Landtagswahl BW 2026 Wer wählt wen? Typische Wähler, von Grüne bis AfD
Wer für die Grünen stimmen will, tickt ganz anders als CDU- oder AfD-Anhänger. Was heißt das genau? Und welcher Typ ist Ihnen am sympathischsten?
Wer für die Grünen stimmen will, tickt ganz anders als CDU- oder AfD-Anhänger. Was heißt das genau? Und welcher Typ ist Ihnen am sympathischsten?
Wer gegen die Wehrpflicht ist, wählt ... ja was eigentlich? Naheliegend wäre die Vermutung, dass das Kreuz in diesem Fall eher beim BSW gemacht wird, das stark mit seiner pazifistischen Haltung wirbt. Wissen kann man es nicht. Aber eine Analyse von Daten wie dem Sosec-Panel des Karlsruher FZI Forschungszentrum Informatik können helfen, Ballungen bei den Wahlberechtigten zu erkennen.
Neben Dutzenden Fragen zu Sorgen, Wünschen und Meinungen der Bevölkerung fragt das Panel auch nach der Wahlabsicht für die am 8. März anstehende Landtagswahl. Wir haben analysiert, wo die Mittelwerte der Sympathisanten der Parteien besonders deutlich auseinanderligen und daraus die „typischen“ Wähler der sieben Parteien destilliert, die sich Hoffnung auf einen Einzug in den Landtag machen dürfen.
Das Spektrum der Positionen hinter der Wahlentscheidung für die einzelnen Parteien ist selbstverständlich breiter. Die Sonntagsfrage muss auch kurz vor der Wahl nicht für die endgültige Wahlentscheidung stehen. Und manche wählen aus emotionaler Verbundenheit nicht die Partei, die objektiv am besten zu ihren Interessen passt.
Dennoch ist die Betrachtung vom Wahlberechtigten her wichtig. Der Wissenschaftler Michael Jankowski zeigt anhand von Paneldaten, dass Wähler des neu entstandenen BSW bereits bei der Bundestagswahl 2021 ein abgrenzbares Set von Einstellungen entwickelt hatte.
Das BSW schließe eine Repräsentationslücke, so sein Fazit. So hilft die folgende Betrachtung vielleicht dem einen oder der anderen, sich vor der Wahl zu positionieren. Die Reihenfolge der Wählertypen ist anhand der aktuellen Umfragewerte gewählt.
Die Befragten mit CDU-Wahlabsicht sind insgesamt mit ihrem Leben am zufriedensten. Sie sorgen sich am ehesten um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und vertrauen Polizei, Justiz und Parlament besonders stark. CDU-Wähler wünschen sich stärker als alle anderen die Wiedereinführung der Wehrpflicht und dass Deutschland wieder verteidigungsfähig wird.
Um die Automobilindustrie macht sich diese Gruppe große Sorgen, um steigende Mieten oder die Unterbringung von Flüchtlingen dagegen nicht so sehr. Der Klimawandel ist für sie weniger drängend als für andere. Auffällig auch: im Mittel nutzen CDU-Sympathisanten soziale Medien nur sehr selten für den Nachrichtenkonsum, etwa drei bis vier Mal im Monat – den öffentlich-rechtlichen Rundfunk dagegen täglich.
Grüne sind das Gegenbild zur AfD: progressiv, sehr besorgt um das Klima und treue Nutzer etablierter Medien. Ihr Grundgefühl ist optimistisch. Das gilt auch für die eigene wirtschaftliche Lage: weniger als andere machen sich Grünen-Wähler Sorgen, dass sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können oder den Arbeitsplatz verlieren.
Der Klimawandel ist für sie dagegen das Topthema. Auf einer Skala von 1 (überhaupt keine Sorgen) bis 5 (sehr viel Sorgen) vergeben die Grünen-Wähler im Mittel den Wert 4,7. Gegenüber der migrantischen Bevölkerung sind sie offener als die meisten Anderen: sie finden ganz überwiegend, dass das deutsche Sozialsystem mit Ausländern klarkomme und dass weitere Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen werden können. Dagegen fordern sie sogar noch stärker als CDU-Anhänger, Deutschland müsse wieder verteidigungsfähig werden. Für Verschwörungserzählungen haben sie anders als die AfD-Anhänger (siehe nächster Absatz) kein Ohr.
Der verschwörungstheoretischen Aussage, Desinformation sei „nur ein Vorwand, um systemkritische Akteure bekämpfen zu können“, stimmen die AfD-Wähler im Panel tendenziell zu. Der Regierung vertraut diese Gruppe im Mittel nahezu überhaupt nicht und konsumiert kaum den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ein Großteil der AfD-Wähler unter den Befragten empfindet Wut über die aktuelle Lage und fordert „endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl“.
Bei der Migration erklärt das Gros dieser Gruppe wenig überraschend, dass in Deutschland kein Platz mehr für Flüchtlinge sei. Sie ist auch überzeugt, dass Ausländer Kriminalitätsprobleme verschärfen, lehnt mehr Klimaschutz ab und ist anders als etwa Anhänger der Linken oder Grünen eher nicht bereit, für den Klimaschutz den eigenen Energieverbrauch einzuschränken.
Die Anhänger der traditionell eigentlich links stehenden SPD positionieren sich bei fast allen Fragen zwischen den anderen Parteien. Beispielsweise ordnen sie sich auf der Links-Rechts-Skala exakt in der Mitte ein und lehnen die Parteien am Rand wie die AfD deutlich ab.
