Aufstieg der Extremisten: Thomas Manns Rede gegen die Nationalsozialisten


Thomas Mann im Exil: Der Literaturnobelpreisträger in seinem Arbeitszimmer in der Villa in Pacific Palisades / Santa Monica, Kalifornien.
/IMAGOBei der Reichstagswahl im Mai 1928 – am Ende der Stabilisierungsphase der Weimarer Republik, hatte sich die NSDAP noch mit einem Stimmenanteil von 2,6 Prozent begnügen müssen, was ihr zwölf Mandate einbrachte. Deutschland wurde von einer großen Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller regiert. Der Liberale Gustav Stresemann, Außenminister und Friedensnobelpreisträger von 1926, suchte das prekäre Bündnis zusammenzuhalten. Er starb im Oktober 1929, ein halbes Jahr später zerbrach auch die große Koalition unter dem Druck der konservativen Eliten, die auf eine Rechtsdiktatur hinarbeiteten. Das Kabinett Müller war die letzte Regierung in der Weimarer Republik, die sich auf eine Mehrheit im Parlament hatte stützen können.
Bei der Neuwahl im September 1930 triumphierten die Nazis, die auf 18,3 Prozent hochschnellten (in Württemberg waren es 9,4 Prozent, in Baden 19,2 Prozent). Mit 107 Abgeordneten stellten sie im Reichstag nach der SPD die zweitstärkste Fraktion. Die NSDAP befand sich in einer Lage wie nach der jüngsten Bundestagswahl die AfD. Ein Verbot der NSDAP kam kaum mehr in Frage, so wie sich diese Diskussion nach dem 23. Februar 2025 auch für die AfD erledigt hat.
Zu jenen, die das destruktive Potenzial der Hitler-Partei sehr früh erkannten, gehörte der Schriftsteller Thomas Mann, dessen 150. Geburtstag wir in diesem Jahr begehen. Manns Hellsicht überrascht, hatte der Autor der „Buddenbrooks“ doch wie viele Intellektuelle seiner Zeit den Ersten Weltkrieg noch mit Pathos gefeiert. In seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) bekannte er sich „tief überzeugt, dass das deutsche Volk die politische Demokratie nie wird lieben können“. 1922 erfolgte die Wende mit seiner „Rede von deutscher Republik“, die er im Berliner Beethovensaal vortrug.
An jenem Ort trat er am 19. Oktober 1930, einen Monat nach der Reichstagswahl, erneut vor das Publikum. „Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft“ – diesen Titel erhielt auch die Druckfassung der Rede, in welcher der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1929 noch einmal für die Republik Partei nahm, deren Stütze er, der in seinem Habitus durch und durch konservativ gestrickte Ästhet und Lübecker Patriziersohn, in der Sozialdemokratie sah. Die Hinwendung des Bürgertums zum Nationalsozialismus vor Augen proklamiert Mann, „dass der politische Platz des deutschen Bürgertums heute an der Seite der Sozialdemokratie ist“. Denn diese habe 1918/19 das Reich vor dem Chaos bewahrt, „in dem ein geschichtlich geschlagenes und flüchtiges System das Land zurückgelassen“ habe. Gemeint mit diesem Verdikt waren der ins holländische Exil getürmte Kaiser Wilhelm II. und der preußisch-deutsche Feudalstaat.
Zum Gegner des Nationalsozialismus formten Mann seine Humanität und ein moralisches Distinktionsbedürfnis. Er sprach von einer „Zeitwende“, damals schon, und er bezog sie auf die Abkehr von den Werten der Aufklärung und der Französischen Revolution. Eine „neue Seelenlage“ habe sich der Menschheit bemächtigt, die mit der bürgerlichen Welt und ihren Prinzipien: Freiheit, Gerechtigkeit, Bildung, Optimismus, Fortschrittsglaube nichts mehr zu schaffen“ habe. Mann konstatiert die „Abkehr vom Vernunftglauben“ und eine Rückwendung zum Irrationalen, zum „Orgiastischen“. Der Nationalsozialismus vermische sich „mit der Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsrohheit, die über die Welt geht, als ein Produkt wilder, verwirrender und zugleich nervös stimulierender, berauschender Eindrücke, die auf die Menschheit einstürmen“. Fast will man meinen, der Schriftsteller spreche von der heutigen Social-Media-Welt. Mann dachte in den philosophischen Kategorien Friedrich Nietzsches. In seiner Ansprache stellte er sich auf die Seite des Apollinischen, des Maßes und der Ratio, er wandte sich gegen das Dionysische, das Prinzip des Rauschhaft-Überwältigenden, das für sein literarisches Werk so bedeutsam ist.
Die Rede im Beethovensaal wurde übrigens von SA-Leuten im – geliehenen – Smoking und Antidemokraten gestört, darunter die Schriftsteller Arnolt Bronnen und Ernst Jünger sowie dessen Bruder Friedrich Georg. Mann gab der Hoffnung Raum, das Wahlergebnis vom 14. September 1930 werde als „Warnung, ein Sturmzeichen“ genommen, als „Mahnung“. Dies geschah nicht. Im Februar 1933 verließ er Deutschland für eine Vortragsreise. Es wurde der Gang ins Exil.