Landtagswahl in Stuttgart Von Familien bis Autobesitz – was die Hochburgen von CDU, AfD und Grünen prägt

Zwischen Hochhaussiedlungen wie in Neugereut und Wohngegenden rund um den Fernsehturm: Der Stuttgarter Stadtrand teilt sich auch politisch zunehmend (Archivbilder). Foto: Imago/Arnulf Hettrich/Markus Mainka

Die Innenstadt bleibt grün, doch die CDU tut sich in manchen Stadtteilen außerhalb gegen die AfD schwer. Daten zeigen versteckte Muster und eine wachsende politische Dreiteilung.

Harald Schmidt hat es vor vier Jahren auf den Punkt gebracht. „Cem Özdemirs Wahlkreis, klare Sache“, sagte der Entertainer damals im Gespräch mit unserer Zeitung bei Kaffee und Brezel im Herbertz in der Immenhofer Straße: „Grünes, urbanes Milieu.“ Das Herbertz liegt mitten im Stadtteil Lehen, also in Özdemirs damaligem Bundestagswahlkreis. Grünen-Anteil bei der Landtagswahl im März: 56,7 Prozent der Zweitstimmen, mehr als irgendwo sonst in Stuttgart. Altbau, Lastenrad, Espressobar: dass die Grünen hier Volkspartei sind, überrascht kaum. Wie aber sehen die typischen CDU- und AfD-Viertel aus?

 

Antworten liefern Daten des Statistischen Amts, das die Landtagswahlergebnisse auf die 152 Stuttgarter Stadtteile umgerechnet hat. So lässt sich Wahlverhalten mit Wohnverhältnissen, Bevölkerungsmix und Autobestand verknüpfen – Faktoren, die unsere Redaktion umfassend ausgewertet hat. Die Analyse ermöglicht vor allem ein besseres Verständnis der Außenbezirke, in denen die Grünen 2026 schwächer abschnitten als zuvor. Dort konkurrieren CDU und AfD um Platz eins.

Die Adresse bestimmt natürlich nicht, wen jemand auf dem Wahlzettel ankreuzt. Auf einen ganzen Stadtteil bezogen, gehen Sozialforscher aber von sogenannten Nachbarschaftseffekten aus. Der Soziologe Ansgar Hudde etwa hat für sein vergangenes Jahr erschienenes Buch das Wahlverhalten in allen Wahlbezirken bundesweit analysiert. Der Wohnort, schreibt Hudde „beeinflusst unser soziales Umfeld. Und dieses soziale Umfeld beeinflusst uns wiederum auf vielfältige Art und Weise“.

Das sind die Hochburgen von AfD, CDU, Grünen

Im Lehen dominieren die Grünen, CDU und AfD spielen kaum eine Rolle, am Frauenkopf hingegen liegt die CDU weit vorne. Die AfD kommt dort ebenso auf nur wenige Prozent. In Giebel, der relativ gesehen größten AfD-Hochburg, sind Grüne und CDU dagegen ähnlich stark. In der Grafik besteht jedes Dreieck aus den Zweitstimmenanteilen der Parteien in einem Stadtteil – und zeigt anhand der Flächen, wie unterschiedlich die Ergebnisse in der Stadt ausfallen:

Drei Typen von Wahlergebnissen in Stuttgart. Foto: StZN Grafik:

Rechte Parteien wie die AfD oder früher die „Republikaner“ erringen in Giebel und Freiberg seit Jahrzehnten hohe Stimmenanteile. Die Karte zeigt alle Hochburgen von AfD, CDU und Grünen in Stuttgart – also die Stadtteile mit ihren jeweils höchsten Ergebnissen:

Wer lebt dort und wie sind die Wohnverhältnisse? In der grün dominierten Innenstadt leben mehr Singles, die Bewohner sind jünger und haben weniger Kinder. In Stadtteilen mit vielen AfD-Wählern leben mehr Menschen mit Migrationshintergrund und Familien, in CDU-Stadtteilen wohnt man häufiger im Eigentum und fährt Auto.

Die folgende Tabelle zeigt, worin sich die Hochburgen der drei Parteien ähneln:

Statt einer Zweiteilung zwischen Zentrum und Stadtrand zeichnet sich 2026 verstärkt eine Dreiteilung ab. Noch nicht so sehr politisch, weil die AfD nur in wenigen Stadtteilen die meisten Stimmen erhielt. Aber in der Sozialstruktur.

In AfD-Hochburgen ist der Anteil an Familien höher

In den 20 Stadtteilen mit den höchsten AfD-Anteilen haben im Schnitt fast 60 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund, stuttgartweit 48 Prozent. Nicht ganz so stark geht der Anteil der Familien und Ledigen auseinander. Zudem leben die Menschen pro Kopf auf weniger Wohnraum. Das könne zu Unzufriedenheit und entsprechendem Wahlverhalten führen, sagt Ansgar Hudde. Auch in anderen deutschen Städten werde die AfD besonders häufig in migrantisch geprägten Gegenden gewählt.

Wer die AfD-Wähler in diesen Vierteln sind, darüber kann Hudde selbstredend nur mutmaßen. „Die AfD hat auch in verschiedenen migrantischen Gruppen ein Wählerpotenzial “, sagt er, etwa unter Spätaussiedlern. Das bestätigen auch Studien wie etwa von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, aber auch dem Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung. Hinzu kommt, dass einige der Menschen mit Migrationshintergrund gar nicht wählen dürfen; wenn sie wählen dürfen, ist die Wahlbeteiligung oft geringer. Dazu können Faktoren wie geringere Bildung, geringeres Einkommen und andere Einschränkungen kommen.

