Pendler im Rems-Murr-Kreis müssen sich auf einen jahrelangen Stresstest einstellen. Doch 2027 könnte das bisherige Chaos noch in den Schatten stellen.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Was sich derzeit auf den Gleisen im Rems-Murr-Kreis abspielt, ist für viele Pendler schon jetzt eine tägliche Geduldsprobe. Doch was in den Jahren 2026 und besonders 2027 auf sie zukommt, droht das bisherige Chaos noch zu übertreffen. Das wurde bei der jüngsten Sitzung des Verkehrsausschusses des Kreistags mehr als deutlich. Der Anlass: Ein Antrag der CDU-Fraktion, der nicht nur alte Wunden aufriss, sondern neue Brandherde entfachte.

 

Wie aus den Sitzungsunterlagen hervorgeht, droht schon von diesem Herbst an eine Baustellenoffensive sondergleichen. Die Liste ist lang, die Geduld kurz. In einem Punkt herrschte parteiübergreifend Einigkeit: Die jetzige Situation auf Rems- und Murrbahn sei „unzumutbar“ – und das, was 2027 bevorsteht, ein drohendes „Verkehrsdebakel“.

Baustellen-Marathon trifft marode Strukturen

„Es ist in der Tat sehr ernüchternd, was da passiert“, brachte Landrat Richard Sigel die Stimmung auf den Punkt. Denn was Daniel Wiedmann, der Leiter des Amts für ÖPNV, in seinem Bericht präsentierte, lässt wenig Raum für Hoffnung: eine Aneinanderreihung von Bauvorhaben, Sperrungen und Takt-Ausfällen, die den Kreis bis mindestens Ende 2027 lahmlegen könnten.

Immer wieder kommt es zu Zugausfällen. Foto: Lichtgut

Schon jetzt berichten Bürger von überfüllten Zügen, nicht ausreichender Kapazität, ausgefallenen Verbindungen und Schienenersatzverkehren, die ihrem Namen kaum gerecht werden. Besonders auf der Remsbahn gehe es zu „wie im Viehtransport“, kritisierte CDU-Kreisrat Ulrich Scheurer (Plüderhausen). Schüler und Senioren würden regelmäßig am Bahnsteig stehengelassen. „Das ist ein Skandal“, wetterte er.

2027: Wenn S21 und B14 gleichzeitig zuschlagen

Was der Sitzung endgültig die emotionale Spitze aufsetzte, war der Ausblick auf das Jahr 2027: Parallel zur Sperrung am Bahnhof Bad Cannstatt durch Stuttgart 21 sollen Bahnbrücken bei Backnang im Zuge des B14-Ausbaus ausgetauscht werden. Das bedeutet: Doppelte Vollsperrung, gekappte Verbindungen – auf Straße und Schiene.

Kaisersbachs Bürgermeister Michael Clauss (FDP) nannte das „ein Debakel mit Ansage“. Seit Jahren sei die Unzuverlässigkeit auf der Rems- und Murrbahn bekannt. Jetzt steuere man sehenden Auges in einen Kollaps.

Kritik am Verkehrsministerium: Schweigen aus Stuttgart

Neben der Bahn geriet vor allem das Verkehrsministerium ins Visier der Kreisräte. „Die Zustände sind bekannt, doch der Verkehrsminister duckt sich weg – das ist skandalös und an Ignoranz und Arroganz kaum zu überbieten!“, so Ulrich Scheurer weiter. Der Unmut richtete sich vor allem auf die mangelhafte Kommunikation: Oft erfahre die Kreisverwaltung nur ein bis zwei Wochen vor Baubeginn von Maßnahmen, was eine sinnvolle Planung von Ersatzverkehren praktisch unmöglich mache, so Daniel Wiedmann.

Landrat Sigel formuliert es auf Instagram drastisch: „Die Sorge, wie komme ich nach Stuttgart und zurück, raubt Pendlerinnen und Pendlern aus dem Rems-Murr-Kreis viel Zeit und Energie.“ Die Forderung: Frühzeitige Information, mehr Beteiligung, Fahrgast-Perspektive mitdenken.

