Ein Samstag im Regen in Stuttgart-Botnang. Für die Parteien heißt das, präsent sein, kleine Geschenke verteilen und ansprechbar sein. Foto: Lorenz/StZN
Vier Wochen im Straßenwahlkampf, das bedeutet für die ehrenamtlichen Helfer viel Regen, Wind und Frühaufstehen, um die besten Standplätze zu ergattern. Eindrücke von der Straße.
Es gibt die echt guten Plätze draußen auf der Straße. Die Ecke am Marktplatz in der Innenstadt etwa, wo einmal Spielwaren Kurtz war, ist einer dieser begehrten Orte. Hier stehen am ersten Samstag im Februar die Grünen, Ortsverein Mitte, mit einem Wahlkampfstand. Mit Äpfeln vom Wochenmarkt als Give away und natürlich Flyern. Grünen-Mitglied Clara Conraths diskutiert gerade mit einem jungen Mann, schwarze Lederjacke, Kurzhaarschnitt, über Fragen der Energieversorgung. Kundig klingt das und nach einem ruhigen wirklichen Austausch. Der Ton sei nicht so aggressiv wie im Bundestagswahlkampf vor einem Jahr, sagt Conraths. Es ist kurz vor zwölf Uhr. So langsam geht’s ans Zusammenpacken. Um zehn Uhr haben sie aufgebaut. Noch vier Wochen bis zur Landtagswahl. Auf der Königstraße steht heute auch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Irgendwo dazwischen fragen sehr evangelikale Christen: Wo wirst du sein, wenn du heute noch stirbst? Himmel oder Hölle?
Am Rande des Wochenmarktes, gegenüber der Buchhandlung Osiander, steht ebenfalls seit zehn Uhr Klaus Wenk, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Gemeinderatsfraktion und heute Wahlkämpfer für Teresa Schreiber, an einem türkisfarbenen Pappquader. Er trägt eine gleichfarbig türkisfarbene Mütze und sagt: „Die Grünen waren fünf Minuten schneller als wir.“ Denn auch die Christdemokraten wollten eigentlich an der Poleposition zum Marktplatz stehen. Gut sichtbar und mit genügend Platz für Gesprächsgruppen. Vielleicht klappt es am nächsten Samstag. Straßenwahlkampf, das ist neben dem Versuch, politische Inhalte in Kurzform zu vermitteln, auch eine Frage der Logistik, des frühen Aufstehens und der richtigen Kleidung.
Speeddating der Kandidaten
Teresa Schreiber ist erkältet, sie hat schon einen Standbesuch in Stuttgart-Nord hinter sich. Wahlkampf auf der Straße, das ist für die Kandidatinnen und Kandidaten eine Art Speeddating von Stand zu Stand und Veranstaltung zu Veranstaltung. Für die Mitglieder in den Ortsvereinen heißt es, plakatieren und an den Ständen stehen. Sie sind die, die Präsenz zeigen vor Einkaufszentren, am Rande von Wochenmärkten oder vor S-Bahn-Stationen oder beim Haustürwahlkampf. Und manchmal kommt dann auch eine Kandidatin oder ein Kandidat vorbei. Für eine oder eine halbe Stunde. Und immer gibt es Fotos für Instagram. Nie haben sie alle so viel gepostet. 23 Bezirke hat Stuttgart mit mehr als einem Standort für die Ortsvereine. Da braucht man Puste und Ausdauer. Sowohl die Basis als auch die Kandidatinnen und Kandidaten.
Eintracht der Demokraten
Eine Woche später am Rande des Botnanger Wochenmarktes. Die frühlingshaften Temperaturen sind Vergangenheit. Es regnet, ist kalt – und der Wind macht es gefühlt noch kälter. In demokratischer Eintracht stehen gegen zehn Uhr morgens Mitglieder des CDU-Ortsverbands Botnang neben dem Stand der Grünen. Daneben hat der SPD-Ortsverein seinen roten Schirm aufgespannt. Altgediente Mitglieder. Die FDP fehlt. Die AfD diesmal auch. Und auch die Linke. Bei den Grünen ist Landtagsmitglied und Kandidat Oliver Hildenbrand vor Ort. Er verteilt Herzen mit Botschaft und fairer Schokolade.
Alle kennen sich im Bezirk
Shajeevan Thavakkumar („Meine Freunde nennen mich Saschi“), der für die CDU erst noch in den Landtag will, ist auch vor Ort und verteilt rote Rosen. Es ist Valentinstag. Bei der SPD gibt es Seifenblasen. Die Schärfe der politischen Auseinandersetzung ist hier nicht zu spüren. „Hier kennen sich doch alle“, sagt Norbert Latuske (82), sozialdemokratisches Urgestein. Die Themen? Die hohen Mieten und die fehlenden Wohnungen. Latuske spricht immer von der Bourgeoisie. An den Ständen machen Wochenmarktbesucher halt, grüßen, man kennt sich. Es gehe um die wirtschaftlichen Perspektiven und das Sicherheitsgefühl in den Gesprächen, um Polizeipräsenz sagt Shajeevan – Saschi – Thavakkumar. Den Nachtbus, der am Schlossplatz abfährt, wo keiner der jungen Leute mehr hingehen wolle.
Und dann ist plötzlich auch die FDP da. Ein Schirm, ein Tischchen, jede Menge gelbe Rosen und eine Kandidatin im Einhorn-Kostüm. „Guten Tag, ich bin die Kandidatin hier im Wahlkreis“, sagt die Frau im weißen Plüschoverall mit den rosafarbenen Flügeln. Gabriele Heise im Einhornkostüm kommt gerade aus Feuerbach vom Straßendapp am Samstagmorgen, einer Art Fasnetsumzug im Feuerbacher Ortskern. Fürs Umziehen war keine Zeit. Auffällig sucht ihr Stand die räumliche Nähe zu dem der CDU. „Wir sind stabil bei fünf Prozent“, sagt Heise. Und dass sie auf einen Regierungswechsel setzen, wenn’s gut gehe auf eine Koalition aus CDU und FDP.
Haustürwahlkampf oder Wahlkampf am Stand? Das Wetter ist immer dabei. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko, Lorenz
Ortswechsel: Cannstatt Wilhelmsplatz, am Eingang der Marktstraße. Die Wahl rückt immer näher. Einen Samstag später präsentiert sich das Wetter noch unwirtlicher. Es schüttet, was es kann. Eigentlich will man nicht raus. Alle zwei Wochen platziert sich hier der Kreisverband der AfD. Dicht gedrängt stehen die Cannstatter AfDler unter ihrem blauen Schirm um ihren Kandidaten Christian Köhler. Sie haben mit Verspätung aufgebaut. „Wir haben erst mal demokratisch entschieden, beim Bäcker einen Kaffee zu trinken“, sagen sie. Der Regen ist eher stärker geworden. Stehen bleibt bei diesem Wetter kaum jemand. Auf dem Meterstab, den sie verteilen, steht: Nicht für linke Hände.
Klopfen an Haustüren
Ein paar Häuserblocks weiter im Büro des Kreisverbandes der Linken sammeln sich die Wahlkämpfer, um dann zum Haustürwahlkampf aufzubrechen. Ein mutiges Unterfangen bei diesem Wetter. Aber sie haben ja den Rückenwind der Umfragen, die sie sicher im Landtag sehen. Am Ende des Wochenendes posten sie auf Instagram: „Wir stehen jetzt bei 9958 geklopften Haustüren“. Am zurückliegenden Wochenende wollten sie 10.000 schaffen. Zumindest das Wetter war ihnen gnädig.