Sexualisierte Gewalt im Netz Machtkampf der Männer

Der Chatbot Grok sorgte mit sexualisierten Bildern von Frauen für Empörung. Foto: IMAGO/Hanno Bode

Sexualisierte Deepfakes sind ein blinder Fleck im deutschen Recht. Das kann man ändern. Die größeren Probleme liegen anderswo, kommentiert Christian Gottschalk.

Politik/ Baden-Württemberg: Christian Gottschalk (cgo)

Es gibt keinen anderen Bereich im Strafrecht, der in den vergangenen zehn Jahren so häufig reformiert, überarbeitet, verschärft worden ist wie das Sexualstrafrecht. Aktuell arbeitet die Bundesregierung daran, sexualisierte Deepfakes im Internet unter Strafe zu stellen. Das sind Bilder, die mit Hilfe von Computerprogrammen bearbeitet wurden, um Menschen – fast immer Frauen – zu sexualisieren und herabzuwürdigen. Am Donnerstag wurde dazu auch ein Gesetzesvorschlag der Grünen im Bundestag diskutiert. Und Deutschland ist nicht allein. Auch das Europaparlament stimmte am Donnerstag für ein Verbot von KI-Anwendungen, mit deren Hilfe Nutzer Porno-Deepfakes und sexualisierte Bilder von Menschen ohne deren Einwilligung erstellen können.

 

Internetplattformen sind das Problem

Die Änderungen sind unumgänglich. Doch nötig ist auch die Strafbarkeit, um potenziellen Opfern zu zeigen, dass das Unrecht, welches ihnen widerfährt, auch geahndet werden kann. Wenn man der Verbreitung dieser Art von psychischer Gewalt wirklich die Stirn bieten will, muss man zwingend an die Transportwege heran. Eine Zeitung, die Bilder dieser Art veröffentlichen würde, würde dafür in Haftung genommen werden. Die diversen Plattformen im Internet werden in der Regel nicht belangt. So lange dieser Zustand andauert, wird der Kampf gegen sexualisierte Gewalt im Netz ebenso erfolglos bleiben wie der Kampf gegen Hass und Hetze – egal, ob der Hass gegen Frauen gerichtet ist, ob die Hetze von links, von rechts oder von religiöser Seite her kommt.

Neue Gesetze sollen Schutz bieten. Foto: IMAGO/Christian Ohde

Roll back ins letzte Jahrtausend

Die Verbreiter des Übels in Haftung zu nehmen ist zwar dringend geboten, doch auch das ist nur eine Behandlung der Symptome. Die Ursache dafür, dass Frauen immer lauter und häufiger über sexualisierte Gewalt klagen, liegt tiefer – und bei weitem nicht nur im digitalen Raum. Auch in der analogen Welt gibt es Orte, an denen vor allem junge Frauen ganz real befürchten müssen, dass sie sexuell belästigt werden, mindestens verbal.

Es sind nicht nur – wie Bundeskanzler Friedrich Merz gerade behauptete – junge Männer aus anderen Kulturkreisen, die nicht viel mit der Vorstellung anfangen können, dass Frauen und Männer ein gleichberechtigtes Nebeneinander in dieser Gesellschaft führen. Die Ansicht, dass die Rollenverteilung der 50er und 60er Jahre gar nicht so übel gewesen ist, ist vielleicht kein Trend, gewinnt aber Anhänger on- und offline – und wird von bestimmten Kreisen am konservativen Rand durchaus propagiert. Wer dagegen vorgehen möchte, muss verstehen, wie es dazu kommt.

Angst vor Verlusten

Diskriminierung von Frauen und sexualisierte Gewalt gab es schon immer. Nicht wenige Männer sahen und sehen dies als ihr Recht an. Doch je stärker, lauter und fordernder Frauen auf ihre Rechte bestehen, je stärker wächst bei Männern der Widerstand, der sich in noch ausgeprägterer Diskriminierung und neuen, digitalen Formen sexualisierter Gewalt äußert. Es geht letztlich darum, den eigenen Machtanspruch zu behaupten.

So wie die USA gerade dabei sind, ihre Rolle als einzige globale Supermacht zu verlieren, verliert der Mann seine Macht und Privilegien. So wie sich die USA gerade gegen die sich abzeichnende Änderung der Weltordnung wehren, wehrt sich ein Teil der Männer gegen ein neues Rollenbild. Kein Zufall, dass die Trump-Bewegung auch die misogyne Männlichkeitskarte spielt. Frauen werden sich früher oder später ihren Teil der Macht erkämpfen, ihr Recht, genauso frei und selbstbestimmt zu leben wie die Männer. Männer müssen diesen Prozess konstruktiv mitgestalten. Zum Wohle der Welt und zum Wohle der Gesellschaft. Vermutlich wird es aber noch eine ganze Weile dauern, bis sich diese Erkenntnis durchgesetzt hat.

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