Mangelhaftes Demokratiebewusstsein
: Philosoph Sloterdijk: Deutschlands Bürger sind politisch unreif

Von Haus aus ist Peter Sloterdijk Philosoph. Und als solcher macht er sich hauptberuflich Gedanken: Zum Beispiel über die Verführbarkeit des Menschen und die Mängel im System der westlichen Demokratien. Die Quintessenz seines Denkens ist für Politiker und Bürger gleichermaßen wenig erfreulich.
Von
Markus Brauer
Berlin
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Philosoph Peter Sloterdijk auf der Phil.Cologne 2026 im WDR-Funkhaus am Wallrafplatz in Köln: Der Philosoph geht mit Politikern und Bürgern hart ins Gericht.

Philosoph Peter Sloterdijk auf der Phil.Cologne 2026 im WDR-Funkhaus am Wallrafplatz in Köln: Der Philosoph geht mit Politikern und Bürgern hart ins Gericht.

Imago/Panama Pictures
  • Sloterdijk kritisiert mangelnde politische Reife und ein schwaches Demokratieverständnis.
  • Er nennt Trump einen „falstaffartigen Tölpel“ und sieht verbreiteten politischen Infantilismus.
  • Repräsentation stoße an Grenzen: Bürger würden zwischen Wahlen „ausgeschaltet“, so Sloterdijk.
  • Demagogen punkten mit fertigen Scheinwelten – Emotionen dominieren über Logik und Fakten.
  • Über deutsche Spitzenpolitiker urteilt er hart: große Rollen, aber keine wirklich große Person.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Dass die Menschheit extrem anfällig ist für die Botschaften von Demagogen und Populisten weiß man nicht erst seit Donald Trump. Schuld daran ist vor allem die menschliche Unvernunft, wie schon der Humanist Erasmus von Rotterdam vor fast 500 Jahren wusste. „Es ist töricht, wenn man glaubt, auf den Dingen selbst beruhe das menschliche Glück. Von den Meinungen hängt es ab.“

Dieser Satz ist nicht etwa, wie man vermuten könnte, der Debatte um „Post-truth-politics“, der postfaktischen Politik, und Renaissance des Populismus entnommen. Er stammt von dem berühmtesten Philosophen des Humanismus, Erasmus von Rotterdam (1466-1536).

 „Es ist töricht, wenn man glaubt, auf den Dingen selbst beruhe das menschliche Glück. Von den Meinungen hängt es ab", meint der Renaissance-Philosoph Erasmus von Rotterdam.

„Es ist töricht, wenn man glaubt, auf den Dingen selbst beruhe das menschliche Glück. Von den Meinungen hängt es ab", meint der Renaissance-Philosoph Erasmus von Rotterdam.

Imago/H. Tschanz-Hofmann

Mensch ist ein „Homo irrationalis“

Erasmus’ berühmte Satireschrift „Lob der Torheit“ lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Der Mensch ist ein „Homo irrationalis“. Auch wenn das Irrationale den sachlichen und ethischen Ansprüchen vernünftigen Denkens und Handeln nicht genügt, hat es doch eine stupende Wirkung. Vernunft, Verstand, Logik – alles überschätzt.

Peter Sloterdijk dürfte als hochgebildeter Autor Erasmus' Schriften wie seine Westentasche kennen. Wie seinerzeit der Renaissance-Denker hat auch er mit seinen Beiträgen und Büchern zahlreiche Debatten ausgelöst.

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Anders als Politiker kann der Philosoph Tacheles reden und schreiben, ohne zu fürchten, bei der nächsten Wahl durchzufallen. Diese geistige Unabhängigkeit nutzt der Kulturwissenschaftler, um den Menschen einen Spiegel vorzuhalten und ihnen schonungslos ihr Fehlverhalten und genüsslich ihre Versäumnisse vor Augen zu führen.

Trump, ein „falstaffartiger Tölpel“

Jetzt hat der 79-Jährige wieder sein Wort erhoben und den Bürgern in vielen westlichen Gesellschaften fehlende Reife unterstellt. Das zeige sich etwa beim Umgang mit US-Präsident Donald Trump, sagte Sloterdijk dem „Focus“.

