Es war ein honoriges Anliegen und eine honorige Runde. Neun stadtbekannte Persönlichkeiten gründeten unlängst in Freiburg einen Förderverein für das geplante „Dokumentationszentrum Nationalsozialismus“, darunter der Ex-Verfassungsgerichtschef Andreas Voßkuhle. Doch zu dem Mann direkt neben ihm auf dem Gruppenfoto gab es auch kritische Anmerkungen: Passe Klaus Mangold (78), der langjährige russische Honorarkonsul mit Wohnsitz im nahen Münstertal, wirklich in die Runde, oder sei er nicht vielmehr eine „persona non grata“? Der Unternehmensberater und Ost-Experte habe sich klar von Putin distanziert, verteidigten ihn Mitgründer, zudem sei er als Konsul zurückgetreten.
Auch rund um Münstertal, wo er ein liebevoll saniertes historisches Anwesen bewohnt, wird Mangold neuerdings skeptischer beäugt. Lange schätzte man ihn dort als spendablen Förderer von Vereinen oder Kultur. Nun aber fragen erste Stimmen, ob man auf sein Geld nicht besser verzichten solle. In Zeiten des Ukrainekrieges kommt die Nähe zu Putin, dokumentiert in Fotos der beiden augenscheinlich harmonierenden Männer, auch im fernen Südbaden nicht gut an. Größer erscheinen die Vorbehalte freilich gegen den im Nachbarort Staufen lebenden Manager Matthias Warnig (66), den wohl engsten deutschen Freund des Russen. Die Grüne Jugend im Südwesten verlangte gleichwohl, die Bundesregierung solle wegen des „Kuschelkurses mit Putin“ Sanktionen auch gegen Mangold prüfen.
Wer profitierte von dem Geld aus Russland?
In den Medien wird die Rolle des Ex-Konsuls ebenfalls zum Thema. Ein Untersuchungsausschuss müsse klären, wie Deutschland von Putin abhängig gemacht wurde, forderte der „Focus“-Kolumnist Jan Fleischhauer. Nur Altkanzler Schröder in den Blick zu nehmen genüge nicht. „Ganz oben auf die Zeugenliste“ gehöre Mangold, der als Vorsitzender des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft „jahrelang das Geschäft Putins in Deutschland besorgte“. Man müsse ergründen, wer alles von dem im Überfluss vorhandenen Geld aus Russland profitiert habe. Über Wandel-durch-Handel-„Figuren“ wie Mangold „wäre auch noch zu reden“, kommentierte eine ARD-Korrespondentin auf Twitter. Wie glaubhaft seien Leute „die jetzt urplötzlich ihr Gewissen entdecken“, aber frühere gravierende Anlässe offenbar „eingepreist“ hätten?
Wandel durch Handel – das war jahrzehntelang die Devise der Wirtschaft für den Umgang mit Russland. Miteinander Geschäfte zu machen fördere das wechselseitige Verständnis, deutsche Unternehmen seien „Botschafter“ des westlichen Gesellschaftsmodells. Der geschäftstüchtige Mangold verkörperte diesen Kurs wie kaum ein anderer. Man müsse im Gespräch bleiben, lautete sein Mantra, auch nach eigentlich zum Innehalten mahnenden Ereignissen wie der Annexion der Krim oder der Vergiftung von Nawalny. Noch zehn Tage vor Kriegsbeginn warnte er vor Sanktionen, die Deutschland mehr schaden würden als Russland.