Ersatzverkehr und Kapazitätsengpass – keine Entwarnung in Sicht

Die Kreisverwaltung hat auf das Chaos bereits reagiert. Seit 2024 gibt es beim VVS eine Koordinationsstelle für den Schienenersatzverkehr. Eine Maßnahme, die laut Verwaltung immerhin kleine Verbesserungen in der Fahrgastinformation gebracht habe.

Doch das Grundproblem bleibt: Die Kapazitäten auf Rems- und Murrbahn sind längst ausgereizt. Neue Züge, die bereits 2022 bestellt wurden, kommen laut aktuellem Stand erst Ende 2026 – viel zu spät. Und mit der ab 2027 geplanten Kappung der Gäubahn, deren Züge aktuell auf Rems- und Murrbahn weitergeführt werden, droht ein weiterer Fahrzeugmangel.

„Schon jetzt ist das Netz am Anschlag“, so Wiedmann. Und auch hier: keine klare Zusage vom Land, keine Lösung in Sicht.

Am 3. November sollen Vertreter der Deutschen Bahn und der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW) Rede und Antwort im Kreistag stehen. Wiedmann rät den Kreisräten schon jetzt: „Fangen Sie an, Ihre Frageliste zu machen.“

Es wird ein heißer Herbst – auf den Gleisen und im Sitzungssaal.

Die Fronten sind verhärtet – die Geduld der Fahrgäste auch

Was bleibt, ist Frust. Über eine überforderte Bahn, ein planungsblindes Ministerium und eine Baustellen-Strategie, die Pendler als lästige Randnotiz behandelt. Die technischen Notwendigkeiten der Bauarbeiten stehen außer Frage. Doch die politische und kommunikative Begleitung wirkt wie ein Totalausfall.

Ob der Termin im November Bewegung in die Sache bringt? Die Erwartungen sind – wie die Zugtakte – gedämpft.

Diese Einschränkungen auf der Rems- und Murrbahn sind zu erwarten

2025: Erste Sperrungen und Takt-Ausfälle 

  •  07.09.–30.09. Hangsanierung Plüderhausen–Lorch --> Regionalzüge nur stündlich
  • 13.09.–17.10. Gleiserneuerung Esslingen–Bad Cannstatt --> S1–S3 nur im Halbstundentakt, Regionalverkehr und Schusterbahn eingeschränkt
  • 17.10.–20.10. Brückenarbeiten Winnenden–Backnang --> S3 fährt nur bis Neustadt-Hohenacker
  • 29.10.–06.11. Vegetationsarbeiten Backnang–Burgstall --> S4 entfällt, Schienenersatzverkehr (SEV)
  • 21.11.–01.12. Erneute Brückenarbeiten --> S3 nur bis Neustadt-Hohenacker, SEV zwischen Backnang–Stuttgart und Waiblingen
  • 01.12.–21.12. Vollsperrung Bahnhof Bad Cannstatt --> Ausfall S-Bahn und Regionalverkehr, großräumiger SEV erforderlich

2026–2027: Massive Überschneidungen erwartet

  • ab Q2/2027 Verlegung der S-Bahngleise in Bad Cannstatt (S21) --> monatelange Sperrung des S-Bahnverkehrs
  • Herbst 2027 Verlegung der Regionalbahngleise in Bad Cannstatt --> Regionalverkehr stark eingeschränkt
  • Mai – August 2027 B14-Ausbau bei Backnang-West: Einschub neuer Bahnbrücken --> Sperrung der Murrbahn, gleichzeitig Einschränkungen auf der B14 --> weiträumige Umleitungen und SEV

Zugausfälle und Fahrzeugmangel absehbar

  • Neue Züge (Alstom Coradia Max) kommen frühestens Ende 2026
  • Ab 2027: Wegfall der Gäubahn-Verknüpfung --> zusätzliche Zugausfälle auf Rems- und Murrbahn drohen