Der Bund der Vetriebenen lädt zum Festakt nach Stuttgart – und der Andrang ist gewaltig. Auch wegen des Bundeskanzlers. Zahlreiche Gäste müssen wieder umdrehen.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Die Wartezeit ist lang, doch die Stimmung gut. Vor dem Neuen Schloss in Stuttgart stehen am Dienstagvormittag zahlreiche Menschen geduldig in einer Schlange. Alle schick gemacht in Trachten, Anzügen oder Kleidern. Zwar sind es noch über eineinhalb Stunden, bis im Weißen Saal der Festakt des Bundes der Vertriebenen (BdV) beginnt, doch die Sicherheitsvorkehrungen sind umfangreich. Überall Polizei und Männer mit Knopf im Ohr und Sonnenbrillen, Sicherheitsleute, zudem ein Spürhund. Eine Drohne kreist über dem Schlossplatz.

 

Der Grund: Der BdV feiert mit mehreren Hundert Gästen und viel Prominenz das Jubiläum „75 Jahre Charta der deutschen Heimatvertriebenen“. Die Charta gilt als großer Schritt in der damals noch jungen Geschichte der neuen Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie wurde am 5. August 1950 im Kursaal in Bad Cannstatt von 30 Vertretern der deutschen Heimatvertriebenen beschlossen und einen Tag später auf dem Stuttgarter Schlossplatz und im ganzen Bundesgebiet verkündet.

Viel Prominenz bedeutet viel Polizei

Die zweistündige Veranstaltung, an die sich noch ein Empfang unter Beteiligung der Landesregierung anschließt, ist völlig ausgebucht. Auch, weil es neben Politprominenz wie die Ministerpräsidentenkandidaten Manuel Hagel und Cem Özdemir, Landtagspräsidentin Muhterem Aras, Landwirtschaftsminister Peter Hauk oder Oberbürgermeister Frank Nopper besonders einen Ehrengast zu sehen und zu hören gibt: den Bundeskanzler. Friedrich Merz hält die Festrede – und ist allein dafür nach Stuttgart gekommen.

Vor dem Eingang sammelt sich eine Siebenbürgische Trachtengruppe zum Foto. Sie wird im Weißen Saal auftreten. „Wir haben viele Auftritte. Wir sind zwar ein bisschen nervös, aber das kriegen wir auch heute hin“, sagt einer mit einem Schmunzeln. Schließlich tanzt man ja nicht jeden Tag vor dem Bundeskanzler.

Dann wird es hektisch. Die Polizei schickt Fußgänger weg und macht den Weg zur Straße frei. Um 12.37 Uhr fährt Merz mit einer Polizeieskorte vor, steigt aus und wird von den Gastgebern freudig begrüßt. Passanten bleiben stehen, machen aus der Entfernung einen Schnappschuss mit dem Kanzler. Ansonsten ist bei diesem Besuch kein Bürgerkontakt vorgesehen.

Doch nicht alle sind glücklich. Die Veranstaltung ist überbucht, aus Sicherheitsgründen dürfen weniger Leute ins Schloss als ursprünglich vorgesehen. Zahlreiche Gäste werden am Eingang abgewiesen, weil es keine freien Plätze mehr gibt. Mehr als einmal muss der Sicherheitsdienst energische Ansagen machen. Und das schon eine halbe Stunde vor Beginn des Festakts. Menschen in Trachten und Anzügen stehen ziemlich enttäuscht auf dem Schlossplatz. „So ist das in unserem schönen Deutschland“, sagt einer ironisch und geht wieder.

Gaza-Protest am Schloss

Genauso wie der Bundeskanzler, nur halt etwas früher. Friedrich Merz verlässt das Neue Schloss kurz nach 15 Uhr und steigt wieder in die Limousine, die ihn zum Flughafen bringt. Der Kurzbesuch geht mit Getöse zu Ende. Denn ein paar Schritte weiter haben sich einige Demonstranten eingefunden, die auf Töpfe schlagen, um auf das Elend in Gaza aufmerksam zu machen. Auch dort geht es schließlich um Vertriebene.