Ghosting in Freundschaften
: Alles kann, nichts muss? Eine Erklärung muss sein

Neue Freundschaften zu knüpfen, ist heute leicht. Sie wieder loszuwerden, oft noch leichter. Doch Ghosting hinterlässt Fragen, Schmerz und Sprachlosigkeit. Unsere Autorin kennt das Gefühl.
Kommentar von
Emily Rehmet
Stuttgart
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Unsere Autorin Emily wurde sogar schon von ihrer besten Freundin geghostet. Sie sieht darin ein Problem ihrer Generation.

privat

Ich wurde geghostet. Von Bekannten, von Dating-Personen, und zuletzt sogar von meiner besten Freundin. Was bleibt, ist nächtelanges Grübeln und immer wieder dieselbe Frage: Was habe ich falsch gemacht? Die Schuld suche ich – wie soll es anders sein – zuerst bei mir.

Am schlimmsten ist diese Stille. Dieses Hoffen, wenn man zum hundertsten Mal aufs Handy schaut. Ich frage mich dann, ob der Person wirklich gar nichts mehr an mir liegt. Dabei haben wir zusammen gelacht, Sorgen geteilt, Ängste ausgesprochen und uns gegenseitig Halt gegeben. Woher kommt plötzlich dieses Bedürfnis, all das einfach wegzuwerfen? Für die Person, die geht, ist es leicht. Für die Person, die zurückbleibt, ist es zum Verzweifeln.

84 Prozent der Gen Z wurden schon geghostet

Dass jemand nicht einmal den Mut aufbringt, einen einzigen Abschiedssatz zu formulieren, finde ich ehrlich gesagt ziemlich heftig. Dabei würde genau das schon reichen, um Klarheit zu schaffen. Für mich hat das auch mit Verantwortung zu tun. Und auch wenn Verbindlichkeit für viele in der Gen Z nicht unbedingt an erster Stelle steht, bin ich überzeugt: Wir sind unseren Mitmenschen eine Erklärung schuldig. Probleme gehören schließlich zu jeder Beziehung dazu.

Laut einer Studie des Thriving Center of Psychology wurden 84 Prozent der Gen Z schon einmal geghostet. Jede zweite Person sogar von einem engen Freund oder einer engen Freundin. Natürlich konnte man auch früher Konflikten aus dem Weg gehen. Aber Social Media und Co. haben diese Form des Rückzugs auf ein neues Level gehoben. In digitalen Räumen bleibt das eigene Verhalten oft ohne direkte Konsequenzen. Zumindest für diejenigen, die einfach verschwinden. Trotzdem erwarte ich von unserer Generation dieselbe Fähigkeit, Konflikte auszuhalten und auszutragen, wie von jeder anderen auch.

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Der Drang nach Unabhängigkeit verletzt andere

Zwischenmenschliche Verpflichtungen? Darauf haben viele scheinbar keinen Bock. Neue Freundschaften zu knüpfen, ist heute leicht. Sie wieder loszuwerden, oft noch leichter. Verbindlichkeit wirkt auf viele eher abschreckend. Ganz nach dem Motto: Alles kann, nichts muss. Dass dieser ständige Drang nach Unabhängigkeit andere verletzt, wird dabei oft einfach ausgeblendet.

Ich verstehe ja, dass viele Menschen, die ghosten, vielleicht überfordert oder unsicher sind oder nie gelernt haben, Konflikte auszutragen. Auch ich bin manchmal schon von einer Nachricht zu viel überfordert. Dann versuche ich aber wenigstens zu sagen, dass eine Antwort später kommt. Menschen einfach ohne Erklärung zurückzulassen, finde ich nicht in richtig.

Sind wir bindungsunfähig geworden?

Freundschaften heute finde ich oft einfach nur anstrengend. Führt das alles dazu, dass wir irgendwann keine neuen Freundschaften mehr eingehen, aus Angst, wieder geghostet zu werden? Sind wir so bindungsunfähig geworden?

Manchmal wünsche ich mir deshalb, in einer anderen Welt aufgewachsen zu sein. In einer Welt, in der ich mich auf meine Freund:innen verlassen kann und Gefühle klar ausgesprochen werden. In einer Welt, in der man kurz zum Hörer greift, um einen Streit zu klären.