Stuttgart 21 Was hat Grün-Schwarz mit der Gäubahn vor?

Wie lange fahren noch Züge über die Panoramabahn, den aussichtsreichen Stuttgarter Teil der Gäubahn? Foto: Christian Milankovic

Der Koalitionsvertrag befasst sich in einer Passage mit der Zukunft der Gäubahnstrecke. Doch darüber, wie die Zeilen zu interpretieren sein, gehen die Ansichten weit auseinander.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Nach zähem Ringen haben sich Grüne und CDU auf einen Koalitionsvertrag geeinigt. An den darin enthaltenen Passagen zur Gäubahn regt sich in Teilen Kritik. Die Landeshauptstadt und der Verband Region Stuttgart, die in Sachen Städtebau auf den heutigen Gleisflächen und neuer S-Bahnhaltestelle Rosenstein ein Interesse an möglichst verbindlichen Aussagen haben dürften, warten weiterhin auf einen konkreten Zeitplan der Deutschen Bahn. Unterschiedliche Akteure versuchen sich an der Auslegung des Papiers im Hinblick auf die Gäubahn und kommen auf recht unterschiedliche Aussagen.

 

Die Ausgangslage: die Panoramabahn, der Stuttgarter Abschnitt der Gäubahnstrecke, soll zwischen Haupt- und Nordbahnhof gekappt werden, um an der Stelle die neue, im Rahmen von Stuttgart21 entstandene S-Bahnstrecke mit dem Bestand zu verknüpfen. Der Rest der Panoramabahn bis Stuttgart-Vaihingen soll instandgesetzt, mit drei Haltepunkten versehen und von der neu einzuführenden S-Bahnlinie 7 zwischen Heimerdingen und Vaihingen befahren werden.

Nachdem sämtliche Terminpläne für Stuttgart 21 Makulatur sind und die Deutsche Bahn nicht vor Ende Juni eine neue Prognose wagen will, ist auch unklar, wann die Gäubahn gekappt wird. Ist die Strecke einmal dicht, sollen Fahrgäste in Vaihingen solange auf S- und Stadtbahnen umsteigen, bis der gerade erst begonnene Bau des Pfaffensteigtunnels zwischen Flughafen und Gäubahn abgeschlossen ist und damit wieder eine umsteigefreie Verbindung bis zum Stuttgarter Hauptbahnhof besteht. Nach Prognosen der Bahn soll das im Jahr 2032 möglich sein.

Wenn es nach den Anrainern der Strecke geht, tritt der Umsteigezwang erst gar nicht ein, weil die Gäubahngleise bis zur Fertigstellung des Pfaffensteigtunnels im Stuttgarter Kopfbahnhof enden sollen. Eine gewisse Hoffnung hegten die Städte und Gemeinden entlang der Trasse, die alten und neuen grün-schwarzen Koalitionäre auf Landesebene würden sich der Sache nochmals annehmen. Und tatsächlich findet sich im Kapitel Verkehr des diese Woche präsentieren Koalitionsvertrags eine Passage zu der Thematik. „Der Pfaffensteigtunnel sorgt künftig für eine starke Direktanbindung der Gäubahn an die Landeshauptstadt und den Flughafen Stuttgart“, steht da etwa zu lesen. Und dann folgen Sätze, die auf den ersten Blick die Position der Gäubahnanrainer zu stärken scheinen. „Auch bis zu seiner Realisierung muss eine attraktive Anbindung der Landeshauptstadt durch die Gäubahn sichergestellt werden. Eine Unterbrechung der Direktanbindung Singen/Zürich vor Inbetriebnahme von Stuttgart 21 darf es nicht geben.“

Gäubahnanrainer: Koalitionsvertrag ist „irreführend“

Doch die im Bündnis „Pro Gäubahn“ zusammengeschlossenen Kritiker der Kappungspläne trauen dem Braten nicht. Der Koalitionsvertrag sei „irreführend in zentralen Punkten zur Zukunft der Gäubahn“. Die Formulierungen seien vage und ließen „eine Unterbrechung der Direktanbindung an den Hauptbahnhof Stuttgart bereits nach einer möglichen Teilinbetriebnahme von Stuttgart 21 zu“. Die Befürchtung: Diese Eröffnung von ersten Teilen des Projekts könne vor der Fertigstellung einer neuen durchgehenden Gäubahnverbindung an den Hauptbahnhof liegen. Es würde dann beim vorübergehenden Umsteigezwang in Stuttgart-Vaihingen bleiben.

Auch der Südwest-Landesverband des Verkehrsclub Deutschland (VCD) moniert, es fehle im Koalitionsvertrag „eine klare Aussage, dass die Gäubahn-Kappung erst nach Fertigstellung des Pfaffensteigtunnels erfolgen soll“. Matthias Gastel, Bahn-Experte der Bundestags-Grünen lobt hingegen, „dass sich Grüne und CDU klar zur umsteigefreien Verbindung der Gäubahn an den Hauptbahnhof bekennen“ Die DB müsse nun die Bauabläufe so ändern, dass den Fahrgästen „mühsame und zeitraubende Umstiege bis zur Inbetriebnahme des Pfaffensteigtunnels erspart bleiben.“ Die Umweltverbände BUND und Nabu loben, „das klare Bekenntnis zur Gäubahn und zum Erhalt der Panoramabahn“.

Gäubahn: wie bewerten Stadt und Region den Koalitionsvertrag?

Im Stuttgarter Rathaus und beim Verband Region Stuttgart ist man bei der Kommentierung der Gäubahn-Passage des Koalitionsvertrages zurückhaltend. „Da das Inbetriebnahmekonzept noch nicht vorliegt, kann die Landeshauptstadt Stuttgart diese Absichtserklärung aus dem Koalitionsvertrag aktuell auch noch nicht bewerten“, sagt eine Stadtsprecherin. Ähnlich klingt das beim Regionalverband: „Die Deutsche Bahn hat angekündigt im Juni das Gesamtinbetriebnahmekonzept für Stuttgart 21 vorzustellen. Wenn der genaue Zeitplan für die Abfolge der einzelnen Inbetriebnahmen feststeht, wird die Region gemeinsam mit den zuständigen Gremien diesen Zeitplan bewerten“. Stuttgart legt Wert darauf, möglichst zügig mit dem Abbau der oberirdischen Gleise beginnen und damit in den Städtebau einsteigen zu können. Die städtische Finanzkrise setzt aber ein dickes Fragezeichen hinter die Pläne. Das Hauptaugenmerk der Region liegt auf der S-Bahn, die am Nordrand der Innenstadt durch Stuttgart 21 eine neue Trasse und den neuen Halt Rosenstein bekommt. Die sei, so die DB, ohne Kappung der Gäubahn nicht möglich. Kritiker verweisen darauf, dass es alternative Bauabläufe gebe, welche die Unterbrechung überflüssig machten.

Am weitesten geht die Linksfraktion im Stuttgarter Gemeinderat mit ihrer Auslegung des Gäubahn-Passus'. „Die neue Landesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag klar dazu bekannt, dass eine Unterbrechung der Gäubahn nicht akzeptabel ist“, sagt Fraktionssprecher Hannes Rockenbauch. Das habe Auswirkungen auf das geplante Rosensteinviertel auf den heutigen Gleisflächen. Dieses Projekt habe „jede Perspektive auf Realisierung verloren“, sagt Fraktionssprecherin Johanna Tiarks.

Weitere Themen