Mario Voigt ist Dr.-Titel endgültig los
: Was Thüringens Ministerpräsidenten und den Hauptmann von Köpenick verbindet

Beide heißen Voigt, beide sind geborene „Ossis“ und beide mach(t)en Schlagzeilen: Friedrich Wilhelm Voigt, bekannt als Hauptmann von Köpenick, und Mario Voigt, CDU-Ministerpräsident von Thüringen. Der eine wurde durch seine „Köpenickiade“ weltberühmt, der andere schlägt sich mit einer Dr.-Plagiatsaffäre herum. Ein Lagebericht.
Von
Markus Brauer
Berlin/Chemnitz/Erfurt
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Mario Voigt

Friedrich Wilhelm Voigt als Hauptmann von Köpenick auf einer Postkarte (li., um 1906) und Mario Voigt, Ministerpräsident von Thüringen, bei einer Rede im Bundesrat. (re., am 12. Juni 2026) (Fotomontage).

Michael Kappeler/dpa/Berliner Woche (Ralf Drescher), gemeinfrei
  • TU Chemnitz entzieht Mario Voigt endgültig den Dr. phil.; Widerspruch wurde abgewiesen.
  • Voigt will gegen die Entscheidung klagen, seine Anwälte kündigen rechtliche Schritte an.
  • Vorwurf: in der Dissertation von 2008 wurden rund 200 Stellen plagiiert.
  • Politischer Druck hält an – AfD forderte Rücktritt und scheiterte mit Misstrauensvotum.
  • Koalitionspartner BSW und SPD stützen Voigt; zusätzlich Kritik wegen nicht gekennzeichneter KI-Nutzung.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Am 16. Oktober 1906 betritt der gelernte Schumacher und Kleinkriminelle Friedrich Wilhelm Voigt das Rathaus der Stadt Cöpenick bei Berlin.

Friedrich Wilhelm Voigt und die „Köpenickiade“

Gekleidet in der schmucken Uniform eines Hauptmanns des Preußischen 1. Garde-Regiments zu Fuß und begleitet von einem Trupp gutgläubiger Soldaten dringt der 57-Jährige in die Amtsstuben ein, besetzt das Rathaus und stellt den verdutzten Bürgermeister unter Arrest. Unter der frei erfundenen Kabinettsorder „auf allerhöchsten Befehl“ raubt Voigt das Geld der Stadtkasse in Höhe von 3557,45 Mark.

Zeitgenössische Bildergeschichte zur "Köpenickiade"

Zeitgenössische Bildergeschichte zur "Köpenickiade".

Imago/KHARBINE-TAPABOR

Einige weitere amüsante Ereignisse türmen sich später zur legendären „Köpenickiade“ auf. Ganz Deutschland lachte über den Geniestreich. Selbst seine kaiserliche Hoheit soll geschmunzelt haben.

Porträt von Kaiser Wilhelm II. aus dem Jahre 1902, von Thomas Heinrich Voigt (noch ein Voigt).

Porträt von Kaiser Wilhelm II. aus dem Jahre 1902, fotgrafiert von Thomas Heinrich Voigt (noch ein Voigt).

Imago/imagebroker

Das Landgericht II in Berlin versteht indes keinen Spaß und verurteilt den falschen Hauptmann wegen „unbefugten Tragens eines Uniform“ sowie diverser anderer Delikte zu vier Jahren Gefängnis. Doch Kaiser Wilhelm II., der selbst Uniformen über alles liebt, begnadigt Friedrich Wilhelm Voigt. Am 16. August 1908 wird dieser vorzeitig aus der Haftanstalt entlassen.

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Friedrich Wilhelm Voigt, 1910

Der echte Hauptmann von Köpenick: Friedrich Wilhelm Voigt im Jahr 1910

Bain News Service, publisher/geminfrei

Der Rest ist Legende und wird von Carl Zuckmayer zu einem beliebten Theaterstück verarbeitet. Im Jahr 1956 verewigt Heinz Rühmann Voigt in der legendären Tragik-Komödie „Der Hauptmann von Köpenik“ unter der Regie von Helmut Käutner.

Szene aus dem deutschen Spielfilm "Der Hauptmann von Köpenick" ( 1956) mit Heinz Rühmann (Zweiter v. re) in der Rolle des Hochstaplers Friedrich Wilhelm Voigt.

Szene aus dem deutschen Spielfilm „Der Hauptmann von Köpenick" ( 1956) mit Heinz Rühmann (Zweiter v. re) in der Rolle des Hochstaplers Friedrich Wilhelm Voigt.