Bei der Migrations- und Verteidigungspolitik sind die SPD-Anhänger unentschieden. Etwas mehr Sorgen als Andere machen sie sich um die Qualität der Schulen und das Gesundheitssystem. Sie fühlen sich jedoch deutlich weniger hilflos oder wütend als AfD- oder Linken-Wähler. Auch fühlen sie sich besser als Anhänger der meisten anderen Parteien wirtschaftlich abgesichert.
Die Anhänger der Linken unter den Befragten verorten sich dagegen fernab der Mitte. Sie sorgen sich stark um steigende Mieten oder die Situation junger Menschen, empfinden Wut und Niedergeschlagenheit und fürchten stärker als Andere, bald ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können.
Diese Gruppe ist pazifistisch und lehnt die Wehrpflicht ab, stimmt im Mittel neben den Grünen als einzige eher zu, dass das hiesige Sozialsystem auch mit Ausländern klarkommen und Deutschland weitere Flüchtlinge aufnehmen könne. Anhänger der Linken nutzen im Mittel nahezu täglich soziale Medien, um Nachrichten zu konsumieren.
Die FDP-Anhänger unter den Befragten sind nicht so nationalistisch wie die AfD, nicht so idealistisch wie die Linken – und stärker als alle anderen um die Wirtschaft besorgt, vor allem die Autoindustrie. Mehr Klimaschutz halten sie dagegen nicht für dringend geboten.
Politisch verorten sich FDP-Wähler deutlich rechts der Mitte und bezweifeln, dass das Sozialsystem mit mehr Ausländern zurechtkomme. Zugleich halten sie anders als AfD-Sympathisanten nichts von der Verschwörungserzählung, Desinformation sei „nur ein Vorwand, um systemkritische Akteure bekämpfen zu können“.
BSW-Anhänger sind vehement gegen die Wehrpflicht, eine stärkere Kriegstüchtigkeit und auch gegen die Russland-Sanktionen. Sie ordnen sich auf der Links-Rechts-Skala interessanterweise leicht rechts der Mitte ein – vermutlich wegen der Vorbehalte gegen weitere Einwanderung. Sie finden eher, dass für Flüchtlinge kein Platz mehr in Deutschland sei und bezweifeln, dass das Sozialsystem mit Ausländern klarkommt.
Ähnlich wie Anhänger der AfD und der Linken haben sie ein sehr geringes Vertrauen in die demokratischen Institutionen und nutzen selten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Zugleich fühlen sie sich häufiger niedergeschlagen, fürchten steigende Mieten und einen Verlust des Arbeitsplatzes sowie insgesamt einen wirtschaftlichen Abstieg. Auch finden sie im Mittel seltener als Anhänger aller anderen Gruppen, dass sie selbst über ihr Schicksal bestimmen können.
Bei den meisten Themen liegen die AfD-Anhänger unter den Befragten am Rand des Spektrums. Ausnahmen sind die Wiedereinführung des Wehrdiensts (von CDU-Anhängern am stärksten gewünscht) und die geringe Bereitschaft, die Russland-Sanktionen mitzutragen (BSW). Dennoch taugen die AfD und vielleicht auch die AfD-Wähler als etwas, von dem man sich abgrenzt. So lehnen Anhänger aller Parteien die AfD ab – mit Ausnahme der AfD-Wähler.
Was auch stimmt: Nicht alle Antworten fallen so stark auseinander wie zur Bewertung der AfD. Die FZI-Forscher nutzen ihre Daten, um einen Polarisierungsindex zu errechnen, wie ihn der Politikwissenschaftler Cees van der Eijk erdacht hat. Bundesweit gebe es „keine starke Polarisierung, aber auch keine erkennbare Annäherung der Antworten“, so die FZI-Forscherin Ina Ni. Stärker als noch vor drei Jahren gingen dagegen die Angaben bei ökonomischen Sorgen auseinander. Wie groß die Angst ist, die Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können, variiert heute mehr zwischen den Befragten als 2022.
Unter den baden-württembergischen Befragten gibt es bei der Sorge um junge und alte Menschen, den Wohlstand in der Gesellschaft und die Qualität staatlicher Schulen relativ wenige Abweichungen zwischen den Anhängern der sieben betrachteten Parteien. Auch verorten sich jeweils die meisten Befragten in der Mittelschicht. „Wählerinnen und Wähler sind unterschiedlich. Aber das sollte man nicht als gesellschaftliche Spaltung überinterpretieren“, findet Ina Ni vom FZI.
Panel
Für die Befragung „Social Sentiment in Times of Crises“ (SOSEC) befragt das FZI Forschungszentrum Informatik gemeinsam mit dem Karlsruher KIT seit November 2022 alle zwei Wochen rund 1500 Panelisten bundesweit. Das Ziel ist, die gesellschaftliche Stimmung abzufragen – insbesondere Ängste und Sorgen der Bevölkerung. Das SOSEC-Panel wird von der Alfred Landecker Foundation gefördert.
FZI
Das FZI Forschungszentrum Informatik ist als unabhängige Stiftung organisiert und ist über eine Innovationspartnerschaft personell eng mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) verbunden. Mehr zum Panel gibt es auf www.socialsentiment.org.