Aktuelle Umfragewerte aus Sachsen-Anhalt
: Wird die Brandmauer für die AfD bedeutungslos?

In Sachsen-Anhalt liegt die AfD laut aktuellen Umfragen konstant bei über 40 %. Könnte die Brandmauer möglicherweise hinfällig werden?
Von
Lukas Böhl
Berlin
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Fahne mit AfD-Logo

Fahne mit AfD-Logo.

Daniel Karmann/dpa

Wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeichnet sich eine ungewöhnliche Konstellation ab: Die AfD liegt in den Umfragen nicht nur deutlich vor allen anderen Parteien – sie kommt inzwischen in die Nähe einer parlamentarischen Mehrheit. Damit stellt sich eine Frage, die über die üblichen Debatten über mögliche Koalitionen hinausgeht: Was passiert mit der sogenannten Brandmauer, wenn die AfD für eine Regierungsmehrheit womöglich gar keinen Partner mehr braucht?

AfD laut Umfrage bei 42 %

Die jüngste INSA-Umfrage vom 10. August 2026 sieht die AfD bei 42 Prozent. Die CDU erreicht demnach 22 Prozent, die Linke 13 Prozent, die SPD sechs Prozent und das BSW fünf Prozent. Grüne und FDP liegen mit jeweils vier Prozent unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde. Eine Ende Juli veröffentlichte Umfrage von Infratest dimap hatte ein ähnliches Bild ergeben: AfD 41 Prozent, CDU 24 Prozent und Linke 13 Prozent.

Damit hat sich der Abstand zwischen AfD und CDU erheblich vergrößert. Noch im Juni 2025 hatte INSA die CDU bei 34 und die AfD bei 30 Prozent gesehen. Seit Herbst 2025 liegt die AfD in den veröffentlichten Umfragen dagegen durchgehend zwischen 38 und 42 Prozent. Bei der Landtagswahl 2021 hatte sie lediglich 20,8 Prozent erreicht.

42 Prozent könnten im Extremfall für die Mehrheit reichen

Entscheidend ist dabei nicht allein der Stimmenanteil der AfD. Für die Zusammensetzung des Landtags spielt eine große Rolle, wie viele Stimmen auf Parteien entfallen, die an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.

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Nach dem Wahlgesetz werden bei der proportionalen Sitzverteilung nur Parteien berücksichtigt, die mindestens fünf Prozent der gültigen Zweitstimmen erhalten. Der kommende Landtag besteht regulär aus mindestens 83 Abgeordneten, davon werden 41 direkt in den Wahlkreisen gewählt.

Genau hier wird die aktuelle INSA-Umfrage interessant. Bleibt das BSW mit den ausgewiesenen fünf Prozent im Landtag, kämen CDU, SPD, Linke, AfD und BSW zusammen auf 88 Prozent der Stimmen. Die 42 Prozent der AfD entsprächen dann rechnerisch knapp 48 Prozent der für die Sitzverteilung relevanten Stimmen. Für eine absolute Mehrheit würde das nicht reichen.

Anders sähe es aus, wenn neben Grünen und FDP auch das BSW an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würde. Dann entfielen nach den aktuellen INSA-Zahlen insgesamt 17 Prozent der Stimmen auf Parteien, die bei der proportionalen Sitzverteilung nicht berücksichtigt würden. CDU, SPD, Linke und AfD kämen zusammen auf 83 Prozent – davon entfielen 42 Prozentpunkte auf die AfD.

Das wären rechnerisch rund 50,6 Prozent der berücksichtigten Stimmen. In einem vereinfachten Modell auf Grundlage der gerundeten Umfragewerte könnte die AfD damit tatsächlich eine eigene Mehrheit erreichen. Das Wahlrecht sieht allerdings unter anderem Direktmandate und mögliche Mehrsitze vor, sodass sich aus einer Umfrage keine exakte spätere Sitzverteilung ableiten lässt.

Hinzu kommt: Ein ausgewiesener Umfragewert von fünf Prozent bedeutet nicht, dass eine Partei am Wahltag tatsächlich exakt diese Marke erreicht. Schon geringe Verschiebungen könnten deshalb darüber entscheiden, ob es für die AfD nur zu einer sehr großen Fraktion oder tatsächlich zu einer absoluten Mehrheit reicht.

Was würde eine absolute Mehrheit für die Brandmauer bedeuten?

Bislang dreht sich die Diskussion über die „Brandmauer“ vor allem darum, ob andere Parteien mit der AfD koalieren, sie bei Abstimmungen unterstützen oder sich von ihr unterstützen lassen. Das Konzept funktioniert politisch jedoch nur so lange als Hindernis für eine AfD-Regierung, wie die Partei auf Stimmen anderer Fraktionen angewiesen ist.

Hätte die AfD nach der Wahl mehr als die Hälfte der Sitze, wäre diese Voraussetzung nicht mehr gegeben. Sie könnte einen eigenen Kandidaten im ersten Wahlgang zum Ministerpräsidenten wählen. Nach der Landesverfassung benötigt ein Kandidat dafür die Mehrheit aller Mitglieder des Landtags. Der gewählte Ministerpräsident ernennt anschließend die Minister der Landesregierung.

In diesem Szenario wäre die Brandmauer nicht im wörtlichen Sinne verschwunden. CDU, SPD, Linke und andere Parteien könnten eine Zusammenarbeit mit der AfD weiterhin ablehnen. Für die Bildung einer Landesregierung könnte diese Ablehnung aber bedeutungslos werden, weil die AfD ihre Mehrheit ohne einen Koalitionspartner organisieren könnte.

Davon ist Sachsen-Anhalt nach den aktuellen Zahlen noch einen entscheidenden Schritt entfernt. In der jüngsten Umfrage steht das BSW genau bei fünf Prozent. Bleibt es oberhalb der Hürde, hätte die AfD trotz 42 Prozent keine eigene Mehrheit. Auch die Infratest-dimap-Umfrage mit 41 Prozent für die AfD ergibt keine absolute Mehrheit.

Regierungsbildung wird schwierig

Die Landtagswahl findet am 6. September 2026 statt. Bis dahin bleiben Umfragen Momentaufnahmen. Klar ist aber bereits jetzt: Die politische Bedeutung der Brandmauer hängt in Sachsen-Anhalt zunehmend nicht nur davon ab, wie sich CDU und andere Parteien zur AfD positionieren. Sie hängt auch an einer nüchternen mathematischen Frage – wie viele Parteien am Ende überhaupt den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen.

Gleichzeitig dürfte auch eine Regierungsbildung ohne die AfD schwierig werden. Je stärker die AfD wird, desto weniger Sitze bleiben für mögliche Mehrheiten der übrigen Parteien. Je nach Wahlausgang könnten dafür Bündnisse nötig werden, die politisch bislang nur schwer vorstellbar sind.