Diese Teile Stuttgarts kennt Shajeevan Thavakkumar gut. Bei der Landtagswahl kandidierte er im Wahlkreis Stuttgart III für die CDU und holte in Mühlhausen, Münster, Stammheim und Zuffenhausen die meisten Erststimmen, landete insgesamt aber knapp hinter Oliver Hildenbrand von den Grünen. Hat die AfD ihn den Einzug in den Landtag gekostet? Schließlich liegen in Thavakkumars Wahlkreis etliche Hochburgen der Rechtsaußen-Partei – etwa Giebel, Freiberg, Mönchfeld und Neuwirtshaus.

Verglichen mit anderen Großstädten habe die CDU in Stuttgart sehr gut abgeschnitten, sagt Thavakkumar. Und in manchen Stadtteilen im ehemals von der SPD dominierten Stuttgarter Norden sei das CDU-Wählerpotenzial weitgehend ausgeschöpft. Es gebe aber auch „hoch verdichtete Gebiete am Stadtrand, wo die Abstiegsängste größer sind und gegebenenfalls ein geringeres Sicherheitsempfinden vorherrscht“, glaubt er. In Stadtteilen wie Freiberg „erreichen die etablierten Parteien die Gefühlslage einiger Menschen nicht mehr“, sagt Thavakkumar. In der Wirtschaftskrise bräuchten sie „eine Perspektive für den eigenen Wohlstand“.

In CDU-Hochburgen haben die Menschen öfter ein Eigenheim und ein Auto

Warum vermittelt die CDU nicht allen diese Perspektive? Die Viertel sind keineswegs verfallen, im Gegenteil. Aber deshalb wähle niemand eine andere Partei, glaubt CDU-Mann Thavakkumar. Mehr Durchmischung, also zum Beispiel mehr Einfamilienhäuser in den Hochhausvierteln sei allein aus Platzmangel schwierig – für kleinere Wohneinheiten ist meist kein Platz. Gerade dort schürten die Populisten von der AfD bewusst Unzufriedenheit und Neid. „Dagegen werden wir es immer schwer haben, weil wir uns sicherlich nicht zu Populismus verleiten lassen werden“, prognostiziert Thavakkumar. Die Stuttgarter AfD ließ eine Anfrage zu ihren Hochburgen und ihrem Wahlkampf unbeantwortet.

Viel leichter hat es die CDU da, wo die Welt im traditionellen Sinne wohlgeordnet, die Menschen wohlhabender und ergo zufriedener sind. CDU wird gewählt, wo weniger Menschen mit Migrationshintergrund leben, man großzügig und mit Auto vor der Tür wohnt – idealerweise im Eigenheim. Frauenkopf, Schönberg, Killesberg, Uhlbach sind die Pendants zum Lehen mit seinen Grünen-Wählern.

So erklärt sich womöglich auch der bei der Kommunalwahl 2024 von der Union plakatierte Spruch, Stuttgart solle sich „das Auto nicht verbieten“ lassen. Auto zu fahren „entspricht eben der eigenen Lebensrealität. Diese Lebensrealität erkennen wir“, sagt Thavakkumar. Weniger Stellplätze bedeuteten „immer mehr soziale Konflikte, weil das Auto bei vielen Familien nicht wegzudenken ist. Das muss man ansprechen.“ Und tatsächlich steigt der CDU-Zweitstimmenanteil ziemlich gleichmäßig mit der Pro-Kopf-Zahl der Autos in Stuttgarts Stadtteilen.

Daten und Methodik

Stadtteilergebnisse
Die Ergebnisse der Landtagswahl werden noch in der Wahlnacht für ganz Stuttgart, vier Wahlkreise, die 23 Stadtbezirke und die einzelnen Wahllokale veröffentlicht. Auf 143 Stadtteile mit ausreichend vielen Einwohnern werden die Ergebnisse vom statistischen Amt der Stadt erst nachträglich umgerechnet; umgerechnet werden nur Zweitstimmenergebnisse, weil die Stadtteilgrenzen teils quer zu den Wahlkreisgrenzen liegen und dort unterschiedliche Direktkandidaten mit der Erststimme gewählt werden konnten.

Statistiken
Für die Stadtteile in Stuttgart stellt das statistische Amt der Stadtverwaltung zahlreiche Statistiken zur Bevölkerung, zu Haushalten, zur Wohnsituation oder zum Autobestand zur Verfügung. Unsere Redaktion hat die Zweitstimmenergebnisse mit mehr als 60 anderen Statistiken kombiniert und errechnet, welche Faktoren die stärksten statistischen Zusammenhänge (Korrelationen) für einzelne Parteien aufweisen. Da immer ganze Stadtteile betrachtet werden, gibt das keine detaillierte Auskunft darüber, wer wen gewählt hat, sondern zeigt, worin sich die Hochburgen der Parteien sozialstrukturell ähneln. Nicht alle Faktoren sind für jede Partei aussagekräftig; für die Darstellung wurden nur statistisch signifikante Korrelationen mit ausreichend großer Effektstärke berücksichtigt.

Weitere Themen