Das sind die sechs aussichtsreichsten Kandidaten im Wahlkreis Stuttgart III: Shajeevan Thavakkumar (CDU), Oliver Hildenbrand (Grüne), Laura Streitbürger (SPD, oben v.li.), Gabriele Heise (FDP), Andreas Mürter (AfD), Utz Mörbe (Die Linke, unten v.l.) Foto: Parteien
Die AfD liegt in Umfragen landesweit nur knapp hintern den Grünen. In Stuttgart überwand sie 2021 nur knapp die Fünf-Prozent-Hürde. Nun wird ihr mehr zugetraut.
In der Landeshauptstadt liegt die Hochburg der Partei im industriell geprägten Wahlkreis III. „Die AfD findet ein weit überdurchschnittliches Echo bei Personen mit eher ungünstiger eigener wirtschaftlicher/finanzieller Lage“, schrieb das Statistikamt der Stadt in seiner Analyse zur Landtagswahl 2021 – und beschreibt damit Teile des Stuttgarter Nordens.
In Stammheim, Mühlhausen, Zuffenhausen, Münster und Weilimdorf liegen die Nettoeinkünfte laut Sozialdatenatlas teils deutlich unter dem Stuttgarter Gesamtschnitt, gleiches gilt für die Wohnfläche und – mit Ausnahme von Weilimdorf – für die Übergangsquote zum Gymnasium.
So wurde im Wahlkreis III seit 1952 gewählt. Foto: Grafik/Yann Lange
„Die AfD fand vorzugsweise bei Menschen mit einfacher oder mittlerer Schulbildung ihre Wähler“, so die Analysten.
Während die Grünen im Westen und in der Stadtmitte ihre Klientel fanden, reüssierte die AfD im Norden. Sie fand mehr Stimmen bei Arbeitern, Beamten und Selbstständigen ohne Hochschulabschluss als die SPD, die im Wahlkreis bis 1972 mit anfangs weitem Abstand zur CDU vorn lag. Die Jungen (bis 34 Jahre) sprachen und sprechen der AfD vor allem in diesem Kreis eine höhere Problemlösungskompetenz zu als anderen Parteien, das zeigen die jüngsten Umfragen.
Der Wahlkreis III ist industriell geprägt. Foto: Grafik/Yann Lange
Gelingt dem AfD-Kandidaten Andreas Mürter ein Comeback?
Umweltminister Franz Untersteller holte für die Grünen 2016 erstmals das Direktmandat im Norden, der frühere Grünen-Landesvorsitzende Oliver Hildenbrand nahm den Staffelstab 2021 auf. Der Vorsprung zur CDU von 9,6 Prozentpunkten ist allerdings kein uneinholbares Polster. Shajeevan Thavakkumar will das schaffen. Der Christdemokrat hatte sich bei der Nominierung mit großem Abstand gegen Reinhard Löffler durchgesetzt, der den Wahlkreis für die CDU 2006 und 2011 geholt hatte. Löffler tat sich schwer, die innerparteiliche Niederlage gegen den Geschäftsführer der CDU Nordwürttemberg zu akzeptieren.
Angesichts der Umfragewerte könnte dem AfD-Kandidaten Andreas Mürter im Norden ein Comeback gelingen. Als er 2021 hier antrat, erreichte er mit acht Prozent unter den Stuttgarter AfD-Kandidaten das beste Ergebnis, verlor aber 8,3 Prozentpunkte gegenüber 2016.
Doch wem könnte Mürter Stimmen abnehmen? Auch die Wahlbeteiligung spielt eine Rolle. Im Norden war sie 2021 mir unter 60 Prozent gering, der Anteil ungültiger Stimmen hoch.
Der 38 Jahre alte Hildenbrand konnte 2021 das Direktmandat erreichen, der Abstand zur CDU war dabei mit 9,6 Prozentpunkten der geringste in den Stuttgarter Wahlkreisen. Hildebrand stammt aus Wertheim, hat Psychologie studiert und war acht Jahre Landesvorsitzender der Grünen.
Oliver Hildenbrand will für die Grünen sein Direktmandat verteidigen. Foto: Grüne
Er ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender, Mitglied im Innen- und Sozialausschuss, Sprecher für Queerenpolitik und leitet das Parlamentarische Kontrollgremium. Als seine Themen nennt er Zusammenhalt und Vielfalt, Klimaschutz und eine menschliche Flüchtlingspolitik. Hildenbrand ist mit Platz sechs auf der Grünen-Landesliste gut abgesichert.
