Image der Landeshauptstadt: Das Stuttgart-Bild hängt schief


Frei nach Loriot: das Bild von Stuttgart hängt schief.
Christoph SchmidtStuttgart ist . . . Ja, was ist Stuttgart eigentlich? Wissen Sie’s? An Bildern und Zustandsbeschreibungen fehlt es nicht. Weit verbreitet ist das Bild von Stuttgart als Wiege des Automobils. Ein Bild, das inzwischen viele Kratzer hat - und dabei handelt es sich nicht um Lackschäden, sondern um tiefe Einschnitte in Folge der Auto-Krise und der Transformation. Verbreitet ist auch das Bild der Kulturstadt. Aufgrund der Etat-Kürzungen und der Hängepartie um die Oper hängt es seinerseits leicht schief. Was daraus was folgen kann, wissen wir von Loriot . . .
Dazu kommen viele andere, dem Ursprung nach ebenfalls positiv besetzten Bilder: Stuttgart als Stadt des Ehrenamts, des Sports oder der Architekten. Hierbei fällt auch: viele Beschreibungen sind älteren Datums und von der Zeit teils eingeholt worden. Neue sind wenige hinzugekommen. Und wenn, dann oft wenig schmeichelhafte. Stichwort Stuttgart 21. Überhaupt: die Stadt der Baustellen. Von da ist es nicht weit zu der oft gehörten Feststellung, Stuttgart sei nicht mehr, was es mal war.
Aktuell fällt auf, dass Stuttgart bunt und „Pride“ ist. Regenbogenfarben überall. Das stärkt seinen Ruf, weltoffen zu sein. Der hat erfreulicherweise nicht gelitten, sondern dürfte an diesem CSD-Wochenende bestätigt werden. Allerdings ist die zuerst von Manfred Rommel gepflegte Weltoffenheit nicht in eine größere Stuttgart-Erzählung eingebunden. Symptomatisch dafür ist das Fehlen eines Stuttgart-Slogans. Der alte Slogan vom „Wald und den Reben“ aus den 1930er Jahren ist vergoren. Er beschreibt keine Weite. Auch Superlative und San-Francisco-Vergleiche führen nicht weiter.
Ein Narrativ ist definiert als „sinnstiftende, wertbesetzte Erzählung“. Etwas, das ein Image transportiert, eine emotionale Bindung schafft und die Wahrnehmung innen wie außen prägt. Hat Stuttgart so etwas? Nein, nicht mehr! Braucht die Stadt das? Ja, unbedingt, sonst besteht die Gefahr, dass Stuttgart mehr und mehr mit der Stuttgart-21-Erzählung gleichgesetzt wird, sich eine Identitätskrise entwickelt und die Stadt an Anziehungskraft verliert.
„Stuttgart, eine Stadt der Zuversicht“ - klingt gut
In Stuttgart gibt es Vieles, was zu einem neuen Pro-Stuttgart-Narrativ verdichtet werden könnte. Kulturelle Exzellenz, Kreativität und Weltoffenheit gehören dazu. Auch der Gedanke, den jüngst Theaterhauschef Werner Schretzmeier formulierte: „Stuttgart, eine Stadt der Zuversicht.“ Daran gilt es zu arbeiten, wobei der Stoff der Erzählung authentisch sein muss.
Als Leitspruch könnte ein Rommel-Satz dienen, der an der Fassade des Bezirksrathauses in Degerloch seht und wie eine Aufforderung wirkt: „Das Gute kritisch sehen, um das Bessere zu erreichen.“
