Aufbruch in Stuttgart?: Was für eine Stadt!


Dauer-Baustelle Stuttgart 21
Christoph Schmidt/dpaImmer schön optimistisch bleiben, auch wenn’s schwer fällt. Wie das geht, demonstrierte uns diese Woche kein Geringerer als Bundeskanzler Friedrich Merz. Der Jubel-Post aus dem Kanzleramt nach dem krachendem Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft hebt die Kunst des Motivationstrainings auf eine neue Stufe: „Was für ein Spiel! Mit Eurem Einsatz und Teamgeist habt Ihr unser Land begeistert“, lautete die Botschaft. Wie auch immer sie zustande kam und wer immer den Entwurf versandt hat, wir folgern daraus, dass man die Realität nur hartnäckig genug ausblenden muss, schon sieht die Welt ganz anders aus. Viel angenehmer!
Dieser blinde Zuspruch darf gerne auch als Vorlage für alle anderen Situationen dienen, in denen eine Motivationsspritze hilfreich ist. Beispiel Stuttgart 21: „Was für eine Baustelle, liebe Deutsche Bahn! Mit Eurem Einsatz und Eurem Teamgeist habt Ihr unsere Stadt begeistert.“ Oder: „Was für eine Strukturkrise, liebe Politik! Mit Eurem jahrelangen Aufschieben von Reformen habt Ihr uns in beispielloser Weise gezeigt, wie man es nicht macht!“ Seit dieser Woche tut sich offenbar etwas. Das Reformpaket aus Berlin bringt bei aller Kritik, die sich daran entzündet, Bewegung in den Stillstand.
Mehr Miteinander, weniger Gegeneinander
Doch ganz im Ernst: In der aktuellen Lage, die vielen Vieles abverlangt, könnte auch eine kreative Chance liegen. Es ist notwendig, eingefahrene Bahnen zu verlassen, Dinge anders, neu und stärker zusammen zu denken. Gerade auch auf lokaler Ebene. Ansätze davon waren am Donnerstag bei einer Diskussionsrunde des „Netzwerks gegen Rechts - für eine bessere Demokratie“ im Württembergischen Kunstverein mit Alexander Kotz (CDU), Petra Rühle (Grüne), Jasmin Meergans (SPD/Volt) und Hannes Rockenbauch (SÖS/Linke-plus) zu besichtigen. Es ging um die Frage, wofür hat die Stadt Stuttgart, die bis 2031 weitere 700 Millionen Euro einsparen soll, überhaupt noch Geld? Auffällig war die Herangehensweise der vier Fraktionsvorsitzenden: mehr Miteinander, weniger Gegeneinander. Das stimmt optimistisch.
Bei der Gelegenheit: Im Alten Schauspielhaus sind aktuell „Die Optimistinnen“ zu sehen. Ein Stück über die Kraft der lange Zeit wenig beachteten, ersten „Gastarbeiter“-Frauen in Deutschland. Hier gilt in der Tat: „Was für ein Spiel!“ Und: „Danke, mit Eurem Einsatz habt ihr unser Land seinerzeit mit vorangebracht!“