Imago/United Archives

Mario Voigt und die Dr.-Plagiatsaffäre

Fast 120 Jahre später ist ein anderer Voigt mit einer anderen Affäre endgültig aufgeflogen: Mario Voigt. Im Gegensatz zu seinem berühmteren Namensvetter ist der 49-Jährige ein wohlbestellter und honoriger Bürger. Seines Zeichens thüringischer Ministerpräsident und CDU-Chef in dem Ost-Land.

„Super-Mario“ hat in seinem Berufsleben bisher viel erreicht - im Gegensatz zu Friedrich Wilhelm. Er hat sogar promoviert - im Jahr 2008 zum Dr. phil. im Fach Politikwissenschaft an der TU- Chemnitz bei dem bekannten Politologen und Extremismus-Forscher Eckhard Jesse.

Ehre, wem Ehre gebührt: Hochschulabsolventen mit akademischen Hut und Urkunde.

Ehre, wem Ehre gebührt: Hochschulabsolventen mit akademischem Hut und Urkunde.

Imago/Ikon Images

TU Chemnitz bleibt hart

Doch nun hat die Technische Universität Chemnitz abschließend und endgültig entschieden: Mario Voigt darf sich nicht mehr Dr. phil. nennen. Der Widerspruch des CDU-Politikers gegen die Aberkennung seines schmückenden Titels sei vom Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät der TU Chemnitz zurückgewiesen worden, teilt ein Sprecher der Universität mit.

Ein Anwalt Voigts erklärt postwendend, dass die universitäre Entscheidung nicht überraschend sei. „Nach rechtlicher Prüfung werden wir Klage erheben.“

„Super-Mario“ gehört nicht mehr zu Deutschlands Drs.

In Deutschland gibt es schätzungsweise 860.000 bis 890.000 Personen mit einem Doktortitel. Das entspricht etwa 1,2 Prozent der Bevölkerung. Jedes Jahr schließen zudem rund 26.600 Hochschulabsolventen eine neue Promotion erfolgreich ab, während zeitgleich über 210.000 Studiosi an deutschen Universitäten an ihrer Doktorarbeit (Dissertation) schreiben.

Wie viele Mario Voigts Schicksal teilen, ist nicht bekannt. Es gibt keine offizielle oder bundesweite Statistik darüber, wie viele Doktortitel in Deutschland jedes Jahr entzogen werden. Da Hochschulen autonom handeln und Entziehungsverfahren dem Datenschutz unterliegen, erfassen Ministerien oder das Statistisches Bundesamt diese Zahlen nicht zentral.

Mario Voigt beim konstruktiven Misstrauensvotum im Erfurter Landtag.

Mario Voigt im Februar 2026 beim konstruktiven Misstrauensvotum im Erfurter Landtag.

Imago/Bild13

Erste Vorwürfe kamen schon im Wahlkampf auf

Mario Voigt steht seit Monaten wegen der delikaten Angelegenheit unter Druck. Ihm wird vorgeworfen, in seiner Dissertation mit dem Titel „Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf: George W. Bush gegen John F. Kerry“ aus dem Jahr 2008 unsauber gearbeitet zu haben. Die ersten Plagiatsvorwürfe waren kurz vor der Landtagswahl 2024 aufgekommen.

Gründe für den Entzug des Dr. können nachträglich entdeckte Plagiate in der Doktorarbeit sein, aber auch gefälschte Daten oder Experimente sowie nachträgliche Mängel. Wenn sich etwa herausstellt, dass wesentliche Voraussetzungen für die Verleihung fehlten.

Als Voigt mit der CDU noch in der Opposition war und als Spitzenkandidat der Christdemokraten antrat, war schon nicht alles „koscher“ mit seinem Dr.. Die Christdemokraten witterten damals eine Schmutzkampagne im Wahlkampf. Nach der Wahl bildete Voigt eine Regierung aus CDU, BSW und SPD - die sogenannte Thüringer Brombeer-Koalition - und wurde am 12. Dezember 2024 im Erfurter Landtag zum Regierungschef gewählt.

In der Diss. plagiiert bis zum Abwinken

Im Januar 2026 wurde dann bekannt, dass die TU Chemnitz nach einer langwierigen Prüfung zu der Entscheidung gekommen ist, Mario Voigt die Doktorwürde abzuerkennen. Er soll mutmaßlich rund 200 (+) Stellen in seiner Dissertation plagiiert haben.

Schon damals kündigte Voigt an, sich gegen diese Entscheidung zu wehren - notfalls vor Gericht. Doch den Schaden an seiner öffentlichen Reputation und politische Glaubwürdigkeit wird er dadurch nicht wiedergutmachen können.

