Stolperstein-Verbot in Heidenau
: Wehret der Geschichtsvergessenheit!

Die sächsische Kleinstadt Heidenau verbietet Stolpersteine im öffentlichen Raum. Das spricht der Erinnerungsarbeit in vielen Orten Hohn. Ein Kommentar von Jan Sellner
Kommentar von
Jan Sellner
Stuttgart
Stolperstein Verlegung in Stuttgart zum Gedenken an vertriebene oder ermordete Juden im Zweiten Weltkrieg: Gedenken an Chaskel, Chana, Heinrich und Frida Schlüsselberg in der Silberburgstrasse.

Vier von inzwischen 1083 Stolpersteinen in Stuttgart.

Lichtgut/Leif Piechowski

Die sächsische Kleinstadt Heidenau ist weit weg. Und doch betrifft das, was der dortige Gemeinderat jetzt beschlossen hat, uns alle oder sollte uns alle betreffen. Denn die mit Stimmen von AfD, der CDU und einer lokalen Gruppierung getroffene Entscheidung, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verbieten, sendet ein fatales Signal aus. Es drückt aus: Erinnern stört, macht Arbeit, wir sind dem überdrüssig.

Ja, es stimmt. Stolpersteine machen Arbeit. Erinnerungsarbeit. Und ja, auch das große München lässt keine Stolpersteine im öffentlichen Raum zu. Die Beweggründe dort sind jedoch ganz andere. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, will ein „Gedenken auf Augenhöhe“. Diese Auffassung ist sehr respektabel, gerade vor dem Hintergrund ihres eigenen Erlebens; Knobloch musste mit ansehen, wie auf Menschen getreten wurde. Ihr Nein zu Stolpersteinen stellt jedoch keine Mehrheitsmeinung dar, auch nicht innerhalb der jüdischen Gemeinden. Zudem fördert die Stadt München sehr viel aufwändigere und teurere Erinnerungsstelen, die auf private Initiative hin an den Orten aufgestellt werden, wo Nazi-Opfer wohnten. Dazu kommt ein ähnlich gelagertes Erinnerungsprojekt am Münchner Platz der Freiheit.

Eine anonyme Erinnerungsecke auf dem städtischen Friedhof, wie Heidenau es nun ersatzweise andenkt, kann dies nicht entfernt leisten. Gunter Demnig, dem Initiator der Stolpersteine, geht es darum, „die Erinnerung in die Straßen zu holen“. Das ist der richtige Ansatz.

Stolpersteine sind keine toten Steine. Sie sind eine sehr persönliche Form des Erinnerns. Die mit einer kleinen Messingplatte überzogenen Steine tragen die Namen und die Lebensdaten von Verfolgten des Nazi-Regimes und werden vor deren letztem selbstgewählten Wohnort in das Trottoir eingelassen. Vor jeder Verlegung steht eine lange Recherche, meist von privaten Initiativen, wie den Stuttgarter Stolpersteininitiativen. Sie lassen die Menschen hinter den Namen hervortreten und verschaffen denen, die von den Nationalsozialisten erst entrechtet wurden und dann unter den Augen der Nachbarn verschwanden, ein kleines Stück Aufmerksamkeit. Darin liegt die große Kraft und Würde dieses größten dezentralen Erinnerungsprojekts in Europa mit inzwischen rund 128.000 verlegten Steinen.

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Der Anti-Stolperstein-Beschluss von Heidenau spricht all dem Hohn. Er ist ein Anti-Erinnerungsbeschluss. Hier muss ohne Wenn und Aber gelten: Wehret der Geschichtsvergessenheit!