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Große Skandale in Baden-Württemberg: Wie Lothar Späth die „Traumschiff-Affäre“ zum Verhängnis wurde


Die deutschen Ministerpräsidenten suchen seit jeher engen Umgang mit der Wirtschaft. Standortpolitik ist Chefsache. Doch kein anderer Ministerpräsident bewegte sich in diesem Milieu so leidenschaftlich wie Lothar Späth, von 1978 bis 1991 Regierungschef in Baden-Württemberg. Unsere Bildergalerie erklärt, wie Späth schließlich am absoluten Nahverhältnis zur Wirtschaft scheiterte.
factum/Konstantin Tschovikov
Elan, Witz und politische Kreativität zeichneten Späth aus. Seine quirlige Persönlichkeit kam nicht nur – wie hier im Bild – bei der Fastnacht im Südwesten zum Vorschein, sondern auch bei seinen zahlreichen Reisen. Wie ein Getriebener jettete Späth während seiner Amtszeit um die Welt.
Horst Rudel
Dienstliches, Parteipolitisches und Privates vermischten sich bei Späths Reisen oft. 450 Dienstreisen mit Firmenflugzeugen oder mit von Firmen bezahlten Charterjets sind überliefert, darunter 20 Reisen, die dann doch privat waren. Immer stand die Frage im Hintergrund: Zeigte sich Späth politisch erkenntlich? Gab es eine Gegenleistung?
Horst Rudel
Dass sich ein Ministerpräsident nicht Flüge von Unternehmen finanzieren lassen sollte, die mit dem Reiseanlass gar nichts zu tun hatten, wurde überhaupt nicht problematisiert. Dass aber eine Firma, die den Ministerpräsidenten bei sich haben wollte, für den gegebenenfalls notwendigen Flug aufzukommen habe, wurde als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Unternehmen rissen sich schließlich um Lothar Späth. Dieses Bild zeigt Späth (li) beim Tennisturnier auf dem Weissenhof.
Horst Rudel
Späths enges Verhältnis zu zahlreichen Wirtschaftsführern nahm kein gutes Ende. 1991 musste er sich den Fragen eines Untersuchungsausschusses stellen. Auslöser der sogenannten „Traumschiff-Affäre“, die schließlich in den Ausschuss mündete, war Helmut Lohr, Vorstandschef der Firma Standard Elektrik Lorenz (SEL) und Späths dickster Kumpel. Lohr hatte den Ministerpräsidenten und dessen Familie in unterschiedlichen Konstellationen mehrfach zu Urlaubsreisen eingeladen. 1984 und 1986 schipperte man durch die Ägäis, auf einer 26 Meter langen Motoryacht namens „Something cool“. Flüge und Schiff zahlte SEL. 90 000 Mark, berichtete der „Spiegel“, soll das gekostet haben. Späth sagte, er habe nicht gewusst, dass Lohr die Reise nicht selbst gezahlt, sondern über die Firma abgerechnet habe.
Michael Steinert
Der Untersuchungsausschuss machte Späths eigenes Verständnis seiner Nähe zur Wirtschaft deutlich. Mit der Beschaffung der Flugzeuge bei seinen zahlreichen Reisen habe er, beteuerte Späth im Untersuchungsausschuss, nichts zu tun gehabt. Er sei geflogen „mit dem, was da war“. Für den Politiker nahm sich seinerzeit der Flugdienst der baden-württembergischen Wirtschaft offenbar völlig normal aus, betrachtete er sich doch gewissermaßen als Vorstandschef einer imaginären Baden-Württemberg AG. Dieses Bild des Politikers stammt aus dem Jahr 1985.
Horst Rudel
Strafrechtlich blieb nichts an Späth hängen, auch wenn der Vorwurf der Einflussnahme seiner Freunde und Gönner wie ein übler Geruch über der landespolitischen Szenerie hing. Der Grünen-Abgeordnete Rezzo Schlauch befand in seinem Schlussvotum für den Untersuchungsausschuss: „Es bestand ein Abhängigkeitsverhältnis von Politik und Industrie, denn Lothar Späths Termine – dienstliche, private und parteipolitische – wären ohne die Hilfe der befreundeten Industrieführer nicht durchführbar gewesen.“ Das Bild oben zeigt Späth bei einer Prunksitzung in der Stuttgarter Liederhalle.
Andreas Weise
Als Vorstandschef der Jenoptik legte Späth nach seiner Zeit als Ministerpräsident eine zweite Karriere in der Wirtschaft hin, auch dabei waren seine Kontakte zur baden-württembergischen Wirtschaft hilfreich. Im Jahr 2016 starb Lothar Späth in hohen Ehren.
Lichtgut/Leif Piechowski