Zwei Freundinnen wollen im Wahllokal in Stuttgart-West die Linke wählen, in der Hochhaussiedlung im Stadtteil Freiberg wird viel Wahlkampf für die AfD gemacht. Foto: Erdem Gökalp
Viele Wähler sind am Sonntag unentschlossen, wo sie ihr Kreuz hinsetzen wollen. Wir haben mit Wählern in West und Freiberg geredet, wo die Grünen oder die AfD besonders stark sind.
Manchen Menschen steht ihr Wahlverhalten an diesem Wahlsonntag regelrecht auf der Stirn geschrieben – könnte man meinen. Am Wahllokal im Schulzentrum im Stuttgarter Stadtteil Freiberg sieht man zum Beispiel einen Mann mit schulterlangen grauen Haaren und einem Kinnbart aus der Schule laufen. Er ist gut gelaunt und trägt eine knallgrüne Outdoor-Jacke.
Nicht nur die Farbe lässt ihn ökologisch-bewusst erscheinen. Er redet auch gleich über Elektromobilität und die grüne Wende in der Wirtschaft. Seine Wahlentscheidung sei also ganz klar ausgefallen: die CDU. Den Grünen würde es nämlich nicht gelingen, die breite Masse mit ihrer Politik anzusprechen.
Nächster Versuch. Auch eine ältere Dame macht sich bereit, in das Wahllokal inmitten der Hochhaussiedlung zu gehen. Sie ist besonders modisch gekleidet. Alles an ihrem Outfit ist abgestimmt. Ihr hellblauer Schal hat den selben Farbton wie ihre Jacke. Sie wirkt gebildet und hoch entschlossen, welcher Partei sie ihre Stimme geben will. Nämlich jener, der sie sie immer gebe: der AfD. „Ich lese keine Nachrichten, denn die Medien lügen sowieso alle. Die AfD steht wenigstens für Deutschland“, sagt sie.
Wahl in Stuttgart: Viele in Freiburg wählen rechtspopulistisch
Das Wahllokal im Schulzentrum Freiberg wird von vielen Bewohnern der umliegenden Hochhäuser angesteuert. Foto: Erdem Gökalp
Ein älterer Herr, der mit seinem Hund in das Wahllokal in einer Schule geht, beschreibt das Leben dort als harmonisch. „Es stimmt, dass hier viele Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen sind. Doch wir kommen mit allen gut aus“, sagt er. Er wähle die CDU. Eine andere Frau sagt wiederum, dass die Politik eine Katastrophe sei. Sie könne daher nur die AfD wählen, ohne konkret sagen zu können, was sie eigentlich störe.
Mitglieder einer muslimische Familie, die aus dem Irak und aus Marokko stammen, hören zum ersten Mal davon, dass die Rechten in Freiberg so stark sein sollen. Sie wollen kleinere Parteien dabei unterstützen, es in den Landtag zu schaffen, sagen sie. Viele andere Wähler hingegen sind am Sonntagvormittag noch gänzlich unentschlossen, wen sie wählen sollen. Manche entscheiden sich erst in der Wahlkabine, sagen sie.
Im Stuttgarter Westen bekommt man das Kontrastprogramm zu Freiberg. Jedenfalls, wenn man auf das Ergebnis der letzten Bundestagswahl 2025 schaut. Die Grünen kamen hier stuttgartweit auf den Spitzenwert von 34,60 Prozent der Erststimmen und 30,55 Prozent der Zweitstimmen. „Die Grünen haben in den letzten Tagen schon ordentlich Wahlkampf auf der Straße gemacht“, sagt eine junge Frau, die gerade auf dem Weg in das Wahllokal in der Gewerblichen Schule Im Hoppenlau ist.
Um kurz nach 11 Uhr gibt es einen regelrechten Ansturm auf das Wahllokal. Es sind viele junge, urbane Menschen unterwegs. Redet man mit ihnen, könnte man fast denken, dass es gar keinen Wahlkampf gegeben habe. Eine Frau sagt etwa: „Bei mir ist nichts hängen geblieben. Ich gehe nur wählen, um die AfD zu verhindern.“ Zwei Freundinnen, 26 und 30 Jahre alt, wollen die Linke wählen. „Es ist die einzige Partei, die soziale Gleichstellung auf dem Schirm hat“, sagt die 30 Jahre alte Innenarchitektin.
Wahlgeheimnis ist in Stuttgart vielen heilig
Ein Freundeskreis junger Menschen kann auch wenig über den Wahlkampf sagen. „Diese Debatte mit den drei Spitzenkandidaten war ja denkbar ereignislos“, sagt einer von ihnen. Eine ältere Dame gibt an, dass sie das wähle, was sie schon seit Jahrzehnten wähle. Es gebe nichts, was ihr Wahlverhalten verändern würde. Die Partei verrät sie allerdings nicht.
Auch für eine weitere ältere Dame bleibt die Wahlentscheidung ein Geheimnis. „Ich kenne Eheleute, die nicht mal voneinander wissen, was sie gewählt haben“, sagt sie. Daher bleiben auch ihre Lippen an diesem Wahlsonntag fest verschlossen, wenn sie jemand nach ihrer Partei ausfragt. Wichtig sei, so sagt sie, dass man überhaupt wählen gehe.