Kunstausstellung in Welzheim
: Freund des Sohnes, Nachbarstochter oder Handwerker standen der Künstlerin Modell

Sie hatte ihren eigenen Kopf und modellierte für ihr Leben gern Köpfe anderer Menschen. Das Museum Welzheim zeigt zum 100. Geburtstag Arbeiten der Künstlerin Ruth Grabert-Armingeon.
Von
Annette Clauß
Rems Murr Kreis
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Stuttgarter Zeitung

Menschen haben Ruth Grabert-Armingeon fasziniert. Ganz besonders ihre Köpfe. „Meine Mutter hat oft gesagt: Der hat einen guten Kopf, den muss ich modellieren“, erinnert sich ihr Sohn Markus Grabert. Der Schulkamerad des Sohnes, die Nachbarstochter, der Handwerker, der eigentlich zu einer Reparatur ins Haus kam – sie und viele andere haben der am 11. November 2015 verstorbenen Künstlerin einst Modell gestanden. Sie hat aus Ton ganz besondere dreidimensionale Porträts von ihnen erschaffen.

Eine kleine Auswahl davon ist nun im Museum Welzheim (Rems-Murr-Kreis) ausgestellt. Anlässlich des 100. Geburtstags der Mutter am 26. August haben die Söhne Markus und Thomas die Ausstellung „Ruth Grabert-Armingeon – Leben und Werk“ zusammengestellt. Sie konnten aus dem Vollen schöpfen: Zu sehen sind Plastiken wie die preisgekrönte „Kleine Eva“ oder die von Franz Josef Degenhardts Lied inspirierten „Schmuddelkinder“, aber auch Karikaturen, Pflanzenstudien, kunstvolle Scherenschnitte, Skizzen und sogar Zeichnungen aus der Kindheit.

Eine Zeichnung von Rotkäppchens Begegnung mit dem Wolf zeigt, welches Talent in der Tochter eines Stuttgarter Bäckers aus Neuwirtshaus steckte: Bereits damals beherrschte Ruth das perspektivische Zeichnen. Den Wald mit den Bäumen hat sie so zu Papier gebracht, dass ein dreidimensionaler Eindruck entsteht. Die Blumen sind detailreich und realistisch gemalt, ebenso das Rotkäppchen.

Schwieriges Verhältnis zur Mutter

Markus Grabert mit der preisgekrönten Skulptur „Kleine Eva“.

Foto: Annette Clauß

„Meine Mutter hat vieles aufgeschrieben“, erzählt Markus Grabert, der für die Ausstellung nicht nur diese Aufzeichnungen, sondern auch Briefe seiner Großmutter Lina ausgewertet hat. Das Verhältnis zwischen Tochter und Mutter war nicht das beste. Eine Karikatur von Ruth zeigt die Mutter mit erhobenem Zeigefinger. Ihren Plan, die Tochter nach der Schule als Haushaltshilfe zu vermitteln, durchkreuzte Ruth, indem sie sich zum Landdienst meldete.

Diese zwei Brüder hat Ruth Grabert-Armingeon Mitte der 1980er Jahre porträtiert.

Foto: Annette Clauß

„Sie hat immer ihren eigenen Kopf gehabt“, sagt Markus Grabert. Das verdeutlicht ein altes Foto der Familie Armingeon: Ruths Eltern, die Brüder und die Schwester schauen allesamt in die Kamera. Ruth schaut zu Boden. Eines ihrer Selbstporträts hat sie mit dem Titel „Das zornige Kind“ überschrieben. „Von ihrem Vater war sie sehr angetan“, erzählt Markus Grabert. Dessen Vorfahren waren Waldenser – Mitglieder einer reformierten Kirche in Italien, die im späten 17. Jahrhundert vor Verfolgung nach Württemberg flohen.

Ausbildung als Chemotechnikerin

Die künstlerische Begabung der Tochter sah der Vater positiv – aber nur als Freizeitbeschäftigung. 1944 begann Ruth eine Ausbildung als Chemotechnikerin bei Kast + Ehinger in Zuffenhausen. Ein Jahr zuvor hatte sie den Bildhauer Fritz Nuss kennengelernt. Nach dem Abschluss ihrer Lehre zog sie 1946 in dessen Wohnort Strümpfelbach und lernte bei und von ihm. Danach besuchte sie die Staatliche Akademie der Künste in Stuttgart, wo sie ihren Mann Kurt Grabert, einen Bildhauer und Grafikdesigner, traf. Sie heirateten, lebten einige Zeit am Bodensee und zogen 1956 mit den Söhnen nach Berglen-Hößlinswart. Das Geld sei im doppelten Künstlerhaushalt oft knapp gewesen, erzählt Markus Grabert.

Größere Aufträge kamen dann nach dem Umzug der Familie nach Welzheim im Jahr 1963. Für die topmoderne Bürgfeldschule in Welzheim schuf das Paar mehrere Kunstwerke. Von 1969 an arbeitete Ruth Grabert-Armingeon wieder als Chemotechnikerin. „Jetzt hatte sie ihr eigenes Geld und konnte in der Kunst tun und lassen, was sie wollte“, sagt Markus Grabert, dessen Eltern sich 1974 scheiden ließen. Obwohl Ruth Grabert-Armingeon zahlreiche kreative Spuren hinterließ, schweigt sich das Internet über sie aus. Nur im Wikipedia-Eintrag ihres Ex-Mannes wird sie am Rande erwähnt. Es ist also Zeit für eine Ausstellung wie die in Welzheim.

Ruth Grabert-Armingeon

Ausstellung
Die Schau in der Pfarrstraße 8 eröffnet am 31. August, 14 Uhr, und läuft bis zum 4. Januar. Geöffnet ist sonntags von 13 bis 16 Uhr.

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