„Er unterhält die Massen mit seiner groben Jovialität und seinem grenzenlosen Narzissmus. Für den Zuschauer gibt es nichts Unterhaltsameres, als einem Größenwahnsinnigen zuzusehen.“

„Er unterhält die Massen mit seiner groben Jovialität und seinem grenzenlosen Narzissmus. Für den Zuschauer gibt es nichts Unterhaltsameres, als einem Größenwahnsinnigen zuzusehen.“

Saul Loeb/Pool AFP/AP/dpa

Der US-Präsident gehöre in die Kategorie der „falstaffartigen Tölpel“, erklärt Sloterdijk. „Er unterhält die Massen mit seiner groben Jovialität und seinem grenzenlosen Narzissmus. Für den Zuschauer gibt es nichts Unterhaltsameres, als einem Größenwahnsinnigen zuzusehen.“

Der US-Präsident gehöre in die Kategorie der „falstaffartigen Tölpel“, erklärt Sloterdijk:  Der englische Bühnen- und Filmschauspiele Herbert Beerbohm Tree (1853-1917) als Falstaff in "Merry Wives of Windsor"

Der US-Präsident gehöre in die Kategorie der „falstaffartigen Tölpel“, erklärt Sloterdijk: Der englische Bühnen- und Filmschauspiele Herbert Beerbohm Tree (1853-1917) als Falstaff in "Merry Wives of Windsor"

Imago/World History Archive

„Der Rest ist Hauptstadtjournalismus und Politbarometer“

Dass das Publikum einer solchen Art der Unterhaltung den Vorzug vor politischer Seriosität gebe, liege daran, „dass viele Menschen mit der Lebensform des Bürgers in einem politischen Gemeinwesen nicht zurechtkommen“, analysiert Sloterdijk. „Sie würden das politische Spektakel am liebsten gar nicht mitansehen müssen. Sie wünschen sich eine Großfamilie, in der Streit vermieden wird. Dabei ist Streit das Wesen des Politischen.“

Die Stärke der Demagogen beruhe darauf, „dass sie so tun, als könnten sie fertige Welten liefern“. Dessen ungeachtet fühle sich der normale Bürger von politischen Debatten oft kaum mitgenommen. „Das liegt auch daran, dass das Prinzip der Repräsentation in großen Staaten an seine Grenzen stößt“, beklagt Sloterdijk.

„Bei uns läuft Politik weitgehend über die periodische Ausschaltung des Bürgers. Er darf alle paar Jahre abstimmen und gilt dann wieder als ausreichend beteiligt. Der Rest ist Hauptstadtjournalismus und Politbarometer.“

„Sammelsurium ratloser Angeber“

Das Wesen der Demokratie sei an das Versprechen permanenter und spürbarer Verbesserungen geknüpft, fügt Sloterdijk hinzu. Wenn sich nichts mehr bessert, liege Resignation nahe. „Dann denkt sich mancher: Ich kann es ja auch einmal mit der AfD probieren. Und doch erwartet kein vernünftiger Mensch von diesem Sammelsurium ratloser Angeber auch nur die geringste Verbesserung.“

„Dann denkt sich mancher: Ich kann es ja auch einmal mit der AfD probieren. Und doch erwartet kein vernünftiger Mensch von diesem Sammelsurium ratloser Angeber auch nur die geringste Verbesserung" (Sichtschutzaufsteller stehen am 17. Juli 2026 beim Aufstellungsparteitag der AfD im nordrhein-westfälischen Marl auf den Tischen der Delegierten).

„Dann denkt sich mancher: Ich kann es ja auch einmal mit der AfD probieren. Und doch erwartet kein vernünftiger Mensch von diesem Sammelsurium ratloser Angeber auch nur die geringste Verbesserung" (Sichtschutzaufsteller stehen am 17. Juli 2026 beim Aufstellungsparteitag der AfD im nordrhein-westfälischen Marl auf den Tischen der Delegierten).

Henning Kaiser/dpa

Doch auch unter aktuellen deutschen Spitzenpolitikern finden sich nach Ansicht Sloterdijk's derzeit nur wenig echte Talente. „Aktuell haben wir nur Kandidaten für große Rollen, aber keine wirklich große Person. Es ist wie in einer Oper, in der die Rolle eines Königs besetzt werden muss. Mehrere Sänger können dafür vorsingen, aber keiner von ihnen ist ein König.“

Bundeskanzler Friedrich Merz (70) attestiert Sloterdijk „20 Jahre Trainingsrückstand im politischen Betrieb“. Der Kanzler beherrsche viele Situationen nicht mit der Selbstverständlichkeit eines langjährigen Profis und vergreife sich ständig im Ton. „Wäre Merz ein Fußballer, würde man ihn öfter auf die Bank setzen.“

Bundeskanzler Friedrich Merz (70) attestiert Sloterdijk „20 Jahre Trainingsrückstand im politischen Betrieb“. Der Kanzler beherrsche viele Situationen nicht mit der Selbstverständlichkeit eines langjährigen Profis und vergreife sich ständig im Ton

Bundeskanzler Friedrich Merz (70) attestiert Sloterdijk „20 Jahre Trainingsrückstand im politischen Betrieb“. Der Kanzler beherrsche viele Situationen nicht mit der Selbstverständlichkeit eines langjährigen Profis und vergreife sich ständig im Ton

Rolf Vennenbernd/dpa

Politik von großen Kindern für Kinder

Generell werde Politik oft von großen Kindern gemacht, kritisiert Sloterdijk. Bei US-Präsident Donald Trump sehe man Infantilismus pur. Auch Ungarns inzwischen abgewählter Regierungschef Viktor Orbán wirke mit seinem Schmollmund „wie ein trotziger Vierjähriger, der seiner Mama in Brüssel sein Ich-will-nicht entgegensetzte“.