Kein direkter Draht zum Kreml-Chef
„Putin-Versteher“ wurden Leute wie Mangold genannt, der den russischen Präsidenten seit etwa dreißig Jahren kennt; man sagt, nach Landesart, „Wladimir“ und „Klaus“ zueinander. Doch zuletzt verstand er ihn offenbar nicht mehr. Er habe sich verändert, sei härter und empfindlicher geworden. Den Überfall auf die Ukraine hätte Mangold, wie viele andere, ihm nicht zugetraut. So umgehend er den Angriff verurteilte, so schwer tat er sich zunächst mit weiteren Konsequenzen. Noch eine Woche später erklärte er in einer Gesprächsrunde („Dialog Dollenberg“), Putin habe sich von der Ost-Erweiterung der Nato herausgefordert gefühlt. Kritische Töne fanden sich in der von ihm abgesegneten Pressemitteilung kaum. Drei weitere Tage brauchte Mangold, um sein Amt als Honorarkonsul niederzulegen. Sein viel gerühmter politischer Instinkt hätte ihm eigentlich sagen müssen, dass der Schritt unausweichlich ist. Er habe noch gehofft, seinen Einfluss geltend machen zu können, erklärte er.
Derzeit gebe es „leider keinen Gesprächskanal nach Moskau“, sagte Mangold kürzlich der „Pforzheimer Zeitung“. Er kenne Putin zwar von diversen Veranstaltungen, aber daraus sei kein Kontakt entstanden, der es ihm ermögliche, „zum Telefonhörer zu greifen und ihm zu sagen, dass er den Krieg stoppen soll“. Für die Menschen in der Ukraine und die Eltern der jungen russischen Soldaten würde er das andernfalls „sofort tun“.
Zweite Karriere als Ost-Berater
Für Mangold ist es eine neue Erfahrung, derart grundlegend öffentlich hinterfragt zu werden. Bisher nutzte er die Medien meist, um seine Botschaften zu platzieren – sei es allgemeiner Art oder zu konkreten Anlässen. Als „Mister Russland“ der deutschen Wirtschaft erklärte er dann, weshalb es allen nutze, wenn der Rubel weiter rolle – natürlich in diplomatischeren Worten. Schon als Chef des Versandhändlers Quelle hatte der gebürtige Pforzheimer Kontakte nach Russland geknüpft, auch als Daimler-Vorstand war er dort und in Osteuropa unterwegs. Nach dem altersbedingten Ausscheiden startete er als Unternehmensberater mit Ost-Fokus neu durch; Mangold Consulting heißt seine auch in Münstertal residierende Firma. Mit einem umfassenden Netzwerk, wirbt diese auf ihrer Webseite, helfe man Kunden in Russland, Osteuropa und Zentralasien – Kontakte zu knüpfen, Partner zu finden und bei Kooperationen. Vor allem deutsche Mittelständler sollen es sein, die Mangold auf die östlichen Märkte begleitet. Dort verheißt er unter anderem Zugang zu „Regierungs- und Verwaltungsorganen“.
Ganz ähnlich war der Ansatz, den Mangold als Vorsitzender des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft verfolgte. Von 2000 bis 2010 hatte er das Ehrenamt inne, für das der Verein nicht einmal eine Aufwandsentschädigung zahlt. Diskussionen über Interessenkonflikte habe es „bislang keine gegeben“, sagt der Geschäftsführer Michael Harms; die Satzung sehe „ausführliche Berichtspflichten und Kontrollmöglichkeiten“ vor. Harms hielte es für „vorschnell“, die Idee „Wandel durch Handel“ angesichts des Krieges für gescheitert zu erklären; man glaube weiter daran, dass wirtschaftliche Kontakte das gegenseitige Verständnis förderten. Manche Russland-Experten halten das für eine Illusion: nicht der Westen habe Russland verändert, der „KGB-Kapitalismus“ à la Putin mit seinen fragwürdigen Methoden habe vielmehr den Westen infiltriert.
Immer mal wieder in den Schlagzeilen
Zur Hälfte seiner dritten Amtszeit gab Mangold den Vorsitz ab – angeblich „wie geplant“. Doch von einem solchen Plan war zuvor nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. Prompt kamen Spekulationen auf, die teilweise bis heute kursieren: war etwas vorgefallen oder bekannt geworden? Keineswegs, heißt es: intern sei der Stabwechsel angekündigt gewesen, auch, um rechtzeitig Ersatz zu finden. Der Nachfolger Eckard Cordes, ebenfalls einst Daimler-Manager, kam indes nie aus Mangolds Schatten heraus. Dessen Nähe zur CDU hinderte ihn übrigens nicht, beste Kontakte auch in Russland-affine SPD-Netzwerke zu pflegen – vorneweg zu Altkanzler Gerhard Schröder.