Shajeevan Thavakkumar (CDU)
„Meine Freunde nennen mich Saschi“, so stellt sich Shajeevan Thavakkumar (32), der in Stuttgart als Sohn geflüchteter Eltern geboren wurde, auf seiner Homepage vor. Er ist Geschäftsführer der CDU Nordwürttemberg. „Das Verbrenner-Aus muss genauso weg wie das Lieferkettengesetz“, sagt Thavakkumar.
Shajeevan Thavakkumar steht für die CDU auf Platz 38 der Landesliste. Foto: CDU
Ein „Zukunftsfonds BW“ solle gut bezahlte Arbeitsplätze in Stuttgart halten, eine Meisterprämie von 3000 Euro berufliche Bildung fördern. Er will mehr Videoüberwachung und schnellere Abschiebungen, für Familien Geld für Eigentumserwerb. Auf der Landesliste steht er auf Platz 38 – wohl zu weit hinten, falls er das Direktmandat verfehlt.
Laura Streitbürger (SPD)
Laura Streitbürger will die Stimme junger Menschen und Familien im Parlament sein. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet die 45-Jährige, die aus dem Ruhrgebiet stammt, für den Sozialverband Arbeiterwohlfahrt (Awo), sie ist bei der Awo Württemberg Koordinatorin der Stabsstelle Sozialpolitik. Kinderrechte, die Verhinderung von Kinderarmut und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind die Themen der Mutter von zwei Kindern.
Laura Streitbürger geht für die Sozialdemokraten ins Rennen. Foto: SPD
Ihre Vision beschreibt sie so: Demokratiebildung ab Klasse 1, familienfreundliche Politik und Anerkennung unbezahlter Arbeit, „weil sie unsere Gesellschaft trägt“. Streitbürger steht auf Platz 62 der SPD-Landesliste.
Gabriele Heise ist Fachanwältin für Verwaltungsrecht, stellvertretende Landesvorsitzende der Liberalen und Mitglied in der Regionalversammlung. Die 59 Jahre alte Mutter zweier Kinder fordert weniger Bürokratie und Regulierung, die Absenkung der Grunderwerbssteuer auf 3,5 Prozent und die Reduzierung von Baustandards, um Kosten zu senken. Für die häusliche Pflege soll ein Pflegebudget eingeführt werden; finanzielle und wirtschaftliche Bildung soll in Lehrplänen stehen.
Gabriele Heise ist stellvertretende Landesvorsitzende der Liberalen. Foto: FDP
Heise spricht sich für die von Unternehmen vorgeschlagene Tunnelvariante eines Nordostrings um Stuttgart aus. Auf der Landesliste ist sie nicht abgesichert.
Andreas Mürter (AfD)
Andreas Mürter ist Sprecher des AfD-Kreisverbands Stuttgart. Der 45-jährige Maschinenbaumeister sieht im Urnengang am 8. März eine „Schicksalswahl“ für das Land, die entweder „Wohlstand und Sicherheit mit der AfD oder die Zerstörung durch ein „Weiter-so“ bringen werde. Durch seinen Beruf kenne er die Herausforderungen für Handwerk und Mittelstand.
Andreas Mürter tritt für die AfD erneut im Wahlkreis an. Foto: AfD
2021 holte er acht Prozent und damit das beste Stuttgarter Ergebnis für die vom Verfassungsschutz beobachtete Partei. Sie will ein „Buy BW“-Programm auflegen und Behörden zum Kauf von Autos aus dem Land verpflichten. Mürter steht auf Platz 40 der Landesliste.
Utz Mörbe (Die Linke)
Utz Mörbe ist 42 Jahre alt und arbeitet als kommunaler Behindertenbeauftragter beim Landratsamt Böblingen, zuvor arbeitete er in einer Behindertenwerkstatt. Bei der Linken ist er Landesinklusionsbeauftragter. Seine Schwerpunkte sind inklusive Bildung, der Arbeitsmarkt und Wohnen.
Utz Mörbe will für Die Linke ein Mandat holen. Foto: Die Linke
Mörbe hat durch einen angeborenen Herzfehler bei einer OP eine Behinderung erlitten und kennt die Hürden, die Behinderten im Weg stehen. Er fordert eine inklusive Bildung. „Menschen mit Behinderung sollen im Parlament von Abgeordneten mit entsprechender Lebenserfahrung vertreten werden“, fordert er. Auf der Landesliste steht er auf Platz 6.