Esslinger Sebastian Schäfer Doktorarbeit von Grünen-Abgeordnetem wird geprüft

Seit 2021 im Bundestag: der Grünen-Politiker Sebastian Schäfer Foto:  

Hat Sebastian Schäfer in seiner Dissertation geschummelt? Nach anonymen Hinweisen prüft das die Uni Erfurt. Der Esslinger Abgeordnete sieht allenfalls Zitierfehler.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Mitten im Landtagswahlkampf wird erneut der akademische Abschluss eines Politikers zum Thema. Nach dem CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel, der Angaben zu einem angeblichen „Diplom“ korrigiert hatte, rückt nun ein Vertrauter seines Grünen-Kontrahenten Cem Özdemir ins Blickfeld. Der Esslinger Grünen-Bundestagsabgeordnete Sebastian Schäfer (45), vor Jahren Büroleiter von Özdemir, sieht sich mit Vorwürfen zu seiner Doktorarbeit konfrontiert. Nach einem anonymen Hinweis prüft die Universität Erfurt einen Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten. Schäfer räumt mögliche Fehler beim Zitieren ein und hat angekündigt, die Hochschule bei der Aufarbeitung zu unterstützen.

 

Der gebürtige Unterfranke hatte an der Universität Erfurt zunächst Staatswissenschaften und Philosophie studiert und nach dem Bachelor ein Master-Studium der Wirtschaftswissenschaften angeschlossen. Im Jahr 2013 beendete er seine berufsbegleitende Dissertation, Thema: „Der Systemwettbewerb in der Europäischen Union – eine Fallstudie im Gesellschaftsrecht”. Seit 2021 sitzt Schäfer für den Wahlkreis Esslingen im Bundestag. Zuvor war er in verschiedenen Landesministerien und der Berliner Vertretung des Landes tätig, zuletzt als Referatsleiter im Finanzressort.

Anonymus schickt detaillierte Hinweise

Ein anonymer Hinweisgeber hatte sich Ende 2025 per Mail an die Universität Erfurt gewandt. Bei der Durchsicht der Dissertation, schrieb er, seien ihm „an mehreren Stellen weitgehende wörtliche oder nahezu wörtliche Übereinstimmungen mit zuvor veröffentlichten Texten aufgefallen“. Dabei sei „keine oder keine hinreichende Kennzeichnung als wörtliches Zitat erfolgt“. Teilweise seien die Quellen – Fachliteratur, EU-Veröffentlichungen oder Wikipedia-Einträge – nicht genannt, teilweise sei der Wortlaut ohne Anführung oder klare Abgrenzung übernommen worden. Beigefügt war eine mehrseitige Tabelle, in denen die fraglichen Passagen aus der Doktorarbeit den mutmaßlichen Quellen gegenübergestellt waren. Die Uni möge prüfen, ob die Arbeit den Maßstäben der „guten wissenschaftlichen Praxis“ entspreche, verblieb der Anonymus.

Auf die Mail an mehrere Adressaten hatte der Absender zunächst zwei Absagen erhalten. Ein Professor schrieb ihm, er sei nicht zuständig. Konsequenz: „Ihr Text wird ungelesen gelöscht, Ihre Absenderadresse blockiert.“ Ein anderer erklärte, auf eine „bloße Bitte“ hin komme keine Prüfung in Gang. Schließlich landeten die Hinweise bei der zuständigen Ombudsperson, einer Professorin; diese kündigte eine Überprüfung an.

Auf Anfrage unserer Zeitung hieß es: „Wie in jedem solchen Fall nimmt die Universität Erfurt auch hier den Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten ernst und hat, wie der Prozess zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis … vorsieht, den vorliegenden Sachverhalt nach Erhalt der Hinweise an die Ombudsperson zur Prüfung weitergeleitet.“ Nähere Auskünfte könne man derzeit „aufgrund des rechtsnotwendigen Schutzes des von den Vorwürfen Betroffenen nicht geben“.

Einstiger Doktorvater äußert sich lobend

Inzwischen hat Schäfer gegenüber der Hochschule detailliert zu den Vorwürfen Stellung genommen. An einigen Stellen räumt er mögliche „Zitationsfehler“ ein; dabei gehe es aber um Sachverhaltsbeschreibungen und nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse. Zu etlichen Stellen schreibt er, Fehler beim Zitieren seien „für mich nicht erkennbar“. Selbstverständlich sei er bereit, etwaige Unstimmigkeiten oder Fehler „in geeigneter Form zu berichtigen“. Seinen Doktorvater Gerhard Wegner und den Zweitkorrektor nimmt Schäfer vorsorglich in Schutz: „Sämtliche Fehler, die die Dissertation möglicherweise aufweist, liegen allein in meiner Verantwortung.“

Gegenüber unserer Zeitung teilte Wegner mit, er wolle dem formellen Verfahren nicht vorgreifen. Allgemein könne er sagen, dass Schäfer „zu unseren besten Studierenden der Staatswissenschaftlichen Fakultät gehört hat“. Er habe ihn über die Jahre „als einen sehr engagierten, fleißigen und gewissenhaften Studenten kennengelernt“. Bei der Wahl seiner Fächer habe er „durchaus den schwierigen Weg gewählt“, so der Professor. Die Dissertation sei mit „gut“ beurteilt worden.

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