Blickfang an Böblinger Stadtkirche Vor Bundestagswahl: Banner als Appell für Demokratie

Fest vertäut an der Fassade: Im Vorfeld der Bundestagswahl wird die evangelische Kirche politisch. Foto: Eibner-Pressefoto/Andreas Ulmer

Der evangelischen Kirche in Böblingen ist es wichtig ein Zeichen zu setzen. Dekan Frasch nennt die Motivation und kritisiert auch die CDU.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Am Turm der Böblinger Stadtkirche prangt seit Freitag ein vier mal zwölf Meter großes Banner. Im Vorfeld der Bundestagswahl mahnt es, für Demokratie und gegen Rechtspopulismus zu stimmen. „Wir machen ein politisches Statement, obwohl das nicht kirchlicher Alltag und nicht primär unsere Aufgabe ist“, sagt Markus Frasch, Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Böblingen und erklärt die Gründe.

 

Für das christliche Menschenbild sei die Würde des Menschen, die Gott ihm verleihe, egal woher er komme und welcher Religion er angehöre, eine Größe, über die man nicht verhandeln könne. „Doch der Respekt vor dieser Würde steht derzeit zur Disposition, bei uns im Land und in der Welt“, meint Frasch. „Wir fordern die Menschen daher auf, Parteien zu wählen, die die Würde aller Menschen respektieren.“

Frasch zeigt sich besorgt

Vor dem Hintergrund des CDU-Antrags zur Migration, der am Mittwoch auch mit den Stimmen der AfD eine Mehrheit fand, bekommen diese Worte und die Aktion der Kirche eine neue Dimension. Am Freitag hat der Bundestag außerdem emotional über das von der Union eingebrachte „Zustrombegrenzungsgesetz“ diskutiert – und am Ende knapp abgelehnt. Auch diese Debatte, bei der der AfD eine entscheidende Rolle zukam, hatte Sorgen und Ängste ausgelöst.

Dass dies alles zeitlich zusammenfällt, sei Zufall, sagt Frasch. Die Entscheidung das Plakat aufzuhängen habe der Kirchengemeinderat bereits vor über einer Woche getroffen. Doch es wird deutlich, dass ihn das Verhalten der CDU umtreibt. „Das passt nicht zum christlichen Menschenbild“, sagt er besorgt. Viele konservative Christen stünden nun vor der großen Frage, wen sie wählen sollen. „Die CDU hat uns ein dramatisches Problem beschert.“

Bereits im Vorfeld der Abstimmung am Mittwoch hatten sich Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland über die CDU-Pläne betroffen gezeigt. Die Debatte sei nicht geeignet zur Lösung tatsächlich bestehender Fragen beizutragen und führe eher dazu, alle in Deutschland lebende Migranten zu diffamieren.

Andere Kirchengemeinde dient als Vorbild

Das Plakat an der Böblinger Stadtkirche anzubringen, ist eine der ersten Entscheidungen des Kirchengemeinderats nach der Fusion. Zum 1. Januar 2025 sind die ehemals vier Böblinger Kirchengemeinden zu einer großen zusammengeschmolzen. Die Idee für das Banner geht auf Stadtpfarrerin Gerlinde Feine zurück. Als Vorbild dient unter anderem die evangelische Kirche in Stuttgart-Weilimdorf. Sie brachte Anfang des Jahres ein gleich aussehendes Statement an ihrem Kirchturm an.

Feine, die auch für die SPD im Böblinger Gemeinderat sitzt, betont, dass es sich um einen überparteilichen Wahlaufruf handle. „Im Kirchengemeinderat sind profilierte Leute aus allen demokratischen Parteien.“ Die Wahl, das Banner an der Stadtkirche und nicht anderswo anzubringen, sei schnell gefallen, nicht nur wegen der guten Sichtbarkeit. „Denn an der Stadtkirche sieht man, was passiert, wenn Demokratie verschwindet“, sagt Feine und bezieht sich auf die Zerstörung des Gebäudes im Zweiten Weltkrieg.

Am Freitagmorgen zeigt sich, dass es keine einfach Sache ist, ein so großes Plakat zu montieren. Der Böblinger Architekt Friedrich Ruoff hatte die Planung übernommen und beispielsweise die Windlast berechnet. Ein Hubwagen hebt einen Korb in die Höhe, von dem aus Männer Loch um Loch in die Kirchturmwand bohren, um das Plakat windsicher festzurren. Nach gut zwei Stunden ist es dann so weit: das Banner hängt.

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