Versuchter Drohnenanschlag in Leipzig: So hat sich Putin zu den Vorwürfen geäußert

Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit: 01.09.2026, Kirgistan, Bischkek: Der russische Präsident Wladimir Putin beantwortet Fragen von Journalisten im Anschluss an den Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). Foto: Vyacheslav Prokofyev/Pool Sputnik Kremlin/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Vyacheslav Prokofyev/Pool Sputnik Kremlin/dpaNach dem versuchten Anschlag mit einer Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle verschärft sich der Konflikt zwischen Deutschland und Russland. Die Bundesregierung macht Moskau offiziell für den Vorfall verantwortlich und hat mehrere Gegenmaßnahmen angekündigt. Russlands Präsident Wladimir Putin weist die Vorwürfe zurück – und verbindet seine Reaktion mit einem scharfen Angriff auf Bundeskanzler Friedrich Merz und dessen Politik.
Was ist passiert?
Der Vorfall ereignete sich am 4. August am Flughafen Leipzig/Halle. Eine mit Sprengstoff präparierte Drohne wurde im Sicherheitsbereich des Flughafens entdeckt. Nach mehrwöchigen Ermittlungen erklärte die Bundesregierung gestern, sie sehe Russland hinter dem versuchten Anschlag.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) begründete die Zuschreibung unter anderem mit den Ergebnissen polizeilicher Ermittlungen, nachrichtendienstlichen Erkenntnissen und dem festgestellten Tatmuster. Drohnenkonfiguration, Bauteile, Sprengstoff und Zündtechnik seien aus anderen russischen hybriden Operationen und aus dem Krieg gegen die Ukraine bekannt, erklärte der Minister. Auch Erkenntnisse von Partnerdiensten seien in die Bewertung eingeflossen.
Nach Angaben Dobrindts weist die Gesamtbetrachtung auf Personen hin, die im Auftrag russischer staatlicher Stellen gehandelt hätten. Die eigentliche Durchführung ordnete der Minister sogenannten „Low-Level-Agenten“ zu. Die Bundesregierung kommt auf dieser Grundlage zu dem Schluss, dass Russland den hybriden Angriff zu verantworten habe. Die strafrechtlichen Ermittlungen sind allerdings noch nicht abgeschlossen; aus Gründen des Informationsschutzes wurden nicht sämtliche Erkenntnisse öffentlich gemacht.
Dobrindt ordnete den Vorfall zudem in eine aus seiner Sicht größere Bedrohungslage ein. Deutschland sei Ziel von Sabotage, Spionage, Desinformation und anderen hybriden Aktivitäten. „Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung“, sagte der Innenminister. Bereits nach dem Drohnenfund hatte die Bundesregierung von einer erhöhten Gefährdung gesprochen und den Nationalen Sicherheitsrat mit dem Vorfall befasst.
Bundesregierung kündigte Maßnahmen gegen Russland an
Außenminister Johann Wadephul (CDU) kündigte als Reaktion mehrere konkrete Schritte an. Das russische Generalkonsulat in Bonn soll am 18. September geschlossen werden. Zudem kündigt Deutschland den Vertrag über das Russische Haus in Berlin. Der russische Botschafter wurde einbestellt.
Darüber hinaus will die Bundesregierung die Einreisekontrollen für russische Staatsangehörige verschärfen, den Druck auf die sogenannte russische Schattenflotte erhöhen und sich auf EU-Ebene für weitere Sanktionen gegen Personen einsetzen, die mit hybriden Operationen in Verbindung gebracht werden. Die zivile und militärische Unterstützung der Ukraine soll fortgesetzt werden.
Wadephul erklärte zugleich, die Bundesregierung habe kein Interesse an einer dauerhaften Konfrontation mit Moskau. Aus deutscher Sicht fehle derzeit jedoch die notwendige Bereitschaft Russlands zu einer Entspannung. Der Leipziger Vorfall habe das ohnehin stark belastete deutsch-russische Verhältnis weiter beschädigt.
Russland bestreitet eine Beteiligung. Moskau bezeichnete die deutschen Vorwürfe als unbegründet und kündigte Gegenmaßnahmen an.
Putin greift Merz persönlich an
Putin reagierte bei einer Pressekonferenz in Bischkek ausführlich auf die deutschen Entscheidungen. Den Vorwurf, Russland sei für den Leipziger Anschlagsversuch verantwortlich, wies er zurück. Gleichzeitig stellte er die These auf, dass das Vorgehen der Bundesregierung vor allem innenpolitische Gründe habe.
„Die Lage des Kanzlers ist innenpolitisch schwierig. Er genießt nicht das Vertrauen seiner Bürger“, sagte Putin über Merz. Der Kanzler schütze die nationalen Interessen Deutschlands nicht, sondern „handelt mit ihnen“, behauptete der russische Präsident.
Putin verband den Streit über den Drohnenvorfall mit einer grundsätzlichen Kritik an der deutschen Wirtschafts- und Russlandpolitik. Unternehmen würden schließen, Arbeitsplätze verloren gehen und der Lebensstandard sinken. Die Bundesregierung benötige daher aus seiner Sicht Russland als äußeres Feindbild, um die eigene Politik zu rechtfertigen.
Mit Blick auf die deutsche Beweisführung fragte Putin: „Und wo sind die Beweise?“ Anschließend behauptete er, Belege gegen Russland seien „untergeschoben“ worden. Für diese Behauptung legte Putin seinerseits keine Belege vor. Berichte über seine Äußerungen bestätigen, dass er der Bundesregierung ein innenpolitisch motiviertes Vorgehen und eine Manipulation der Beweislage vorwarf.
Putin verwies außerdem auf bevorstehende Wahlkämpfe in Deutschland. Die verschärfte Haltung gegenüber Russland sei seiner Auffassung nach auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Die deutschen Maßnahmen bezeichnete er als „groben Fehler“, der den Interessen der deutschen Bevölkerung zuwiderlaufe.
Putins Nord-Stream-Aussage widerspricht dem Stand der Ermittlungen
In seiner Argumentation zog Putin zudem einen Vergleich mit den Anschlägen auf die Nord-Stream-Pipelines im September 2022. Deutschland habe Russland damals beschuldigt, die eigenen Pipelines gesprengt zu haben, sagte der russische Präsident und bezeichnete dies als „Unsinn“.
Die Bundesanwaltschaft hat inzwischen Anklage gegen einen ukrainischen Tatverdächtigen erhoben. Deutsche Ermittler gehen davon aus, dass eine Gruppe ukrainischer Staatsangehöriger an der Sprengung der Pipelines beteiligt gewesen sein soll. Nach Angaben aus den Ermittlungen besteht zudem der Verdacht eines staatlichen Auftrags aus der Ukraine. Die Bundesregierung selbst verweist wegen des laufenden Strafverfahrens auf die Zuständigkeit des Generalbundesanwalts und nimmt keine abschließende politische Bewertung der Urheberschaft vor.
Putins Darstellung, deutsche Behörden hätten Russland als Verantwortlichen für die Nord-Stream-Sprengungen festgelegt, gibt den heutigen Stand der deutschen Ermittlungen daher nicht zutreffend wieder.
Bundesregierung will Erkenntnisse mit NATO-Partnern teilen
Der Streit dürfte damit nicht beendet sein. Deutschland will seine Erkenntnisse zum Leipziger Vorfall auch seinen NATO-Partnern vorlegen. NATO und EU haben Deutschland nach der Schuldzuweisung an Russland Unterstützung zugesichert.
