Landtagswahl in Stuttgart In diesem Wahlkreis wird man Minister

Das sind die sechs aussichtsreichsten Kandidaten im Wahlkreis Stuttgart II: Cem Özdemir, Klaus Nopper, Steffen Degler (obere Reihe von links), Sara Dahme, Faisal Osman, Friedrich Haag (untere Reihe von links). Foto: Parteien

2021 spielte sich für die Christdemokraten im Wahlkreis Stuttgart II ein Drama ab. Cem Özdemir, der Spitzenkandidat der Grünen, will ein solches Drama vermeiden.

Im Wahlkreis Stuttgart II (Filder) gedeihen und scheitern Karrieren. Gerhard Mayer-Vorfelder („MV“) und Christoph Palmer (beide CDU) nahmen nach blendenden Wahlergebnissen in diesem Sprengel als Kultus- und später Finanzminister (Mayer-Vorfelder) oder Staatsminister (Palmer) an Kabinettstischen Platz, der Grüne Winfried Hermann sicherte sich mit beachtlichen Voten seinen Rang als Verkehrsminister. Liefert der Filderwahlkreis auch bei der Landtagswahl am 8. März wieder einen Minister?

 

2021 war dieser gut bürgerliche Wahlkreis (er umfasst Vaihingen, Möhringen, Plieningen, Sillenbuch, Degerloch und Birkach), in dem die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund weit unter dem städtischen Durchschnitt, die Autodichte, Wohnfläche und Nettoeinkünfte dagegen erheblich über dem Schnitt liegen, Schauplatz eines Dramas: Susanne Eisenmann, die Spitzenkandidatin der Christdemokraten auf das Amt der Ministerpräsidentin, erlebte mit 21,7 Prozent ihr Waterloo.

Blamage im Wahlkreis für Eisenmann

Anders als heute konnten die Parteien ihre Galionsfiguren 2021 nicht über eine Landesliste absichern. Zwei Tage nach der Wahl schmiss die Kultusministerin, die zuvor Bürgermeisterin in Stuttgart gewesen war, hin und zog sich aus der Politik zurück.

Den Fall ins Bodenlose muss der Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir wegen seines Listenplatzes Nummer zwei nicht fürchten. Würde er allerdings hinter dem CDU-Konkurrenten Klaus Nopper (Stadtrat und Bruder von OB Frank Nopper) ins Ziel gehen, widerführe ihm keine geringere Blamage als Eisenmann. Die Grünen gehen mit einem Polster aus 2021 von 18,1 Prozentpunkten zur CDU ins Rennen. Ein politischer Erdrutsch scheint unwahrscheinlich, aber zuweilen gibt es überraschende tektonische Bewegungen in der politischen Geologie.

CDU war 30 Jahre lang Platzhirsch

20 Jahre lang sicherten sich auf den Fildern die Sozialdemokraten, die nun ein einstelliges Ergebnis fürchten, ein Direktmandat, dann folgte die CDU, die 30 Jahre lang die Platzhirsch-Position hielt. Die Grünen stehen seit 15 Jahren vorn. Für die Parolen der AfD oder Gesellschaftsmodelle der Linken zeigten sich die Wähler wenig empfänglich. Beide Parteien blieben 2021 unter der Hürde von fünf Prozent, die FDP fuhr dagegen mit 12,9 hier ihr stadtweit bestes Ergebnis ein.

Diese Bezirke umfasst der Wahlkreis II. Foto: Grafik: Yann Lange

Die CDU liegt landesweit nach Umfragen bei um die 30 Prozent. Sie konnte beim jüngsten Urnengang, dem zur Bundestagswahl, in Sillenbuch, Möhringen und Degerloch im Vergleich zu 2021 um sieben bis acht Prozentpunkte zulegen. Die Grünen andererseits hatten in Sillenbuch, Birkach und Möhringen mit 1,2 bis 1,7 Prozentpunkten bei der Bundestagswahl den geringsten Einbruch, am meisten Stimmen verloren sie an Die Linke. Auch 2026 könnte der Filderwahlkreis daher wieder einen Minister liefern.

Das sind die Direktkandidatinnen und Direktkandidaten:

Die Grünen gehen mit Cem Özdemir ins Rennen. Foto: Grüne

Cem Özdemir (Grüne)

Muss man den Mann, der bereits das politische Parkett in Bonn, Straßburg und Berlin bespielte, noch vorstellen? Den 60-Jährigen zieht es nach der nur kurze Zeit signalgebenden Berliner Ampel auf die vergleichsweise enge politische Bühne des Landesparlaments. „Der kann es“, vermelden die Grünen und stellen seine Erfahrung heraus. Özdemir selbst spricht bewusst die christdemokratischen Themen von Law and Order an, wenn er in seinem Internetauftritt schreibt, entscheidend sei, „wie sich jemand benimmt“. Wirtschaft und Klima will er verbinden, wobei Wirtschaft und damit die Sicherung von Arbeitsplätzen an erster Stelle steht.

