gibt keine Bilder, die Almassian in der Flüchtlingsunterkunft zeigen. Das meidet er offensichtlich. Ein Bild des Deutschen Roten Kreuzes Ludwigsburg zeigt ihn jedoch im Februar 2016 mit anderen jungen Syrern als erfolgreiche Absolventen eines Ersthelferkurses. Ein gemeinsames Zeichen des Integrationswillens des DRK und der Neuankömmlinge, so kann man das Bild lesen.
Almassians Visitenkarte weist ihn am 9. März 2016, dem Tag der Protestaktion vor der Ludwigsburger Landratsamt, als Journalisten und politischen Analysten – vor allem der Lage in Syrien – aus. Er wirkt wie der Anführer der Gruppe: Almassian trägt das Anliegen der Flüchtlinge im Landratsamt vor und sagt danach weltläufig-diplomatisch, als habe er Erfahrung mit solchen Begegnungen, das Gespräch habe „in freundschaftlicher Atmosphäre stattgefunden“. Ein Vertreter der Kreisbehörde verspricht daraufhin, sich beim Regierungspräsidium für die Bewohner der zweckentfremdeten Turnhalle einzusetzen.
Im Brauhaus mit dem Chef der Jungen Alternative
Almassian hat zu diesem Zeitpunkt bereits ganz andere Fürsprecher und Förderer in Deutschland. Am 12. November 2015, so verrät es sein Instagram-Account, der seinen Weg nach Ludwigsburg detailliert dokumentiert, ist er in der Stadt angekommen. An diesem Tag stellt er ein Foto ein, das ihn vor und in dem Bus nach Ludwigsburg zeigt. Er kommt aus der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Karlsruhe. „Heading to #Ludwigsburg“ schreibt er unter das Bild.
Zwei Tage später postet er ein Foto mit Markus Frohnmaier, damals Vorsitzender der Jungen Alternative Deutschland, heute Bundestagsabgeordneter der AfD für den Wahlkreis Böblingen. Mit einem Bierglas in der Hand sitzen sie im Ludwigsburger Lokal Brauhaus und grinsen in die Kamera. Ein zufälliges Aufeinandertreffen? Viel Zeit hatten Frohnmaier und Almassian jedenfalls nicht, einander kennenzulernen. Dafür wirken die beiden Männer sehr vertraut.
Für die AfD, der oft Fremdenfeindlichkeit vorgeworfen wird, scheint der Flüchtling Almassian wie bestellt zu kommen. Bereits zwei Wochen nach dem Treffen mit Frohnmaier tritt er bei einer Veranstaltung der AfD in Berlin zur Lage in Syrien auf. Überhaupt reist er erstaunlich viel für einen Geflüchteten: Als er vier Monate nach seiner Ankunft in Ludwigsburg mit den anderen Geflüchteten demonstriert, liegen bereits drei Monate baden-württembergischer Landtagswahlkampf mit der AfD hinter ihm – unter anderem mit dem Partei-Rechtsaußen Björn Höcke.
Anhänger des Assad-Regimes
Bei der Weihnachtsfeier des AfD-Kreisverbands Hohenlohe-Schwäbisch Hall, der seine Rede am Heiligabend 2015 auf Facebook postet, tritt er neben Markus Frohnmaier auf. In seiner Rede bezeichnet Almassian den rechten Publizisten Manuel Ochsenreiter als seinen Freund. Ochsenreiter war Chefredakteur der „Deutschen Militärzeitschrift“ und ist nun in gleicher Funktion beim rechten Magazin „Zuerst!“. Der Assad-Anhänger Almassian ist offensichtlich bestens vernetzt mit Männern, die dem rechten Spektrum zuzuordnen sind. Ein Instagram-Foto zeigt ihn beispielsweise mit dem deutschen Vorsitzenden von Euro-Rus, einer Organisation, die für einen stärkeren Einfluss Russlands in Europa kämpft und gegen die Europapolitik der EU. Beide zeigen die syrische Fahne, die für das Assad-Regime steht. Im Januar 2016 interviewt der Putin nahestehende russische Fernsehsender REN-TV den Emigranten Almassian. Er habe Syrien verlassen, nachdem ein Familienmitglied Opfer einer Entführung wurde, sagt er.
