Stolz auf seine Partei, aber nicht allen Entwicklungen gegenüber unkritisch: Linken-Politiker Luigi Pantisano Foto: IMAGO/Rolf Zöllner
Luigi Pantisano will Jan van Aken als Linken-Chef beerben. Der Stuttgarter spricht darüber, was ihn antreibt – und wie er die Partei zusammenhalten will.
Der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Luigi Pantisano will Linken-Chef werden. Nachdem Jan von Aken krankheitsbedingt im Juni beim Bundesparteitag in Potsdam nicht erneut kandidieren wird, hat der ehemalige Stuttgarter Stadtrat seinen Hut in den Ring geworfen – bislang, soweit bekannt, wird nur Ines Schwerdtner, welche die Partei aktuell noch gemeinsam mit van Aken führt, erneut kandidieren.
Nach einer Spaß-Kandidatur klingen Pantisanos Ambitionen nicht – der 46-Jährige, der als Kind italienischer Gastarbeiter in Waiblingen geboren wurde und aufwuchs, hat eine ziemlich klare Vision, welche Richtung die Linke unter seiner möglichen Führung einschlagen soll. „Wir müssen raus aus den Kulturkämpfen und rein in die Werkstore“, sagt Pantisano gegenüber unserer Zeitung.
Er sehe die einzige realistische Chance, die AfD zurückzudrängen, darin, wieder mehr Berührungspunkte mit Arbeiterschaft zu finden, „da waren wir bei den letzten Wahlen nicht so erfolgreich“, so Pantisano. Tatsächlich wählte die Gruppe der Arbeiter bei den letzten Landtagswahlen um die 40 Prozent AfD, befanden Wahlanalysen. Hier sieht Pantisano offenbar großes Wählerpotenzial. Auch wenn ihm klar ist, dass es nicht leicht wird – die SPD verzweifelt aktuell ebenfalls daran, ihre einstige Stammwählerschaft zu erreichen.
Vom Hauptschüler zum Bundestagsabgeordneten
Pantisanos Botschaft an die Arbeiter ist einfach: „Wir müssen vermitteln, für die Leute da zu sein, die das Gefühl haben, dass die Politik auf sie herabblickt“, sagt Pantisano. Als ehemaliger Hauptschüler, der sich durch das Bildungssystem hocharbeitete und später Architektur und Stadtplanung studierte, habe er erlebt, wie das ist. „Sozialkahlschlag“, Gedankenspiele um die Streichung von Feiertagen – all das sei der Versuch der Regierung, Krisen auf Menschen abzuwälzen, die arm sind.
Um seinen Ideen Gehör zu verschaffen, plant Pantisano eine Tour durch Betriebe, deutschlandweit. Dort will er aber auch zuhören: „Welche Erwartungen gibt es an die linke Partei?“ Ergänzend dazu sei eine Hotline eingerichtet worden, wobei sich vor allem Arbeitende ermutigt fühlen sollen, Forderungen und Wünsche an die Linkspartei zu richten.
Die Linke hat allerdings nicht nur nach außen hin Probleme, bestimmte Wählergruppen zu erreichen. Auch innerhalb der Partei gibt es seit dem Überraschungserfolg bei der Bundestagswahl 2025, als die Linke 8,8 Prozent einfahren konnte, immer wieder Streit. Die Mitgliederzahl der Linken hatte sich in diesem Zeitraum fast verdoppelt, viele Junge sind hinzugekommen.
Und einige von ihnen vertreten radikale Positionen, vor allem was den Nahostkonflikt angeht. „Ich bin stolz darauf, dass wir die einzige Partei im Parlament sind, die echte Diskussionen dazu zulässt“, sagt Luigi Pantisano zwar. Allerdings stehe er auch dafür ein, dass das Selbstbestimmungsrecht Israels „nicht verhandelbar“ sei. Zuletzt hatte ein Beschluss der Linken in Niedersachsen Aufsehen erregt, der „den heute real existierenden Zionismus“ ablehnte – Kritiker sahen darin eine Absage an das Existenzrecht des Staates.
Pantisano will die Debatte über den Umgang mit dem Nahostkonflikt offen halten, sich aber als Parteivorsitzender, falls er gewählt wird, für einen anderen Ton einsetzen. „Es geht nicht, dass wir so in der Partei miteinander umgehen“, sagte er. Zuletzt waren auch prominente Linken-Köpfe wie Gregor Gysi oder Bodo Ramelow in sozialen Medien vor allem von Mitgliedern der Linksjugend „Solid“ angegangen worden, nachdem sie Teilen der eigenen Partei einen einseitigen Umgang mit Israel vorgeworfen hatten.
Wortgefechte mit OB Nopper
Für nüchterne Sachlichkeit im Ton ist Pantisano selbst allerdings nicht unbedingt berühmt – zumindest an seiner Zeit im Stuttgarter Gemeinderat bemessen. Dort fiel er eher als einer auf, der das Herz auf der Zunge trägt. Vor allem mit dem Stuttgarter OB Frank Nopper lieferte sich Pantisano wilde Wortgefechte. Die beiden, hört man, werden auch privat keine Freunde mehr.
Wenn Pantisano die Berichterstattung über ihn oder seine Partei missfiel, waren bisweilen emotionale WhatsApp-Nachrichten, auch noch spät in den Abend, die Folge. Nachdem sich der Rauch am nächsten Morgen verzogen hatte, und auch das gehört zur Wahrheit, kehrte er aber stets wieder zu einem professionellen Umgangston zurück.
Doch wie groß sind die Fußstapfen, in die er treten will? Jan van Aken brachte die Partei 2024 wieder zurück in die Erfolgsspur, nachdem sie sich vorher in einem Umfragetief befand und sogar um den Wiedereinzug in den Bundestag bangte. Seine Bewerbung um den Bundesvorsitz begann er damals mit den Worten: „Mein Name ist Jan van Aken und finde, es sollte keine Milliardäre geben.“ Noch heute wird der Satz mit dem Politiker in Verbindung gebracht. Ob es Luigi Pantisano gelingt, einen ähnlich nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, wird erst der Parteitag in Potsdam zeigen.