Für die CDU tritt Klaus Nopper an. Foto: CDU

Klaus Nopper (CDU)

Der 58-jährige Rechtsanwalt ist seit 20 Jahren Stadtrat in Stuttgart, 2024 landete er bei der Kommunalwahl auf Platz vier der CDU-Liste. Nopper promovierte 1999 zum Thema Wahlrecht und kümmert sich heute in einer großen Kanzlei als Partner und Fachanwalt vor allem um Steuerrecht. Wirtschaft und Arbeitsplätze, Sicherheit und öffentliche Ordnung, Bildung und Familie nennt der Vater zweier Töchter als politische Schwerpunkte. Nopper, dessen Bruder OB in Stuttgart ist, visiert seit einigen Jahren höhere politische Ebenen an. 2021 bewarb er sich als OB in Heidenheim/Brenz. Auf der Landesliste der CDU ist er nicht abgesichert.

Für die SPD strebt Sara Dahme ins Parlament. Foto: SPD

Sara Dahme (SPD)

„Alle elf Minuten verliebt sich jemand in die SPD“, behauptet die in Ravensburg geborene hauptberufliche Gymnasiallehrerin und Teilzeit-Kulturvermittlerin Sara Dahme. Im Juni 2024 ist die 42-Jährige in den Stuttgarter Gemeinderat gewählt worden, nun soll der Sprung in den Landtag folgen. Kulturpolitik ist ihr Steckenpferd, zentrale Themen sollen aber Bildung und hier Chancengleichheit sowie die Schaffung bezahlbaren Wohnraums, Digitalisierung und Gleichstellung sein. Um den Menschen Politik näher zu bringen, seien offene Bürgerdialoge nötig. Auf der Landesliste der Genossen steht Sara Dahme auf Platz 54.

Steffen Degler will für die AfD in den Landtag einziehen. Foto: AfD

Steffen Degler (AfD)

Der Büroleiter eines Landtagsabgeordneten und frühere Taxifahrer will in den Landtag. Seit Juni 2024 gehört Degler (35) dem Stuttgarter Gemeinderat an. Er kenne die praktischen Auswirkungen politischer Beschlüsse aus erster Hand, sagt er. Bereits bei der Bundestagswahl 2025 trat Degler an. In seinem Facebook-Auftritt hat er über einem Foto von sich im schwarzen Anzug den umstrittenen Begriff „Remigration“ gelegt. Bei der Landtagswahl 2021 hatte Degler sich im Wahlkreis Stuttgart I beworben und damals 3,3 Prozent erzielt. Bei der aktuellen Wahl ist er über die Landesliste der Alternative für Deutschland nicht abgesichert.

Friedrich Haag will für die FDP sein Mandat verteidigen. Foto: FDP

Friedrich Haag (FDP)

Für die Liberalen geht es bei dieser Landtagswahl um Sein oder Nichtsein. Die nackte Existenz ist bei dem Multiunternehmer Friedrich Haag allerdings nicht in Gefahr, denn neben dem Mandat, das er seit 2021 inne hat, ist er als Betreiber zweier Tankstellen und als Landwirt tätig, zudem sitzt er seit 2024 im Gemeinderat; das Ehrenamt ist ordentlich dotiert. Auf dem Wahlflyer und im Netz zeigt sich der 37-Jährige als Macher mit dem Futtereimer und einem Paarhufer. Mobilität, vor allem benzingetriebene, ist vor allem Haags Thema. Über die Landesliste ist er auf Platz sechs glänzend abgesichert – wenn die FDP über fünf Prozent kommt.

Faisal Osman strebt für Die Linke in den Landtag. Foto: Die Linke

Faisal Osman (Die Linke)

Cem Özdemir nennt sich einen „anatolischen Schwaben“. Faisal Osman greift das auf. Der 1994 in Waiblingen geborene Student nennt sich „Ökonom und Afroschwabe“. Er spricht die Sprache der Linken, die bei jungen Wählern offenbar ankommt: Man streiche zwei Millionen für Seenotrettung, genehmige aber 13 Milliarden für Waffenexporte. „Das ist keine Sparsamkeit, das ist Arschloch-Mathematik“, bilanziert Osmann im Netz bei den Linken. Er werde gegen Profite mit Mieten und Kriegen kämpfen. Auf Platz zehn der Liste wird es für ihn knapp. Die Umfragewerte reichen für acht Sitze – allerdings ohne Ausgleichsmandate.

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