Stuttgart gilt als sichere Großstadt, doch viele fühlen sich unsicher. Die Direktkandidaten im Wahlkreis I setzen unterschiedliche Schwerpunkte – von mehr Polizei bis Armutsbekämpfung.
Stuttgart gilt seit Jahren als eine der sichersten Großstädte Deutschlands. In Rankings liegt die baden-württembergische Landeshauptstadt regelmäßig weit vorne, die Kriminalitätsbelastung ist im Vergleich zu anderen Metropolen moderat. Doch was heißt Sicherheit konkret und wo sehen die Kandidatinnen und Kandidaten im Wahlkreis I Handlungsbedarf? Sechs Bewerberinnen und Bewerber für den Landtag haben darauf sehr unterschiedliche Antworten.
Grüne: Sicherheit ganzheitlich denken
Für die Grünen tritt Muhterem Aras an. Die amtierende Landtagspräsidentin betont, Stuttgart sei im bundesweiten Vergleich eine sehr sichere Großstadt. Das hohe Sicherheitsgefühl führt sie auf mehrere Faktoren zurück: eine starke Polizei, wirksame Prävention und die enge Zusammenarbeit von Stadt, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Sicherheit dürfe nicht isoliert, sondern müsse ganzheitlich gedacht werden. Dazu gehörten gut gestaltete, saubere und beleuchtete öffentliche Räume ebenso wie eine lebendige Stadtgesellschaft.
Im Wahlkreis I setzt Aras deshalb auf mehr Aufenthaltsqualität, die Belebung von Plätzen sowie eine konsequente Jugend- und Präventionsarbeit. Wer sich gerne und selbstverständlich im öffentlichen Raum aufhalte, stärke auch das Sicherheitsgefühl insgesamt.
CDU: Mehr Präsenz und Kontrolle
Auch die CDU-Kandidatin Teresa Schreiber beschreibt Stuttgart grundsätzlich als sichere Stadt – sieht jedoch klare Problembereiche. Vor allem in der Innenstadt und an Verkehrsknotenpunkten gebe es Brennpunkte. Trotz insgesamt guter Zahlen sei die Zahl der Gewaltdelikte weiterhin hoch.
Die Juristin fordert deshalb eine stärkere, sichtbare Polizeipräsenz. Waffenverbotszonen, Schwerpunktkontrollen und „intelligenter Videoschutz“ an neuralgischen Punkten sollen dazu beitragen, Straftaten zu verhindern und aufzuklären. Für Schreiber geht es dabei um beides: die tatsächliche Sicherheitslage ebenso wie das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger.
AfD: Straffällig gewordene Migranten konsequent abschieben
Deutlich kritischer fällt die Analyse von Arthur Hammerschmidt (AfD) aus. Er sieht einen starken Anstieg schwerer Gewaltkriminalität in Baden-Württemberg, insbesondere im öffentlichen Raum. Dieser Einschätzung widersprechen allerdings die aktuellen Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik, wonach die Gewaltkriminalität im öffentlichen Raum zuletzt um 6,2 Prozent gesunken ist.
Der Jurastudent fordert eine konsequente Abschiebung krimineller Ausländer und eine deutlich stärkere Polizeipräsenz, insbesondere in der Stuttgarter Innenstadt. Videoüberwachung solle gezielt an Brennpunkten ausgebaut werden. Dadurch, so seine Argumentation, lasse sich vor allem das subjektive Sicherheitsgefühl spürbar verbessern.
SPD: Prävention und soziale Stabilität
Für die SPD geht Hanna Binder ins Rennen. Auch sie beschreibt Stuttgart als grundsätzlich sichere Stadt. Gleichzeitig verweist die Gewerkschafterin auf Orte, an denen sich Menschen unwohl fühlten: dunkle, unübersichtliche oder ungepflegte Plätze. Besonders Bereiche mit hohem Alkohol- oder Drogenkonsum beeinträchtigten das Sicherheitsgefühl vieler Bürgerinnen und Bürger.
Binder setzt daher auf mehr Sauberkeit und Aufenthaltsqualität, eine sichtbare Präsenz von Polizei und städtischen Bürgerdiensten sowie auf präventive Sozial- und Jugendarbeit. Sicherheit entstehe nicht allein durch Repression, sondern auch durch soziale Stabilität und verlässliche Strukturen vor Ort.
FDP: Sicherheit und Freiheit zusammendenken
Die FDP-Kandidatin Claudia Schober fordert, objektive Lage und subjektives Empfinden gemeinsam zu betrachten. Durchschnittswerte für die Gesamtstadt dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass es lokale Brennpunkte gebe. Insbesondere Gewalt im öffentlichen Raum müsse gezielt bekämpft werden.
Die Diplom-Kauffrau plädiert für mehr Personal und bessere Ausstattung bei der Polizei sowie für passgenaue Maßnahmen an bekannten Problemorten. Dabei betont sie einen liberalen Grundsatz: Sicherheit und Freiheit gehörten zusammen. Maßnahmen müssten wirksam sein, dürften aber die Freiheitsrechte der Bürgerinnen und Bürger nicht unverhältnismäßig einschränken.
Linke: Soziale Sicherheit im Fokus
Einen erweiterten Sicherheitsbegriff vertritt Mersedeh Ghazaei von den Linken. Für sie bedeutet Sicherheit in erster Linie soziale Sicherheit. Armut, Diskriminierung, steigende Mieten oder fehlende Mobilität prägten das Sicherheitsgefühl vieler Menschen stärker als Kriminalität.
Die Master-Studentin kritisiert deshalb einen zu engen Fokus auf Überwachung und Polizeipräsenz. Stattdessen fordert sie mehr Investitionen in Sozial- und Jugendarbeit, in Schutzräume für vulnerable Gruppen, in bezahlbaren Wohnraum und in einen kostenlosen, auch nächtlichen öffentlichen Nahverkehr. Wer gesellschaftliche Teilhabe sichere, stärke damit langfristig auch das Sicherheitsgefühl.
Ein Thema, viele Perspektiven
Die Antworten zeigen: Während Einigkeit darüber besteht, dass Stuttgart im bundesweiten Vergleich gut dasteht, unterscheiden sich die politischen Konzepte deutlich. Für die einen stehen mehr Präsenz, Kontrolle und technische Überwachung im Vordergrund, für die anderen Prävention, Stadtgestaltung und soziale Infrastruktur.
Am Ende geht es nicht nur um Kriminalitätsstatistiken, sondern um die Frage, wie Menschen ihre Stadt erleben. Ob sie sich auf Plätzen, in Parks oder an Haltestellen willkommen und geschützt fühlen. Was Stuttgart für ein starkes Sicherheitsgefühl braucht, darüber wird der Wahlkampf im Wahlkreis I weiter intensiv diskutiert werden.