Dieser Trotz sei zu eigenem politischen Hauptmerkmal geworden, auch auf der linken Seite des politischen Spektrums. „Es geht vielen nicht mehr um ein gutes Leben, sondern darum, den eigenen Hass loszuwerden.“

„Logik ist das letzte, was das Gehirn tut“

Dass die Menschheit extrem anfällig ist für die Botschaften von Demagogen und Populisten weiß man nicht erst seit Donald Trump und Viktor Orbán. Glaubt man Hirnforschern sind deren Erfolge vor allem auf das Wesen des menschlichen Denkorgans zurückführen: Das Gehirn und seine Entscheidungen wird sehr viel stärker von Gefühlen gelenkt als von der Vernunft. „Logik ist das letzte, was das Gehirn tut“, konstatiert die britische Hirnforscherin Susan Greenfield.

 „Logik ist das letzte, was das Gehirn tut“, konstatiert die britische Hirnforscherin Susan Greenfield.

„Logik ist das letzte, was das Gehirn tut“, konstatiert die britische Hirnforscherin Susan Greenfield.

Imago/Zoonar

Dass Politik von Gefühlen lebt und diese weckt, gehört zu ihren ureigensten Aufgaben. Politiker suggerieren den Bürgern, dass sie eingemauert werden müssen, um ihr Leben wie bisher weiterführen zu können. Sie diskreditieren ihre Gegner so lange, bis eine Mehrheit die Unwahrheiten für wahr hält. Sie nutzen die politische Ahnungslosigkeit der meisten aus und erheben deren Nichtwissen zum allgemeinen Goldstandard.

Klaviatur der Emotionen

Populisten beherrschen die internationale Bühne, weil sie auf der Klaviatur der Emotionen und Irrationalität so meisterhaft spielen. Sie können mit abstrusen Vorwürfen überschütten oder mit dem Finger auf andere zeigen, die schuld seien – und damit nicht nur bei ihren Anhängern punkten.

Humbug, der jeder rationalen Grundlage entbehrt, lässt sich mit Vernunft schlecht widerlegen. Genau dies ist das Prinzip des Irrationalen: Wenn man etwas nur laut genug im Brustton der Überzeugung hinausposaunt, glauben es viele.

Schachzüge des Irrationalen

Dahinter steckt in aller Regel eine sehr rationale Strategie. Die Schachzüge eines scheinbar irrational Handelnden lassen sich nur schwer vorhersagen, weil die anderen nicht wissen, was er als nächstes vorhat.

Demagogen und Populisten können zudem darauf vertrauen, dass ihre frei erfundene, fiktive Welt von vielen als wahre Realität wahrgenommen wird. Moderne Massen würden, schreibt die Philosophin Hannah Arendt (1906-1975), „so wenig durch Tatsachen überzeugt, dass selbst erlogene Tatsachen keinen Eindruck auf sie machen“.

Moderne Massen würden, schreibt die Philosophin Hannah Arendt (1906-1975), „so wenig durch Tatsachen überzeugt, dass selbst erlogene Tatsachen keinen Eindruck auf sie machen“.

Moderne Massen würden, schreibt die Philosophin Hannah Arendt (1906-1975), „so wenig durch Tatsachen überzeugt, dass selbst erlogene Tatsachen keinen Eindruck auf sie machen“.

Imago/Bridgeman Images

Bloß keine Befreiung von der Torheit

Hinzu kommt: Je bedrohlicher, unruhiger und verworrener die Zeiten sind, umso mehr sind viele Menschen bereit, sich für dumm verkaufen zu lassen. Ist es da nicht nachvollziehbar, dass so viele dem Charme des Irrationalen verfallen? Um nochmals Erasmus von Rotterdam zu zitieren: „Es tut halt so sauwohl, keinen Verstand zu haben, dass die Sterblichen um Erlösung von allen möglichen Nöten lieber bitten, als um Befreiung von der Torheit.“ (mit KNA-/dpa-Agenturmaterial)