Karriere-Aus für zu Guttenberg und Schavan, aber nicht für Voigt

Trotz erwiesenen wissenschaftlichen Betrugs will Mario Voigt im Amt bleiben. Anders als Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der am 1. März 2011, und Annette Schavan (CDU), die am 9. Februar 2013 nach schweren Plagiatsvorwürfen in ihren Doktorarbeiten von ihren Ministerämtern zurücktraten. Beide Affären führten zum Entzug ihrer akademischen Grade und lösten in Deutschland eine intensive Debatte über wissenschaftliche Redlichkeit aus.

Doch das waren noch andere Zeiten. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte satte Mehrheiten im Bundestag, ihr saß keine AfD im Nacken. Der thüringische AfD-Landes- und Fraktionschef - und ehemalige Oberstudienrat ohne Dr. - Björn Höcke wartet nur darauf, Mario Voigt vom Thron zu stürzen und ihn zu beerben.

Björn Höcke fordert Voigt-Rücktritt

Anfang Februar hatte die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Voigt losgetreten. Höcke trat dabei selbst für den Posten des Ministerpräsidenten an und scheiterte. Voigt blieb im Amt.

Mitte Mai präsentierte Höckes AfD-Fraktion ein von ihr bezahltes Gutachten des als „Plagiatsjäger“ bekannten österreichischen Kommunikationswissenschaftlers Stefan Weber, das weitere Plagiatsstellen in Voigts Doktorarbeit belegen sollte.

Pressekonferenz AfD zum Plagiatsgutachten am 20. Mai 2026 im Erfurter Landtag, Raum F056: Pressesprecher Hans-Joerg Jenewein (li.), Fraktionsvorsitzender Björn Hoecke (Mi.) und Stefan Weber, Privatdozent an der Universität Wien (re.).

Pressekonferenz der AfD zum Plagiatsgutachten am 20. Mai 2026 im Erfurter Landtag, Raum F056: Pressesprecher Hans-Jörg Jenewein (li.), Fraktionsvorsitzender Björn Hoecke (Mi.) und Stefan Weber, Privatdozent an der Universität Wien (re.).

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Höcke forderte Voigt erneut zum Rücktritt auf. „Herr Ministerpräsident Voigt, beenden Sie dieses unwürdige Schauspiel und treten Sie endlich zurück!“ Er sprach von „Heimlichtuerei“. „Wenn Voigts Anwälte bereits seit dem 17. Juli Bescheid wussten, warum erfährt die Öffentlichkeit erst Wochen später davon?“

Auch der Vorsitzende der oppositionellen Linke-Fraktion, Christian Schaft, war „not amused“: „Voigt hat Vertrauen und Integrität verspielt.“

Rückendeckung aus dem Kabinett und KI-Affäre

Rückendeckung erhält Mario Voigt dagegen aus seinem Kabinett. Thüringens Finanzministerin und BSW-Chefin Katja Wolf erklärt, es sei keine Überraschung, dass die TU den Widerspruch gegen ihre eigene Entscheidung zurückweist. „Wir arbeiten vertrauensvoll mit Mario Voigt zusammen.“

Auch die Thüringer Sozialministerin und SPD-Vize-Landeschefin Katharina Schenk stellt sich hinter Voigt. Ihr sei nicht klar, „wie diese Doktorarbeits-Frage die Regierungsfähigkeit beeinträchtigen sollte“.

Allerdings muss Mario Voigt nicht nur wegen seiner Dr.-Plagiats-Affäre um seine politische Zukunft fürchten. Auch  wegen nicht gekennzeichneter Verwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) in Reden und mehreren Gastbeiträgen steht er in der Kritik. Nachdem dies im Juni 2026 bekannt geworden war, nahm die „FAZ“ einen Gastbeitrag von Voigt aus dem Netz.

Wilhelm II. schmunzelte, Steinmeier wohl eher nicht

Anders als anno 1906 ist von Deutschlands oberstem Repräsentanten, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (1991 zum Dr. jur. promoviert) nicht bekannt, dass er über Mario Voigts „Köpenickiade“ geschmunzelt haben soll. Warum auch?

Anders als sein Namensvetter Friedrich Wilhelm Voigt, der am 3. Januar 1922 im Alter von 72 Jahren starb, dürfte Mario Voigt wohl kaum in Theaterstücken und Spielfilmen verewigt werden. Er dürfte als siebter Ministerpräsident des Freistaates Thüringen in Erinnerung bleiben, der sich mit akademischen Ehren schmückte, die ihm offiziell nicht zustanden.