Kinder und Jugendliche im Kreis Esslingen
: Warum die AfD bei der U-18-Wahl im Raum Esslingen auf Platz 1 steht

An 29 Orten im Kreis Esslingen konnten Kinder und Jugendliche abstimmen, wen sie gerne im Bundestag sähen. Die Ergebnisse standen schon vor der eigentlichen Bundestagswahl fest: Im Wahlkreis Esslingen wäre die AfD auf Platz 1. Wie ist das einzuordnen?
Von
Greta Gramberg
Esslingen
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Wie in vielen Jugendhäusern gab es auch im „Areal“ in Leinfelden-Echterdingen eine Wahlkabine.

Kreisjugendring

Durch die vorgezogene Bundestagswahl sind viele junge Menschen, die kurz vor ihrem 18. Geburtstag stehen, von der Teilnahme ausgeschlossen. Einige von ihnen, die deswegen frustriert sind, haben stattdessen an der U-18-Wahl teilgenommen, erzählt Frederick Rau. Der 17-Jährige engagiert sich im Jugendbeteiligungsprojekt „Be Part“ der Stadt Kirchheim und des Kreisjugendrings Esslingen (KJR). Dieser hat in diesem Jahr erstmals flächendeckend die U-18-Wahl organisiert. Deren Ergebnis mag den ein oder anderen erschrecken. Den Verantwortlichen des KJR ist aber etwas anderes viel wichtiger.

Dass für Kinder und Jugendliche im Wahlkreis Esslingen beispielsweise die Rechtsaußenpartei AfD mit 23,2 Prozent vor den anderen steht, ist auf den ersten Blick überraschend. Bei der U-18-Wahl bundesweit ist die Linke an erster Stelle, die AfD erhält mit 15,5 Prozent weit weniger Stimmen, als es Umfragen für die Erwachsenen erwarten lassen. Sind Esslinger Jugendliche politisch mehr rechts einzuordnen als anderswo?

Einige Schüler haben aus Spaß AfD gewählt

Haben die U-18-Wahl mit organisiert (von links): Ralph Rieck,Veronika Hildebrand (Mehrgenerationenhaus Linde Kirchheim), Frederick Rau, Heike Banzhaf-Frasch, Michael Vöhringer und Jochen Baral.

Foto: Greta Gramberg

Der KJR-Geschäftsführer Ralph Rieck betont: „80 Prozent haben andere Parteien als die extrem Rechte gewählt.“ Hinzu kommt, dass nur ein kleiner Teil der Jugendlichen im Kreis Esslingen teilgenommen hat. 1764 Mädchen und Jungen sind in die Wahlkabinen gegangen, die vor allem in Jugendhäusern aufgestellt wurden – der Großteil der Kinder und Jugendlichen im Kreis Esslingen hat also keine Stimme abgegeben, beispielsweise weil der Weg zu einem der 29 Wahllokale zu aufwendig war oder sie die Informationen zur U-18-Wahl erst gar nicht erreicht haben. Zudem haben wohl nicht alle die Abstimmung ernst genommen. Darauf lässt eine Schilderung des Neuhausener Jugendhausleiters Jochen Baral schließen. Er hat mitbekommen, dass sich eine Schülergruppe aus Spaß zur Wahl der AfD verabredet hat.

Auffällig ist auch, dass die Ergebnisse in den Wahlkreisen Esslingen und Nürtingen sehr unterschiedlich sind. Im Raum Nürtingen hat die SPD mit 19,8 Prozent der Stimmen, gefolgt von den Grünen (16,8 Prozent), das Rennen gemacht.

Viele Jugendliche sind politisch interessiert

„Es ist mir ein bisschen wurscht“, sagt Ralph Rieck mit Blick auf die Ergebnisse. Im Vordergrund steht für den KJR-Geschäftsführer, junge Menschen zu Demokratinnen und Demokraten zu erziehen. Michael Vöhringer, Sozialarbeiter im Jugendhaus in Neckartenzlingen, hat im Rahmen der Wahlaktion mit vielen Jugendlichen gesprochen, Fragen beantwortet, aber auch erfahren, was sie bewegt. „Viele beschäftigt das Thema Finanzen stark.“ Aufgrund der gestiegenen Preise sei der Geldbeutel der Eltern kleiner mit Auswirkungen für die Kinder. Durch die U-18-Wahl hätten sich die Gespräche verändert, sagt Heike Banzhaf-Frasch von der Zehntscheuer in Deizisau. „Weil sich die Jugendlichen ernst genommen fühlen.“

Dass die meisten Teilnehmer Spaßwählerinnen und -wähler waren, können die KJR-Vertreter nicht bestätigen. Schließlich hätten sie die Hürde überwunden, ins Jugendhaus zu gehen, um ihre Stimme abzugeben, sagt Frederick Rau. „Von Erwachsenen wird Jugendbeteiligung gerne abgetan mit dem Vorurteil, dass wir eh kein Interesse haben.“

Dabei seien Jugendliche durchaus politisch interessiert. Michael Vöhringer schildert, dass viele erst mal skeptisch reagierten, weil sie es nicht gewohnt seien, nach ihrer Meinung gefragt zu werden. Auch er habe erlebt, dass einige mit dem Ziel zu provozieren ins Wahllokal gekommen seien, das aber nach einem Gespräch aufgegeben hätten. Auch Teile der Neuhausener Spaßwähler haben ihre Einstellung geändert. „Einem war es nicht wohl dabei, als wir die Stimmergebnisse vorgestellt haben. Er hat zu mir gesagt: Es war doch nur Spaß“, erzählt Jochen Baral. Er habe dem Jungen das Gespräch angeboten.

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