Feministische Theaterarbeit
: Stuttgarter Audiowalk thematisiert patriarchale Gewalt an Frauen

Das Stuttgarter Kollektiv Silent Ladies zeigt mit einem Audiowalk die vielen unsichtbaren Facetten von Gewalt an Frauen. Wie und warum werden Männer gewalttätig gegenüber Frauen?
Von
Petra Xayaphoum
Stuttgart
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Gewalt an Frauen sichtbar zu machen und ihr den Kampf anzusagen, das haben sich die Silent Ladies mit ihrem neuen Stück vorgenommen.

imago/Wolfgang Maria Weber

Dass die Silent Ladies gar nicht so silent sind, wie sie sich nennen, haben Luise Leschik und Dawn P. Robinson, die hinter dem zweiköpfigen Theaterkollektiv aus Stuttgart stecken, schon oft genug bewiesen. Etwa vergangenes Jahr mit ihrem Stück „Nora: Breaking the dollhouse“ oder 2023 mit „I choose… No!“, in denen sie sich am Theaterhaus Stuttgart humoristisch und aus der feministischen Perspektive an den Themen Heirat und Nicht-Mutterschaft abgearbeitet haben. Nun steht ein neues Projekt „Walking again in fear“ in den Startlöchern, und wie zu erwarten, geht’s auch darin nicht um Eat, Pray, Love, sondern um Gewalt an Frauen und weiblich gelesenen Personen. „Wenn man seine feministische Arbeit ernst nimmt in allen Bereichen, dann ist das ein Thema, das unumgänglich ist“, sagt Leschik. „Es ist der Urkern des Patriarchats: die patriarchale Gewalt, die auf allen Ebenen wirkt, im privaten sowie im öffentlichen Raum – und die leider zunimmt.“

„Alle vier Minuten erlebt eine Frau in Deutschland Gewalt durch den (Ex-)Partner“

„Walkink again in fear“, das am 11. September im Studio Theater Premiere feiert, ist ein Audiowalk, der mit performativen Interventionen gespickt ist und rund 60 bis 65 Minuten dauert. Ausschlaggebend dafür, sich des Themas anzunehmen, ist für die beiden die zunehmende Gewalt an Frauen und der Umgang mit den steigenden Vorfällen gewesen. So begrüßen sie etwa das neu beschlossene Gewalthilfegesetz, doch es packe das Problem der patriarchalen Gewalt gegen Frauen und weiblich gelesene Personen nicht beim Schopfe. „Es ist ja schön, das unter anderem finanzielle Unterstützung für Frauenhäuser bereitgestellt wird, aber das Problem liegt ja eigentlich woanders“, betont Luise Leschik. Das Gesetz fällt wie auch schützende Gadgets alla Pfeffer- und Schlumpfspray unter die Kategorie Selbstschutz seitens der Frau. Die eigentliche Frage müsste aber sein: „Warum werden Männer gewalttätig? Und: Wie kommen wir dahin, dass es überhaupt nicht nötig wäre, ein solches Gewalthilfegesetz zu verabschieden“, regt Dawn P. Robinson an.

Dawn P. Robinson und Luise Leschik (von links, oben) stecken gemeinsam mit Tontechniker Vincent Wikström und den Darstellerinnen Mira Sanjana Sharma und Martina Gunkel hinter dem Audiowalk „Walking again in fear“.

Foto: Petra Xayaphoum

Die Dunkelziffer von Frauen, die geschlechtsspezifische Gewalt erleben, ist groß. Dabei ist vor allem Gewalt, die nicht physisch ausgeübt wird, unsichtbar. „Gewalt wirkt auf so vielen Ebenen, es gibt nicht nur physische Gewalt. Viele Beziehungsmuster, die uns als romantisch verkauft wurden, sind gewaltvoll und wirken auf einer psychischen Ebene“, sagt Robinson. In ihrem Audiowalk, der mit Performances der Theatermacherinnen und zwei weiterer Darstellerinnen, Martina Gunkel und Mira Sanjana Sharma, unterbrochen wird, möchten sie dem Moment der Erkenntnis eine besondere Rolle zukommen lassen. „Psychische Gewalt ist für Betroffene oft schwer greifbar. Den Prozess der Realisierung – was ist mir da eigentlich passiert, welche Formen von Gewalt gibt es – haben wir insbesondere versucht, im Audiowalk zu adressieren.“

Unsichtbare Gewalt an Frauen sichtbar machen

Im Zuge der Recherche für „Walking again in fear“ haben sich die Silent Ladies mit verschiedenen Institutionen ausgetauscht, etwa der Frauenberatungsstelle Stuttgart. „In Zuge dessen ist uns nochmal deutlich geworden, wie schwer es für Opfer ist, zu sagen ‚Ja, das ist nicht richtig, da muss ich jetzt raus‘, weil die privaten Strukturen so tief greifen“, berichtet Leschik. Stichwort: finanzielle Gewalt. „Wenn eine Frau finanziell und wirtschaftlich abhängig ist in einer Beziehung, ist es ein ganz schwerer Schritt, sich daraus zu entfernen“, klären die Stuttgarterinnen auf. Auch soziale Gewalt wird häufig unterschätzt. „Wenn man sich des Partners wegen schon komplett isoliert und den Kontakt zu Freunden und Familie abgebrochen hat, fragt man sich auch in erster Linie ‚Wo gehe ich dann jetzt hin?‘“

Im Audiowalk, der sich rund ums Studio Theater in der Hohenheimer Straße bewegt, wird dabei sowohl Gewalt im öffentlichen als auch im privaten Raum behandelt. „Auch Rassismus ist ein Thema mit dem wir uns auseinandersetzen: Denn wenn es um Femizide geht, in denen der Täter nicht weiß ist, ist die Berichterstattung viel größer als die Berichterstattung bei weißen Tätern. Dabei passiert Gewalt an Frauen in allen Bevölkerungsgruppen und Schichten“, betonen Leschik und Robinson. Für die Geschichten, die im Walk erzählt werden, haben die beiden sozusagen aus ihrem eigenen Repertoire geschöpft. Sie fungieren als Stellvertretergeschichten im Programm, in denen sich wahrscheinlich die meisten weiblichen und weiblich gelesenen Personen im Publikum zu einem gewissen Grad wiederfinden. Außerdem wurden die 2024 vom Projekt „@femizidestoppen“ gesammelten Femizide und Feminizide verarbeitet.

Dass das nicht der heiterste Audiowalk ist und im Gegensatz zu ihren früheren Stücken mit keinem humoristischen Element versehen ist, ist Leschik und Robinson bewusst. Um dem Publikum dennoch die Chance zu geben, aus ihrem Projekt mit einem Empowerment-Moment herauszugehen, haben sie für den 13. September vormittags zusätzlich einen Selbstbehauptungsworkshop für Flinta*, also Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nicht-binäre, Trans und Agender Personen, organisiert. Anmelden kann man sich über ein Formular auf ihrer Homepage www.silentladies.de. Tickets für den Audiowalk kann man über die Seite des Studio Theaters erstehen.

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