Jüngster Abgeordneter Vom Sindelfinger Rathaus in den Landtag
Der 23-jährige Nico Gunzelmann (CDU) wird jüngster Abgeordneter im neuen Landtag. Dafür muss er seinen Abteilungsleiter-Posten auf dem Sindelfinger Rathaus ruhen lassen.
Der 23-jährige Nico Gunzelmann (CDU) wird jüngster Abgeordneter im neuen Landtag. Dafür muss er seinen Abteilungsleiter-Posten auf dem Sindelfinger Rathaus ruhen lassen.
Nico Gunzelmann hat es geschafft. Der junge CDU-Kandidat sicherte sich bei der Landtagswahl mit 31,2 Prozent der Erststimmen das Direktmandat im Enzkreis. Damit ist der 23-Jährige der jüngste Abgeordnete im neuen Landtag. Seinen Job auf dem Sindelfinger Rathaus muss Gunzelmann dafür allerdings beenden – er kann aber zurückkehren.
Das oft gebrauchte Bild von einem lachenden und einem weinenden Auge passt in diesem Fall perfekt. „Ich freue mich auf die neue Aufgabe in Stuttgart“, sagt der junge Mann, „aber gleichzeitig bedaure ich, dass ich Sindelfingen verlassen muss, ich schätze meine Arbeit und mein Team sehr.“
Seit März 2025 ist Nico Gunzelmann Leiter der Geschäftsstelle Gemeinderat in Sindelfingen. Der 23-Jährige und seine vier Kollegen organisieren alles rund um die Gemeinderatsarbeit. Sie kümmern sich um die Sitzungsvorlagen, besprechen die Themen mit den zuständigen Ämtern, stellen die Tagesordnung zusammen, laden ein, protokollieren und regeln, dass die Gemeinderatsbeschlüsse auch den Weg zu den Ämtern zurück finden. „Für mich ist das eine sehr sinnstiftende Arbeit“, sagt Nico Gunzelmann, „wir sind ganz direkt daran beteiligt, dass die Gemeinderatsarbeit gut funktioniert und wichtige Entscheidungen getroffen werden.“
Der 23-Jährige brennt für Politik. Das merkt man auch in seiner Heimatgemeinde Wiernsheim in der Nähe von Pforzheim. Gunzelmann gehört dort seit 2024 dem Gemeinderat an und ist stellvertretender Bürgermeister. Außerdem ist der gläubige Christ Kreisvorsitzender der Jungen Union im Enzkreis und Vorstandsmitglied bei der Handball-SG Pforzheim/Eutingen. Keine Überraschung, dass er „Public Management“ in Ludwigsburg studiert hat und direkt am Sindelfinger Rathaus anheuerte.
Dass er der Jüngste im neuen Landtag sein wird, sieht Gunzelmann übrigens eher als Randnotiz. Natürlich wolle er auch eine junge Perspektive einbringen, sagt er. „Aber in erster Linie bin ich für alle Menschen im Enzkreis verantwortlich und vertrete sie.“ Darunter seien viele, die älter sind als er – ebenso wie Bürgerinnen und Bürger, die ihn gar nicht gewählt hätten.
Der deutliche Abstand der CDU zu Grünen und AfD im Enzkreis überrascht Gunzelmann positiv. Kritisch sieht er dagegen das Abschneiden der AfD, sowohl in Baden-Württemberg mit 18,8 Prozent als auch im Enzkreis mit 22,6 Prozent. „Das ist auch ein Auftrag für mich“, sagt er. Häufig handle es sich dabei um enttäuschte frühere CDU-Wähler. „Denen möchte ich wieder ein Angebot machen.“ Insbesondere will er den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg stärken. „Politik muss darauf geprüft werden, ob sie unserer Wirtschaft hilft“, sagt er.
Demnächst wird Nico Gunzelmann seine Wahl formal anerkennen – damit ist er Mitglied des Landtags und darf nicht mehr auf dem Rathaus arbeiten. Während Abgeordnete ihrer Tätigkeit als Selbstständige oder in der freien Wirtschaft weiter nachgehen können, gilt bei Beamten die Unvereinbarkeit von Amt und Mandat. „Aber ich kann später auch wieder zurück“, betont der Wiernsheimer, „das hat den Vorteil, dass ich von der politischen Arbeit nie finanziell abhängig sein werde.“
Mit den Prozessen der Gremiumsarbeit ist Nico Gunzelmann also bestens vertraut. Wird er daher der Geschäftsstelle des Landtags in Stuttgart genau auf die Finger schauen? „Nein, da werde ich mich erst einmal zurückhalten“, lacht der 23-Jährige, „aber natürlich ist es für mich ein Pluspunkt, dass ich mich mit den grundsätzlichen Abläufen gut auskenne.“
In seinem Jahr auf dem Rathaus habe er Sindelfingen sehr schätzen gelernt. „Die Stadt hat ein unfassbares Potenzial“, weiß Gunzelmann, „deshalb habe ich mich ja auch bewusst für diesen Job entscheiden und 45 Minuten Fahrtzeit in Kauf genommen.“ Mit dem Oberbürgermeister Markus Kleemann sei auch noch einmal eine neue Dynamik entstanden, doch wie überall habe die Stadt mit der Krise des kommunalen Haushalts zu kämpfen. „Ich habe den Gemeinderat aber als sehr konstruktiv erlebt und glaube, dass gute Entscheidungen getroffen werden“, sagt der scheidende Geschäftsstellen-Leiter, „ich werde die Arbeit jedenfalls sicher aus der Ferne weiter verfolgen, insbesondere bei Mammutprojekten wie dem Badezentrum.“
Und vielleicht kann er im Landtag ja auch gelegentlich ein gutes Wort für die Daimlerstadt einlegen.
OB in Kornwestheim
Es gibt mehrere Beispiele, bei denen das Sindelfinger Rathaus als ein Sprungbrett für die politische Karriere diente. Nico Lauxmann (CDU) war von 2004 bis 2010 persönlicher Referent des Oberbürgermeisters Bernd Vöhringer (CDU) – 2014 wurde Lauxmann Bürgermeister von Schwieberdingen, seit 2023 ist er Oberbürgermeister von Kornwestheim.
Bundestag
Marc Biadacz war von 2010 bis 2013 Büroleiter von Bernd Vöhringer, seit 2017 ist er CDU-Bundestagsabgeordneter für den Kreis Böblingen.
OB in Freiburg
Martin Horn (parteilos) begann 2014 seine Tätigkeit als Europa- und Entwicklungskoordinator im Hauptamt der Stadt Sindelfingen. Es folgte ein krasser Karrieresprung, als er 2018 aus dem Stand zum Oberbürgermeister von Freiburg gewählt wurde.
OB in Mühlacker
Stephan Retter (parteilos) war von 2016 bis 2021 für die Stadt Sindelfingen tätig, zuletzt als Amtsleiter für Digitalisierung. Anschließend wurde er Erster Beigeordneter in Steinheim an der Murr und 2025 zum Oberbürgermeister von Mühlacker gewählt.