Junge Menschen die bei der Landtagswahl mitmischen wollen: Teresa Schreiber (CDU), Clara Schweizer (Die Grünen) und Luca Köngeter (FDP) von links. Foto: Florian Media GmbH
Erstmals dürfen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg Jugendliche ab 16 ihre Stimme abgeben. Und auch auf den Wahllisten rückt eine neue Generation nach. Was hat sie vor?
Wie alt sind eigentlich die Menschen, die in Baden-Württemberg Politik machen? Wer im Stuttgarter Landtag Platz nimmt, ist meist zwischen 50 und 65 Jahre alt, das Durchschnittsalter liegt bei 53,9 Jahren. 154 Abgeordnete sitzen im Plenarsaal , viele seit Jahren in der Politik. In der Altersgruppe von 26 bis 30 finden sich gerade einmal drei Personen, also 1,9 Prozent des gesamten Parlaments. Unter 25? Niemand.
Am 8. März könnte sich das zumindest ein Stück weit verschieben. Erstmals dürfen bei einer Landtagswahl durch das neue Wahlrecht Jugendliche ab 16 ihre Stimme abgeben. Eine neue Generation rückt nach – nicht nur an den Wahlurnen, sondern auch auf den Wahllisten. In mehreren Parteien kandidieren junge Menschen, die nicht erst später mitreden wollen, sondern jetzt. Drei von ihnen sind Clara Schweizer (Die Grünen), Teresa Schreiber (CDU) und Luca Köngeter (FDP).
Eine neue Generation
„Politisiert habe ich mich nicht durch dieses eine Erlebnis“, sagt die 23-jährige Kandidatin der Grünen, Clara Schweizer, „das kam eher Stück für Stück.“ Und doch gibt es einen Moment, der geblieben ist: Als sich Greta Thunberg 2018 erstmals vor das schwedische Parlament setzte, habe sie gemerkt, dass aus Ohnmacht Bewegung werden kann. Kurz darauf fährt Schweizer zu den ersten Klimastreiks nach Stuttgart. „Wir dachten, wir gehen ein paar Mal auf die Straße und dann passiert die große Veränderung.“ Sie lächelt. „So war es nicht.“ Was bleibt, ist der Entschluss, weiterzumachen, nur anders. Sie gründet mit anderen eine Ortsgruppe von Fridays for Future in Nürtingen, später entsteht die Klima Task Force, die nicht nur demonstriert, sondern Balkonkraftwerke vermittelt, Infoabende zu Photovoltaik organisiert, über Dämmung spricht. „Ich wollte nicht nur protestieren“, sagt sie. „Ich wollte in die Umsetzung kommen.“
Am 26. April 2019 fand auf dem Marktplatz vor dem Rathaus eine Demonstration der Bewegung Fridays for Future statt. Mehrere hundert Schuelerinnen und Schuler haben trotz Osterferien an dem Klimastreik teilgenommen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Dass sie jetzt für den Landtag kandidiert, ist die nächste Stufe dieses Gedankens. Sie studiert Politik- und Rechtswissenschaften in Tübingen, schreibt an ihrer Abschlussarbeit, sitzt im Gemeinderat und im Kreistag. Jung zu kandidieren heißt für sie, ständig zwischen Aufbruch und Rechtfertigung zu pendeln. „Manchmal merkt man schon, dass Leute denken: Die ist noch sehr jung.“ Gleichzeitig bekomme sie viel Zuspruch, gerade von Gleichaltrigen. „Viele sagen: Gut, dass da mal jemand aus unserer Generation steht.“
Ein paar Wahlkreise weiter hängt Teresa Schreiber ebenfalls auf Plakaten. 27, Staatsanwältin, CDU. Wenn sie nach der Arbeit durch Stuttgart läuft und ihr eigenes Gesicht an einer Laterne entdeckt, muss sie selbst kurz schmunzeln. „Ich realisiere das manchmal gar nicht“, sagt sie. Dass sie es ist, die da kandidiert. Ihr Weg in die Politik beginnt nicht mit einem Protest, sondern mit Verantwortung im Kleinen: Schülersprecherin am Agnes-Gymnasium, später mit 16 der Eintritt in die Junge Union. „Mir hat das unglaublich viel Spaß gemacht, Verantwortung zu übernehmen“, sagt sie. „Nicht nur zu diskutieren, sondern Dinge wirklich umzusetzen.“
In ihrem Freundeskreis galt sie lange als „ein bisschen das Unikum“ – viele sind politisch interessiert, doch den Schritt, tatsächlich einer Partei beizutreten, geht Teresa Schreiber als eine der wenigen. Dass sie als junge Frau in einer eher konservativen Partei aktiv ist, sorgt manchmal für Überraschung, aber selten für offene Kritik. „So super direkt wird man eigentlich gar nicht darauf angesprochen“, sagt sie. Das Alter ist dann schon eher ein Thema: „Man wird schon gefragt, ob man das schon kann“, erzählt sie. Ihre Antwort ist nüchtern: „Wenn das einzige Problem mein Alter ist, wird das jeden Tag besser.“ Jung zu sein bedeutet für sie nicht, alles neu machen zu wollen, sondern früh Verantwortung zu übernehmen. Gerade bei Themen wie Staatsfinanzen oder Rente gehe es um langfristige Stabilität. „Wir werden die Entscheidungen, die heute getroffen werden, am längsten spüren“, sagt sie. „Deshalb sollten wir auch mitentscheiden.“
Eine doppelte Prämiere
Auch Luca Köngeter startet als einer der jüngsten in den Landtagswahlkampf. Er ist 21 Jahren, FDP-Kandidat und für ihn ist die Landtagswahl auf gleich zwei Ebenen eine Premiere: Zum ersten Mal darf er selbst wählen, und zum ersten Mal kandidiert er aktiv. Auch sein weg beginnt früh, seine Anfänge fast schon FDP-Klischee. Mit 14 Jahren wird er Klassen- und Schülersprecher, zwei Jahre später gründet er gemeinsam mit seinem Vater sein erstes Unternehmen. „Ich wollte einfach ausprobieren, ob es funktioniert“, erzählt er. Dieses frühe „einfach machen“ und die frühen unternehmerischen Erfahrungen präge ihn bis heute und führt ihn schließlich in die FDP, in der er seit fünf Jahren Mitglied ist.
Wer mitreden will, muss mitmachen. Dieser Antrieb begleitet ihn bis heute, auch wenn der Landtagswahlkampf neben Arbeit und Ehrenämtern anstrengend ist. Sein Motto: „Der Junge macht das.“ Es geht ihm darum, Politik greifbar zu machen für die eigene Generation, Themen wie Digitalisierung, Mobilität oder Bildung aus der Perspektive der jungen Menschen zu denken und umzusetzen. Sein Alter sieht Luca Köngeter auch als Stärke: Es erlaubt ihm, frische Impulse einzubringen und den Dialog zwischen Jung und Alt zu gestalten. „Wenn man immer wartet, bis man genug Erfahrung hat, kommt man nie rein“, sagt er.
Bei der Landtagswahl könnte eine neue Generation mitmischen, wie stark das neue Wahlrecht dabei wirkt, bleibt abzuwarten. Die drei zeigen, dass junge Menschen nicht warten, bis sie „genug Erfahrung“ haben. Ob Klimaschutz, Staatsfinanzen oder Digitalisierung, ihr Fokus liegt auf praktischen Lösungen und auf den Themen, die ihre Generation wirklich betreffen.