Automobilindustrie in Baden-Württemberg
: Offen für Zugeständnisse „wie nie zuvor“

Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut erkennt angesichts der Automobilkrise eine noch nie erlebte Veränderungsbereitschaft von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Was aber kann die Politik tun?
Von
Matthias Schiermeyer
Stuttgart
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VW-Aufsichtsrat und IG-Metall-Protesttag - Neckarsulm: 09.07.2026, Niedersachsen, Neckarsulm: Betriebsräte, Vertrauensleute und Mitglieder der Jugendvertretung von Audi beteiligen sich an einer Informations- und Protestaktion der IG Metall vor dem Audi-Werk in Neckarsulm. Am Tag der Aufsichtsratssitzung der Volkswagen AG in Wolfsburg organisiert die IG Metall bundesweit Informations- und Protestaktionen an zahlreichen Standorten des Konzerns. Foto: Bernd Weißbrod/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Audi-Beschäftigte protestieren in Neckarsulm gegen eine mögliche Werkschließung – inwieweit kann die Landespolitik helfen?

Bernd Weißbrod/dpa
  • Landespolitik reagiert auf „schwarze Wochen“ der Autoindustrie in Baden-Württemberg.
  • Audi-Werk Neckarsulm mit 15.000 Jobs bedroht – weitere 15.000 hängen in der Region daran.
  • Ministerin Hoffmeister-Kraut kündigt Jour fixe und Taskforce zur Standortsicherung an.
  • Breite Runde mit Herstellern, IG Metall und Südwestmetall signalisiert Zugeständnisse.
  • SPD fordert konkrete Vereinbarungen statt neuer Papiere, Beschäftigte seien nicht das Problem.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der „Schwarze Freitag“ hat auch die Landespolitik beeindruckt: Am 26. Juni wurden neue Sparpläne bei Mercedes mit der Forderung nach längeren Arbeitszeiten bekannt sowie die Absicht des VW-Vorstands, das Audi-Werk Neckarsulm zu schließen– zudem die Rücktrittsankündigung von Bosch-Chef Stefan Hartung. Seither sind einige schlechte Nachrichten – etwa bei Porsche – hinzugekommen. Es sind also „schwarze Wochen“ für Baden-Württembergs Automobilindustrie, die auch die Landesregierung in Bewegung gesetzt haben.

„Bestürzt über die täglichen Hiobsbotschaften“

So ist die Landtagsdebatte am Mittwoch erst mal ein Ort, um Betroffenheit zu äußern. „Wir alle sind bestürzt über die täglichen Hiobsbotschaften“, sagt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Zugleich betont sie, aktiv dagegen anzugehen. Das betrifft vor allem Neckarsulm, wo ein Werk mit 15.000 Arbeitsplätzen zur Disposition steht und daran angehängt mehr als 15.000 weitere Beschäftigte in der Region um ihr Einkommen fürchten müssen – was für die IG Metall ein „Frontalangriff auf die Zukunft der Industriearbeitsplätze“ wäre.

Sie sei im „engen Austausch mit dem Betriebsratsvorsitzenden und mit dem Werksleiter“, sagt die Ministerin – gemeinsam wolle man einen „Jour fixe“ einrichten, um „ganz eng mitzugestalten“ und das Werk so effizient und produktiv aufzustellen, „dass neue Produktlinien nach Neckarsulm kommen“. Es sei der Wunsch der Arbeitnehmer- und der Arbeitgeberseite, „dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen und um Lösungen ringen“.

Vorige Woche hat Hoffmeister-Kraut zudem kurzfristig zum Spitzengespräch über die Zukunft des Standorts eingeladen. „Das Interesse bei den Automobilherstellern und Zulieferern war groß: Personalvorstände, Betriebsratsvorsitzende, IG Metall und Südwestmetall haben sich die Zeit genommen.“ Das sei „wirklich hochkarätig“ gewesen. Sie habe dort „eine Bereitschaft zur Veränderung wahrgenommen, wie das in dieser Form noch nicht der Fall war – alle sind offen auch für Zugeständnisse“.

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Wer ist der bessere Jobretter?

Bosch-Gesamtbetriebsrat Frank Sell hatte kurz zuvor eine Taskforce mit Vertretern der Automobil- und Zulieferindustrie, der Arbeitnehmer, von Gewerkschaft und Politik angemahnt, „die erst auseinandergeht, wenn sie Lösungen erarbeitet hat, die die Zukunft der Branche sichern“. So kam es vor einer Woche auch: Vereinbart wurde eine Taskforce zur Zukunft des Automobilstandortes. „Das war der gemeinsame Wunsch, um über konkrete Maßnahmen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit, der Innovationsfähigkeit, der Wertschöpfung bei uns am Standort und damit auch der Beschäftigung zu diskutieren, und das dann auf allen Ebenen einzufordern“, so Hoffmeister-Kraut.

Das wäre sozusagen ein neuer Arbeitskreis, aber wohl besser, als nichts gegen die Krise zu tun. Gleichwohl liegt der Verdacht nahe, dass sich CDU und Grüne ein Wettrennen liefern: Wer ist der bessere Jobretter? Ministerpräsident Cem Özdemir habe, ganz neu im Amt, schon Spitzengespräche mit Herstellern, Zulieferern und Gewerkschaften geführt, betont die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen, Sarah Hagmann. In den letzten Wochen sei er ins Gespräch mit Verantwortlichen bei VW und Audi über Neckarsulm gegangen. Auch werde der Strategiedialog Automobilwirtschaft fortgeführt.

„Beschäftigte sind nicht das Problem“

Beantragt worden ist die Landtagsdebatte allerdings von der Opposition – weshalb die SPD auch Betriebsräte von Bosch, Audi, Mercedes und Vertreter der IG Metall eingeladen hat. „Lassen Sie sich nicht einreden, dass Sie das Problem sind“, wendet sich Fraktionschef Sascha Binder an die fachkundigen Zuhörer. Denn nicht nur Özdemir, sondern auch der CDU-Fraktionschef Tobias Vogt sieht in den Lohnkosten als Teil hoher Standortkosten einen Teil des Problems.

Zugleich fordert Vogt vom Audi-Management eine „belastbare Perspektive für neue Produkte sowie die dafür notwendigen Investitionen und Klarheit darüber, welche Zukunft der Konzern dem Standort und seinen Beschäftigten gibt“. Und Hoffmeister-Kraut betont, der Strukturwandel könne nur gelingen, wenn er wirtschaftlich tragfähig und sozial verträglich gestaltet werde – wozu aus ihrer Sicht die „Nutzung und gegebenenfalls der flexiblen Arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Instrumente gehört“.

Fast unvermeidlich werden in der Landtagsdebatte die alten Schlachten um Elektromobilität, Verbrenner und „echte Technologieoffenheit“ geschlagen. Akut von Jobabbau betroffene Beschäftigte dürften sich fragen, was das alte Gezänk, die Bilanz von bisher erreichten Fortschritten oder vollmundige Appelle bringen, wenn ganz aktuelle Vorschläge ausbleiben.

So fordert Fraktionschef Binder die Abgeordneten auf, den Anschein zu vermeiden, „dass das alles Simulation ist“. Nötig seien nicht Papiere oder eilig anberaumte Sitzungen, sondern gemeinsame Vereinbarungen, die umgesetzt werden. Die SPD wolle dazu beitragen. Denn „wenn die Beschäftigten in diesen Tagen eines bewegt, dann dass wir keine Zeit haben“.