Weiße Elefanten sind nicht etwa seltene, schöne Tiere. Es handelt sich um eine während der SED-Diktatur geprägte Metapher für absichtlich platzierte, kritische Sätze in literarischen Texten, die den Zensor von subtileren Inhalten ablenken sollten. So hofften Schriftstellerinnen und Autoren den größeren Teil brisanter Aussagen an den Augen der Staatsmacht vorbeischmuggeln zu können, weil die ja auch nur auf die prominent ausgestellten weißen Elefanten gestarrt hatte.
„Offiziell hat es in der DDR keine Zensur gegeben, sie wurde durch sogenannte Gummiparagraphen durchgesetzt“, erklärt Christian Müller vom Citizen Kane Kollektiv Stuttgart im Interview, und meint damit einen sehr dehnbaren Rechtsbegriff, der es dem Regime auch ohne explizite Zensurpraxis ermöglichte, kritische Stimmen im Zaum zu halten.
Intensive Recherchen
Christian Müller und dessen Co-Autorin Ida Liliom haben sich intensiv mit dem Thema Zensur in der DDR auseinandergesetzt, auf Basis der Forschungen des Citizen Kane Kollektivs ist die Theaterperformance „Weiße Elefanten“ entstanden. Die titelgebenden Dickhäuter seien wahrscheinlich nur ein Mythos, sagt Christian Müller, „wir haben herausgefunden, dass es noch ganz andere Mittel und Methoden seitens der Künstlerinnen und Künstler gab, um Zensur zu vermeiden.“
Nun gastiert die Arbeit im Doppel mit der rumänischen Performance „Nostalgia Up & Down“ der Theatergruppe Centrul Replika aus Bukarest im Kammertheater Stuttgart. Dazu gibt es eine Ausstellung und vier Talkrunden zur Theater-Zensur in sozialistischen Diktaturen. Dass das Thema bis heute aktuell ist, belegt etwa der Antrag 20/5226 der AfD-Fraktion im Bundestag vom Januar 2023 zur sogenannten „Neuausrichtung der Kulturpolitik mit dem Ziel der Verteidigung der deutschen Identität“, mit der eine Kulturpraxis abgewürgt werden soll, für die das spezifisch „Deutsche“ – was immer das sein mag – keine Rolle spielt. Wie sich in solch einer möglichen dystopischen Zukunft unterschiedliche, auch weiche Formen der Zensur auf künstlerische Prozesse auswirken könnten, ist nun Thema von „Weiße Elefanten“. Darin erzählt das Citizen Kane Kollektiv von den Probenarbeiten einer Theatergruppe, mit einer Regisseurin (Lisa Heinrici) unter diffuser Beobachtung und einem Theaterleiter, der ebenfalls Einfluss nehmen will. Zusätzlich stört eine im Probenraum einquartierte Amateur-Band die Proben.
Seminar angeboten
Entstanden ist das Projekt im Zuge von Kollaborationen mit der Universität Leipzig und der Universität Bukarest; so hat das Citizen Kane Kollektiv in Leipzig ein Seminar zu Repression und Theater-Zensur angeboten. „Gerade in der heutigen Zeit wird der Begriff Zensur nicht immer korrekt benutzt, oft auch umgangssprachlich, und es werden Dinge als Zensur bezeichnet, die vielleicht gar nicht darunter fallen“, sagt Müller.
So abstrakt die Performance zunächst anmutet; das Citizen Kane Kollektiv verarbeitet darin unter anderem den Fall der ostdeutschen Regisseurin Cornelia Schwab, die 1988 den dritten Teil von Heiner Müllers Lehrstück-Zyklus „Wolokolamsker Chaussee“ am Amateurtheater der Karl-Marx-Universität Leipzig aufführen wollte, nach der Generalprobe aber nicht für die Bühne zugelassen wurde. Die konkreten Gründe für die Absage liegen im Dunkeln, beschreibt das Citizen Kane Kollektiv in der zur Performance gehörenden Ausstellung. Cornelia Schwab, die sich nach Aussage des Kollektivs nie offen gegen das System gewandt hatte, trotzdem von „höheren Stellen“ als „unbequem“ und „künstlerisch ungenügend“ eingeschätzt wurde, wie es im Text der Ausstellung heißt, wurde mundtot gemacht, indem sie ihre Regiearbeit nicht öffentlich präsentieren konnte.
Von rechts bedroht
„Wir haben sehr unterschiedliche Quellen für unsere Recherchen genutzt“, sagt Ida Liliom. „Wir waren uns oft unsicher zu bestimmen, wie Zensur früher überhaupt abgelaufen ist und definiert wurde. Und heute ist das nicht anders. Mir ging es in meiner Arbeit darum zu fragen, welche Gruppen sich heute zensiert fühlen. Wir kennen das Beispiel einer queer-feministischen Performance vom Berliner Chicks-Kollektiv, die von rechts bedroht wurde und in der Folge halb offiziell wieder vom Kinder- und Jugendtheater Festival in Zwickau ausgeladen wurde.“ Und Christian Müller setzt hinzu: „Das Chicks-Kollektiv hat diese Ausladung allerdings nicht als Zensur beschrieben, es war wie so oft auch in diesem Fall nicht ganz eindeutig.“ Das Festival habe einen Antrag falsch gestellt und musste aufgrund der deshalb geringeren Bezuschussung einer Produktion wieder absagen. Das habe ausgerechnet besagte Produktion des Chicks-Kollektivs getroffen, die mit ihrem Aufklärungsstück „Lecken“ zuvor schon ins Visier rechter Lokalpolitik geraten war. „Während der Recherche ist uns aufgefallen, dass auch zu DDR-Zeiten die Zensur so gut wie nie aus inhaltlichen oder politischen Gründen erfolgte, meistens wurden Ausweichmanöver gestartet. Bei kritischen Büchern hieß es oft, man habe nicht genug Papier, bei Theaterstücken wurde vorgeschoben, die Qualität sei nicht gut genug, das könne man dem Publikum nicht zeigen.“
Verantwortung übernommen
In ihrer Performance ginge es aber vor allem um Zersetzungsprozesse, sagt Ida Liliom, was Selbstzensur begünstige. „Wenn eine Person durch Eingriffe von Außen stark verunsichert wird, beginnt sie von selbst daran zu zweifeln, ob die eigene Arbeit gut genug ist.“
Mit dem Blick zurück in die Vergangenheit versucht das Kollektiv einen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung zu leisten. Mit dem Mauerfall habe der Westen eine Verantwortung übernommen, der man besser gerecht werden müsse, sagt Ida Liliom.
Die Macher des Konzepts
Citizen Kane Kollektiv
Das Citizen Kane Kollektiv verbindet Recherchen mit künstlerischer Auseinandersetzung. Im Manifest der Gruppe heißt es u.a.: „Kunst muss die richtigen Fragen stellen und nicht versuchen, Antworten zu geben.“
Centrul Replika
Das Theaterkollektiv Centrul Replika beschäftigt sich in der Performance „Nostalgia Up & Down“ mit dem Zusammenhang rumänischer Selbstfinanzierungspraxis von Kultur in den 1980er Jahren und heutigen Bestrebungen der Kulturszene zur Gewinn- und Effizienzsteigerung. Erstaufführung war im Juni 2024 in der Leipziger Schaubühne Lindenfels. Beide Arbeiten sowie eine Ausstellung sind nun im Rahmen eines zweitägigen Festivals am 29. und 30.11. im Kammertheater Stuttgart zu sehen.
Spenden
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Zugang
Infos und Karten: https://www.schauspiel-stuttgart.de/