„Schillernd“ wird oft als Attribut genannt, wenn man sich in der Politik zu Mangold umhört. Das mag auch damit zu tun haben, dass er alle paar Jahre in den Schlagzeilen auftauchte – gerne im Zusammenhang mit illustren Figuren. Einst sorgte der passionierte Jäger für Aufsehen, als er im Hegau zur Wildschweinjagd lud. Co-Gastgeber war der rumänische Unternehmer Ion Tiriac, ein guter Bekannter, auf der Gästeliste stand sogar der Ex-Präsident Nastase, der später illegaler Praktiken verdächtigt wurde. Immer wieder einmal wurde gefragt, ob man in solchen Ländern Geschäfte machen oder vermitteln und dabei „sauber“ bleiben könne. Für Mangold war das offenbar kein Problem, andere bezweifeln es. Tierschützer von Peta verleideten den Promis die Hatz, später zog man von Bittelbrunn auf den Balkan um.
Lob für offene Worte von einer Grünen
Als 2017 die „Paradise Papers“ offenbarten, wie Superreiche ihr Geld in Steueroasen versteckten, fand sich auch Mangolds Namen in den Daten. Hintergrund waren seine Kontakte zum russischen Oligarchen Boris Beresowski, es ging um den Verkauf einer Superyacht und eines Privatjets sowie eine Briefkastenfirma auf der Isle of Man. Er habe damit nichts zu tun und wisse nichts davon, dass er Begünstigter der Firma gewesen sein solle, teilte Mangold damals mit. Sein langjähriger Bekannter Beresowski, ein Gegenspieler Putins, starb später unter unklaren Umständen; angeblich war es Suizid.
Der Fall eines anderen beim Kreml-Chef in Ungnade gefallenen Oligarchen brachte Mangold sogar Lob von unerwarteter Seite ein. Die Grüne Marieluise Beck würdigte 2010 seine offenen Worte zum Prozess gegen Michail Chodorkowski: Er zeige damit, „das man sowohl Zugang zu Putin haben und dennoch skandalöse Vorgänge … öffentlich zum Thema machen kann“. Den Begriff „Oligarch“ mochte Mangold übrigens nicht, wie er der FAZ einmal sagte; für ihn seien das Unternehmer. Heute ist sogar von „deutschen Oligarchen“ die Rede, die dank Putin zu beträchtlichem Reichtum gekommen seien – etwa der Nord-Stream-Chef Warnig.
Justiz stößt auf Mailverkehr mit Ex-Politiker
Vor etlichen Jahren fiel Mangolds Name sogar im Zusammenhang mit der „Russen-Mafia“, gegen die die Staatsanwaltschaft in Stuttgart ermittelte – allerdings ohne sein Zutun: eine der Beschuldigten war eine Sekretärin aus seinem Honorarkonsulat. Um damals nach einer Durchsuchung ausgewertete Daten kreisten bald wilde Gerüchte. Es hätten sich höchst aufschlussreiche Mails zwischen Mangold und einem Ex-Spitzenpolitiker gefunden, berichtete der Enthüllungsjournalist Jürgen Roth; die Fahnder hätten darüber keine Silbe verlieren dürfen. Gemeint war offenbar Gerhard Schröder. Heute heißt es bei der Staatsanwaltschaft, die Auswertung habe damals keinen Ansatzpunkt für weitere Ermittlungen geliefert.
Inzwischen ist Klaus Mangold wieder in seiner Paraderolle unterwegs, der des eloquenten, kenntnisreichen Welterklärers. Man müsse die Abhängigkeit von Energieressourcen angehen, mahnt er per Interview, sonst gerate man von einem Problem ins nächste. Ob er sein Lebenswerk gerade im Krieg zugrunde gehen sehe? „Wir müssen schon jetzt an die Zeit danach denken“, mahnt der bald 79-Jährige, „zuhören und miteinander reden.“