Stuttgart 21 Stuttgart 21 erst 2029 fertig? Projektumfeld ist alarmiert

Was ist beim Bau von Stuttgart 21 alles schief gelaufen, dass sich die Eröffnung abermals deutlich verzögert? Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Nach neuen Hinweisen auf Verzögerungen bei S 21 reagiert das Projektumfeld alarmiert: Noch arbeitet die Bahn das Debakel auf, aber bei Land und Region ist die Geduld nicht unendlich.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Neue Hiobsbotschaft für Stuttgart21: aus Kreisen der Projektpartner verlautet, dass der neue Bahnknoten nicht vor 2029 in Betrieb gehe. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dies sei „ein Wasserstand“. Ein neues Inbetriebnahmekonzept, wann welcher Teil des Bahnknotens eröffnet werde, liege nach wie vor nicht vor. Ein Bahnsprecher sagt dazu: „Zu den genannten Spekulationen äußern wir uns nicht. Es bleibt dabei: Die Geschäftsführung der DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH ist damit beauftragt, bis spätestens Mitte 2026 ein neues Inbetriebnahmekonzept für S 21 zu erarbeiten und mit allen Projektpartnern verbindlich abzustimmen“.

 

Regionalpräsident Rainer Wieland (CDU) zeigt sich „nicht geneigt, mich an Spekulationen zu beteiligen“. Er halte nach wie vor die Ansage von Bahnchefin Evelyn Palla für richtig, nun erstmal eine ehrliche Bestandsaufnahme beim Projekt zu machen und dann einen verlässlichen Terminplan zu nennen. Die Bahn hatte immer wieder auf große Probleme bei der Digitalisierung des Bahnknotens hingewiesen. „Allerdings würde schon eine Inbetriebnahme erst im Jahr 2028 ganz grundsätzliche Fragen aufwerfen“. Eine solch lange Verschiebung wäre für Wieland der Beleg dafür, dass „die DB Infrago-Spitze in Sachen Digitalisierung weder strategisch noch operativ richtig aufgestellt ist“. Und wenn sich – wie es sich nun abzeichnet – die Eröffnung von Stuttgart 21 gar über das Jahr 2028 hinaus verzögern sollte, „dann wäre die Infrago-Spitze nicht mehr zu halten“, sagt Wieland.

Verkehrsminister Winfried Hermann wertet die neue Entwicklung als „zunächst eine Meldung der Medien, kein offizieller Zeitplan der Bahn“. Er warte die Ergebnisse der von Bahnchefin Palla angestoßenen internen Untersuchung ab. Seine Erfahrung mit dem Projekt zeige aber: „Was vorab durchsickert, wird am Ende oft Realität. Wir sind Verzögerungen bei diesem Projekt gewohnt“. Über verschiedene Kontakte sei das Ministerium zur Einsicht gelangt, „dass es bei der digitalen Schiene klemmt, nicht nur in Stuttgart, sondern bundesweit. Es fehlt eine klare langfristige Perspektive für die Unternehmen, welche die digitale Stellwerkstechnik herstellen, und vor allem eine klare und dauerhafte Finanzierung. Das ist ein wesentlicher Grund für die Verzögerungen“.

Hermann erteilt Ausstiegsfantasien eine Absage

Möglichen Ausstiegsfantasien erteilt Hermann eine deutliche Absage: „Stuttgart 21 ist hyper-komplex und hyper-teuer. Und trotzdem gibt es keinen Weg zurück, sondern nur noch einen nach vorne. Das Land wird die Bahn konstruktiv begleiten und alles dafür tun, dass der Bahnhof fertiggestellt wird.“

Im Stuttgarter Rathaus gibt man sich zugeknöpft. David Rau, Sprecher von OB Frank Nopper (CDU), sagt: „Die Deutsche Bahn will und wird sich nach eigenem Bekunden erst Mitte 2026 zur Frage der Fertigstellung von Stuttgart 21 erklären. Sie hat überdies den Projektpartnern bisher keine neuen Erkenntnisse über die Projektvollendung von Stuttgart 21 vorgelegt“. Vor diesem Hintergrund werde Stadt zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellungnahme abgeben.

Technische Probleme beim Bau

Zwar laufen in die internen Untersuchungen bei der Bahnprojektgesellschaft Stuttgart-Ulm (PSU) noch, die die neue Bahnchefin Evelyn Palla angestoßen hat und bei denen nach ihren Worten „kein Stein auf dem anderen“ bleiben werde. Allerdings erzählt man sich in Kreisen der Projektpartner schon länger, dass im Bahnhof und den langen Tunneln wohl gravierende Fehler bei der Verkabelung geschehen sind. Von mehreren Tausend Meter Leitungen, von denen man weder den Anfang noch das Ende kenne, ist da die Rede. Ungute Erinnerungen an den Berliner Großflughafen BER werden wach, bei dem der sogenannte Kabelzug auch einer der Gründe für die unrühmliche Baugeschichte gewesen ist.

Und auch beim Spitzenpersonal hat das Großreinemachen angefangen – auch wenn man bei der Bahn das anders verstanden haben möchte. Anfang des Jahres wechselte der bisherige S-21-Technikchef Michael Pradel zur Bahninfrastrukturtochter Infrago. Mit dem bedauernswerten Zustand von Stuttgart 21 habe das aber nichts zu tun, beteuerte Evelin Palla beim Bekanntwerden der Personalie. Ersetzt wurde Pradel durch Klaus Müller, vormals Vorstand bei Infrago, der seinerseits diese Woche auf den bisherigen Projekt-Chef Olaf Drescher folgte, den die Bahn mit dürren Worten in den Ruhestand verabschiedet. Dreschers Vertrag läuft bis Januar 2027.

Das neue, bis Sommer vorzulegende Inbetriebnahmekonzept, wird vor allem Aufschluss darüber geben müssen, in welcher Reihenfolge die einzelnen Stuttgart-21-Teile in Betrieb gehen und wann diese Kaskade beginnt. Klar ist nur, erst als allerletzten Schritt kann die Bahn den Kopfbahnhof außer Betrieb nehmen. Nicht ausgeschlossen ist hingegen, dass Teile wie die neue S-Bahnführung samt neuer Haltestelle Mittnachtstraße wieder stärker priorisiert werden. Deren Eröffnung stand zunächst ganz am Anfang der Inbetriebnahmephase und rückte dann an deren Ende. In der Region dringt man darauf, baldmöglichst die S-Bahn über die neue Strecken zu schicken, um wieder mehr Stabilität für die geplagten Fahrgäste bieten zu können.

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