Im April 2016 ist Almassian wieder der Ludwigsburger Halle entflohen und sitzt in einem Eiscafé in Freiburg. Bei einem Gespräch mit unserer Zeitung erzählt er, er wohne „zwischenzeitlich bei einem Freund“. Er ist lässig gekleidet, trägt Bermudas, hat ein iPad – ein Geschenk seines Freundes Markus Frohnmaier, wie er sagt. Er berichtet, er habe Frohnmaier über Manuel Ochsenreiter kennengelernt, als er wie Ochsenreiter auf Recherchereise im Donbass unterwegs gewesen sei – lange vor seiner Ankunft in Deutschland. Ochsenreiter und Frohnmaier sind alte Freund, sie haben gemeinsam das „Deutsche Zentrum für Eurasische Studien“ gegründet und organisieren sogenannte Wahlbeobachtungen in Separatistengebieten. Almassian sagt, er wolle Frohnmaier als Journalist im Bundestagswahlkampf unterstützen. Zu diesem Zeitpunkt berichtet Almassian für Russia Today aus Deutschland und unterhält einen eigenen Videokanal. Einmal interviewt er Ochsenreiter, ein anders Mal reist er mit ihm nach Antwerpen.
Im November 2016 wird Almassian von „Sezession“ interviewt, dem Blatt der rechten Vordenker um Götz Kubitschek. In diesem Gespräch sagt Almassian unter anderem: „Viele meiner Landsleute sind potenzielle Gefährder. Meine Einblicke in die Flüchtlingsheime in Deutschland haben mir jedwede Sympathie geraubt. Wer in seinem Heimatland nichts geleistet hat, kann auch nichts für Deutschland leisten.“ Auf die Frage, was er in den Flüchtlingsheimen erlebt habe, antwortet Almassian: „Ich kenne keine einzige Gruppe, die gegen die Regierung kämpft und keine Terrororganisation ist.“ Auf die Frage, was zu tun sei, rät er zu einem „besseren Durchleuchten der Neuankömmlinge“.
Über welche Route ist er eingereist?
Das ist ein gewagter Rat von jemandem, dessen eigene Ankunft Fragen aufwirft: Almassians Instagram-Account zeigt, auf welchem Weg er offenbar nach Deutschland eingereist ist: Am 5. Oktober 2015 ist er von Beirut nach Zürich geflogen. Im dortigen Mövenpick-Hotel nahm er an einer Konferenz teil und schrieb auf Instragram „#lovemyjob“. Am 9. Oktober war er in Neuchâtel – also immer noch in der Schweiz. Das nächste Bild zeigt das badische Freiburg, Datum des Postings ist der 11. Oktober 2015. Das Problem an solch einer Route: Die Schweiz gilt als sicheres Drittland, wo Flüchtlinge bereits einen Asylantrag stellen müssen.
Auf Wahlkampfveranstaltung mit seinem syrischen Freund ätzt derweil der AfD-Mann Frohnmaier, es würden viel zu viele Flüchtlinge unkontrolliert nach Deutschland einreisen. Markus Frohnmaier ist zu diesem Zeitpunkt Landtagskandidat in Villingen-Schwenningen.
Heute lebt Almassian in Berlin. Auf Anfrage unserer Zeitung, was er dort mache, sagt der 31-Jährige, dass er es „vom Elend in den Bundestag geschafft hat“ und dass ihm das „doch wohl zu gönnen ist“. Das Elend ist das syrische Aleppo. Der Bundestag, das ist offenbar das Abgeordnetenbüro von Markus Frohnmaier. Laut eines Beitrags des ARD-Politmagazins „Kontraste“ vom 28. Februar ist Almassian mittlerweile Frohnmaiers Mitarbeiter. Eine Interviewanfrage der Stuttgarter Zeitung zu seiner Zusammenarbeit mit Kevork Almassian lässt Frohnmaier unbeantwortet.
Markus Frohnmaier hatte sich gerade von einem anderen Mitarbeiter getrennt: Manuel Ochsenreiter, der seit September vergangenen Jahres als sein Referent tätig war. Die Staatsanwaltschaft Berlin bestätigt, gegen Ochsenreiter wegen des Anfangsverdachts der schweren Brandstiftung zu ermitteln. Es geht um einen Anschlag gegen ein ungarisches Kulturzentrum in der Ukraine im Februar 2018. Ein polnisches Gericht verhandelt gegen einen der Brandstifter, der behauptete, zu der Tat von Ochsenreiter angestiftet worden zu sein. Manuel Ochsenreiter dementiert das öffentlich.
Manuel Ochsenreiter aber hat nach Bekanntwerden der Ermittlungen um die Auflösung seines Vertrags gebeten – um Schaden von Frohnmaier abzuwenden.