Der designierte Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) bei der konstituierenden Sitzung des Landtags. Am Mittwoch soll Özdemir zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Am Mittwoch wird Cem Özdemir voraussichtlich zum ersten Ministerpräsidenten Baden-Württembergs mit türkischen Wurzeln gewählt. Der Weg dorthin war für ihn nicht vorgezeichnet.
Die Genugtuung war Cem Özdemir anzusehen, als er am vergangenen Samstag beim Landesparteitag der Grünen Schlagzeilen aus dem Vorwahlkampf vorlas. „Dieser Tag wird niemals kommen, haben sie gesagt“, rief er seinen Parteikollegen zu. „Aber dieser Tag ist doch gekommen.“ Hinter Özdemir liegen harte Wochen. Noch am Wahlabend gab er sich lange zurückhaltend. Ließ sich erst zu später Stunde als Sieger feiern. Die Skepsis war berechtigt. Auf ein Wahlergebnis, das fast an den historischen Erfolg von Winfried Kretschmann aus dem Jahr 2021 heranreichte, folgte ein hartes Ringen mit der CDU, die ihre haarscharfe Niederlage erst noch verwinden musste.
Dass die Grünen am 8. März mit 30,2 Prozent hauchdünn vor den Christdemokraten liegen würden und Cem Özdemir an diesem Mittwoch aller Wahrscheinlichkeit nach zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewählt wird, hatte lange niemand vorhergesehen. Manche Umfragen hatten die CDU im Herbst noch mit 14 Prozentpunkten vorne gesehen. Damals war längst klar gewesen, dass die Politik der Bundesregierung im Wahlkampf wenig Unterstützung bieten würde und Cem Özdemir mit seiner Prominenz und Beliebtheit eine Ausnahme unter den Spitzenkandidaten darstellte. Trotzdem wurde milde belächelt, wer den Grünen im Herbst schon Siegchancen ausmalte.
Soziologe spricht von „Obama-Effekt“
Der Tübinger Soziologe Boris Nieswand nannte den Wahlsieg „historisch“. „Das hat mit der Ausnahmepersönlichkeit Cem Özdemirs zu tun. Wir haben eine Art Obama-Effekt gesehen“, sagte er im März. Özdemirs Demnächst-Vorgänger Winfried Kretschmann lobte am Wochenende den Wahlerfolg: „Es war dein Meisterstück“, sagte er zu Özdemir.
Dabei hat Özdemir in seiner Biografie längst bewiesen, dass er Widrigkeiten trotzen kann. So unwahrscheinlich der Wahlsieg so unwahrscheinlich war auch seine politische Karriere. Vom Gastarbeiterkind mit Schulproblemen, das ausgelacht wurde, weil es aufs Gymnasium wollte, arbeitete sich Cem Özdemir nach oben – in Zeiten, in denen noch niemand über Angebote für „gelungene Integration“ sprach. Erst schaffte er Hochschulreife und Fachhochschulstudium, dann wurde er mit 29 Jahren Bundestagsabgeordneter. 2002 kam der erste Rückschlag. Nach der sogenannten Bonus-Meilen-Affäre trat Özdemir damals – neben Gregor Gysi – zurück, obwohl auch andere Abgeordnete einräumen mussten, Flugmeilen privat genutzt zu haben.
Cem Özdemir mit seinem ersten Wahlplakat aus dem Bundestagswahlkampf 1994. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Es war nicht der einzige politische Dämpfer. Sein Comeback in den Bundestag wurde von den eigenen Parteifreunden torpediert. 2008 verweigerte ihm die Partei einen aussichtsreichen Listenplatz, weil Özdemir gleichzeitig Bundesvorsitzender der Grünen war. Die Trennung von Amt und Mandat wurde hochgehalten. Erst 2013 zog er in wieder in den Bundestag ein. Bei der Bundestagswahl 2017 war Özdemir zwar Spitzenkandidat der Grünen, unterlag aber im Kampf um den Fraktionsvorsitz.
Özdemirs Karriere bekam immer wieder Dämpfer
Und noch einen Umweg musste Özdemir in Kauf nehmen: 2021 bekam er nicht das von ihm erträumte Amt des Außenministers in der Ampel-Koalition – das war Parteichefin Annalena Baerbock vorbehalten – sondern übernahm zur großen Überraschung vieler das Landwirtschaftsressort. Eine Enttäuschung und gleichzeitig ein Glücksfall. Denn das Amt bescherte Özdemir die Möglichkeit sein Image vom städtischen Weltbürger zum heimatverbundenen Spitzenkandidaten zu wandeln. So häufig war der Bundeslandwirtschaftsminister in seinem eigenen Bundesland unterwegs, dass das sogar eine kleine Anfrage einer CDU-Bundestagsabgeordneten provozierte.
Als die Wut der Bauern über die Absenkung der Agrar-Dieselsubvention hochkochte, stellte sich Özdemir als Bundeslandwirtschaftsminister auf Bühnen und ließ sich von Demonstranten anbrüllen. Monatelang zog er unter Polizeischutz durchs Land und diskutierte mit wütenden Bauern. Nicht nur einmal gelang es ihm, die feindliche Stimmung vor hupenden Traktoren zumindest zu besänftigen.
2024 legten die Bauernproteste immer wieder das Land lahm. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Die Kandidatur als Nachfolger von Winfried Kretschmann, das wurde in den vergangenen Jahren deutlich, war von langer Hand vorbereitet. Und Özdemir, der schon als Parteichef betonte, wie wertkonservativ seine Partei ist, inszenierte sich als natürlicher Nachfolger – als konservativer Grüner, der auch für CDU-Wähler anschlussfähig ist, wie sich bei der Landtagswahl zeigte.
Selbst Parteifreunde hatten Zweifel
Zum Erfolg Özdemirs trug auch die Tatsache bei, dass die Grünen einen absoluten Medienprofi ins Rennen schickten, der – wie manche lästern – an keinem Mikrofon vorbeigeht und sicher auch nicht zufällig in der heißen Wahlkampfphase öffentlichkeitswirksam heiratet. Özdemir ist selbst in einer Halle voller kreischender Kinder in der Lage ein stolperfreies Grußwort in eine Kamera zu sprechen.
Dabei hatten selbst Parteifreunde wie der frühere Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon Zweifel, ob der Plan aufgeht. Özdemir selbst spricht dagegen gern von seinem „Ötzelbrötzel-Namen“ und davon, dass an Menschen wie ihn besondere Maßstäbe angelegt werden. „Das heißt, dass jemand mit meinem Hintergrund nochmal anders aufpassen muss als andere“, sagte er jüngst im Podcast mit Anne Will. Vielleicht nicht nur aufpassen, sondern auch härter arbeiten, um etwas zu erreichen.
Nicht zuletzt, so der Soziologe Boris Nieswand, habe das im Wahlkampf gesetzte Topos der Aufstiegsgeschichte dazu beigetragen, dass Cem Özdemir am Mittwoch voraussichtlich zum ersten deutschen Ministerpräsidenten mit türkischen Wurzeln gewählt wird. Denn indem er das höchste Amt im Bundesland bekleidet, verkörpere er, die Durchlässigkeit der Gesellschaft. Eine Zukunftsfrage, vor der die Gesellschaft stehe, so Nieswand. Özdemir zeige, dass „Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte, die sich anstrengen, sozialen Aufstieg erreichen können.“